Amokfahrt-Prozess in Aachen: Männer wegen Körperverletzung verurteilt

Prozess : Prügler kommen mit Bewährungsstrafen davon

Salomonisches Urteil bei Amokfahrt-Prozess: Erst fuhr ein Mann fuhr aus Rache mit seinem Pkw in Nachtschwärmer, dann wurde er von ihnen schwer verletzt. Am Aachener Schwurgericht fiel nun das Urteil gegen vier wegen gefährlicher Körperverletzung und sogar versuchten Totschlags angeklagten jungen Männer.

Die Schuldzuweisung in dem außergewöhnlich komplizierten Verfahren rund um eine mutmaßliche Amokfahrt tief in der Nacht in Aachens Vergnügungsmeile Pontstraße war am Ende eindeutig.

Der Vorsitzende des Aachener Schwurgerichts, Richter Roland Klösgen, hob in der Urteilsbegründung gegen die vier wegen gefährlicher Körperverletzung und sogar versuchten Totschlags angeklagten jungen Männer – Alter zwischen 25 und 28 Jahren – aus Aachen deutlich hervor: „Nicht die hier Angeklagten, der Fahrer jenes Pkw hat diese ganze Kausalkette in Gang gesetzt.“

Am Ende jener Kausalkette stand ein ziemlich brutal vermöbelter und erheblich verletzter heute 33-jähriger Mann, der zuvor Nachtschwärmer, darunter auch zwei der vier hier Angeklagten, „aus Rachmotiven“ (Richter Klösgen) mit seinem Mini angefahren hatte. Los ging die Kamikaze-Fahrt gegen 3.15 Uhr in der Milchstraße und endete mit einem satten Crash an der Mauer eines libanesischen Restaurants auf der Ecke Pont- und Friesenstraße. Dort lag zuletzt der Mitangeklagte Nicolai G. ohnmächtig auf der Straße. Er hätte sogar vom Amokfahrer überrollt werden können.

Einst in der Hooligan-Szene

Weil die drei weiteren Freunde des auf dem Boden liegenden G. – sie hatten früher übrigens mit der Hooligan-Szene zu tun – sich nun angesichts dieser Aktion den Fahrer des Minis vornahmen, wurden drei von ihnen wegen gefährlicher Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Vierte – es handelt sich um Nicolai G. – erhielt eine Geldstrafe wegen einfacher Körperverletzung. Haupttäter Patrick V. (28) erhielt mit einer Strafe von einem Jahr Haft auf Bewährung die höchste Strafe.

Allerdings ließ das Gericht nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sicherlich nachvollziehbar war, den Fahrer stoppen zu wollen. Doch sei es keineswegs hinnehmbar, ihn in Selbstjustiz derart zu verletzen. Denn als die drei Verurteilten nach den Erkenntnissen des Schwurgerichts durchaus im Verbund mit noch weiteren aufgebrachten Nachtschwärmern den wild gewordenen Fahrer vom Café Madrid bis hoch zum Eckrestaurant verfolgt hatten und ihn dann aus dem Wagen zerrten, auf den Boden warfen und mit Fäusten und Tritten traktierten, waren sie „nahe an einem versuchten Tötungsdelikt“, so die Kammer in der Urteilsbegründung.

Zur jetzigen Entscheidung führten im Grunde zwei Umstände. Türsteher der gegenüberliegenden Shisha-Bar „Lava Lounge“ sahen das brutale Geschehen auf der anderen Straßenseite. Einer von ihnen griff sofort ein, schnappte sich den prügelnden Patrick V. und warf ihn zu Boden. Nach diesem anscheinend eindrucksvollen Einsatz (Klösgen: „Das war durchaus Zivilcourage.“) ließen auch die weiteren Prügler ab.

In Mini zurückgekrabbelt

Der Nebeneffekt: Der Kamikaze-Fahrer krabbelte erneut in seinen Mini, setzte vor und zurück, um sich aus der Crash-Situation zu befreien und verschwand gegen die Einbahnstraße im nächtlichen Aachen. Um wiederum nicht angefahren zu werden, ließ unmittelbar zuvor der Türsteher den am Boden liegenden Hauptangeklagten los. Der flüchtete umgehend in Richtung Club Apollo, meldete sich seinerseits bei einem ihm bekannten Türsteher. Die Ak­tion wertete die Kammer juristisch als „strafbefreienden Rücktritt“ von der Tötungsabsicht, die Staatsanwaltschaft hatte immerhin sechs Jahre Haft für Patrick V. beantragt.

Die Verteidigung der vier Angeklagten bestand immer wieder darauf, dass eine eindeutige Zuordnung der Schläge überhaupt nicht möglich gewesen sei. Für zwei der Angeklagten hatte man sogar Freispruch gefordert.

Der Fahrer selbst, der bereits vor dem tumultartigen Geschehen bei einem Streit in der Milchstraße eine Flasche über den Kopf bekommen hatte und daraufhin wütend sein Auto holte, ist in einem eigenen Verfahren angeklagt. Da es noch läuft, verweigerte er die Aussage. Insgesamt mussten im vorliegenden Prozess mehr als 40 Zeugen vernommen werden.