Am 14. September 1944 nahmen die Amerikaner Kornelimünster ein

Vor 75 Jahren endete in Kornelimünster der Krieg : Der Tag, an dem Propst Gerson das weiße Bettlaken hisste

Der Tag, an dem in Kornelimünster der Krieg zu Ende ging, war ein Donnerstag. Am 14. September 1944 rückten amerikanische Soldaten ins Indestädtchen ein. Den Eifelort Roetgen hatten sie zwei Tage zuvor als erste deutsche Gemeinde eingenommen.

Der 14. September 1944 ist 75 Jahre her. In und um Kornelimünster ist er ein wenig beachteter Jahrestag. Die Kapitulation Aachens als erste deutsche Großstadt fünf Wochen später, am 21. Oktober 1944, erregt dagegen weit mehr Aufmerksamkeit, damals wie heute.

Dr. Rudolf Wagemann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Kornelimünster. Der Hobbyhistoriker, Mitglied im Heimat- und Eifelverein Kornelimünster, tut das aus zeitgeschichtlichem, aber auch aus sehr persönlichem Interesse. Wagemann, Jahrgang 1939, ist in Kornelimüster aufgewachsen. Die Tage der Befreiung hat er nicht dort erlebt, sondern in Ostwestfalen, wohin seine Familie geflüchtet war. Seine Großeltern aber harrten in Kornelimünster aus, als die Alliierten näher rückten. Und sein Großvater, August C. Wagemann, wurde nach der Eroberung von den US-Streitkräften als Ortsbürgermeister von Kornelimünster eingesetzt.

„Um vier Uhr morgens am 14. September 1944 verließ der letzte Evakuierungszug Kornelimünster“, hat Wagemann recherchiert. „Und mittags waren die Amis hier.“ Nach Roetgen war Kornelimünster der zweite Ort auf deutschem Boden, den die alliierten Truppen erreichten. Etwa die Hälfte der rund 2000 Einwohner war geflohen. Die anderen 1000, schätzt Wagemann, waren geblieben. Dass Kornelimünster bei der Eroberung nicht stärker zerstört worden ist, verdanke der Ort wohl auch seinem furchtlosen Propst Alfons Gerson, ist Wagemann überzeugt. „Gerson war als Nazigegner bekannt. Und er hat sofort ein großes Betttuch als weiße Fahne gehisst. Dem Propst ist es zu verdanken, dass Kornelimünster nicht in Schutt und Asche gelegt worden ist.“

General George C. Marshall, damals Generalstabschef der US-Armee, besuchte im Oktober 1944 das Hauptquartier in Kornelimünster. Das historische Foto zeigt ihn zusammen mit dem kommandierenden General Joe Collins (rechts) im Treppenhaus der Reichsabtei. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

Bereits wenige Tage nach dem 14. September 1944 wurde August C. Wagemann, eigentlich Angestellter einer Aachener Anwaltskanzlei, als Ortsbürgermeister von Kornelimünster eingesetzt. Für solche Posten wählten die Amerikaner Personen aus, die nicht der NSDAP angehörten. Den Volksschulrektor Leonhard Hüpgens machten sie zum Amtsbürgermeister der Amtsgemeinde Kornelimünster/Walheim.

Was der Großvater aus der Zeit erzählt hat? „Dass unheimlich viel zu tun war“, sagt Wagemann. „Es gab keinen Strom, kein Wasser, kein Telefon, keinen Brennstoff.“ Die Zusammenarbeit mit den Amerikanern war allerdings heikel für Männer wie Hüpgens und Wagemann. Sie mussten die Befehle der Besatzer ausführen und zum Beispiel Kleidung, Lebensmittel oder Baustoffe beschlagnahmen. Häuser mussten geräumt werden für die Einquartierung von US-Militärangehörigen. In der Bevölkerung, der es an allem fehlte, kam das nicht gut an.

Als im Oktober die Schlacht im Hürtgenwald tobte, musste Kornelimünster auf Anweisung der Amerikaner von einem Tag auf den anderen auch noch 300 Bürger aus Mausbach aufnehmen, die von dort evakuiert worden waren. Und als im Dezember die deutsche Ardennenoffensive begann, wurde in Kornelimünster jedes Betttuch beschlagnahmt. In aller Eile wurden daraus provisorische weiße Winter-Tarnanzüge für die US-Soldaten genäht.

Als in Kornelimünster der Krieg zu Ende ging, waren sie noch Kinder: Rudolf Wagemann (links) und der Vorsitzende des Heimat- und Eifelvereins Kornelimünster, Alois Buller. Foto: dmp Press/Ralf Roeger

 „Man hat das Hüpgens und meinem Großvater verübelt, dass sie mit den Amerikanern zusammenarbeiteten“, sagt Wagemann rückblickend. Sein Großvater musste sich später sogar gerichtlich gegen Verleumdungen wehren, er habe in Wirklichkeit doch der Nazipartei angehört. Wie lebensgefährlich diese Zusammenarbeit mit den Alliierten war, zeigt indes das Beispiel von Franz Oppenhoff. Der Jurist, den die Amerikaner als Oberbürgermeister von Aachen eingesetzt hatten, wurde im März 1945 von einem Werwolf-Kommando der Nazis ermordet.

Gefühl der Befreiung

Bis März 1945 blieb die US-Army in Kornelimünster. „Dann kamen die Engländer und später die Belgier“, sagt Wagemann. Er und seine Familie kamen erst im Sommer 1945 zurück in den Ort. Erinnern kann er sich noch an die gefährliche Überquerung des Rheins auf einer wackligen Pontonbrücke, an zertrümmerte Häuser und gesprengte Brücken.

Die Befreiung des Indestädtchens werde eigentlich zu Unrecht kaum beachtet, überlegt indes Jakob von Thenen, Bezirksbürgermeister von Kornelimünster/Walheim. „Hier war das erste alliierte Hauptquartier auf deutschem Boden.“ Eingerichtet wurde das Stabsquartier im Kloster, der alten Reichsabtei von Kornelimünster. Dort gab es auch ein großes Lazarett, das kurz vor dem Einzug der Amerikaner Hals über Kopf nach Osten verlegt worden war.

An die Eroberung Kornelimünsters erinnert eine umfangreiche Broschüre, die Pater Albert Altenähr, damals Abt des Benediktinerklosters in Kornelimünster, 1994 anlässlich des 50. Jahrestags herausgegeben hat. Die Materialsammlung fußt vor allem auf den Tagebuchaufzeichnungen des Benediktinerpaters Gregor Karst. „Viele von uns fühlten sich befreit“, schreibt er über den 14. September 1944, „für uns war der Krieg aus, und wir atmeten auf, auch wohl deswegen, weil die Besatzung doch ohne große Schäden und Verluste vor sich gegangen war. In der folgenden Nacht haben wir sicher ruhiger geschlafen.“ Einige wenige Exemplare des Buchs sind im Kloster noch zu haben.

Für den Heimat- und Eifelverein hat Ernst Hönings 2010 in einer Schrift die Endphase des Kriegs im Münsterländchen dargestellt. Er berichtet auch über einen Besuch des damaligen Generalstabschefs der US-Armee, General George C. Marshall, im Oktober im Hauptquartier in Kornelimünster – jenes Mannes also, der 1959 mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet wurde.

Messe mit Erzbischof Spellman

Im Gegensatz zum Eifelort Roetgen, der am Donnerstag mit einem Festakt der Befreiung gedachte, gibt es in Kornelimünster am 14. September 2019 keine Gedenkveranstaltung. Erinnert wird eher klein, im Stillen. Zum Beispiel im Benediktinerkloster. „Beim Essen hören wir immer Musik“, berichtet Pater Oliver. Zu diesem besonderen Anlass werde man Haydns „Missa in tempore belli“ (Messe in Zeiten des Krieges) mit ihrem zentralen Element, der Bitte um Frieden, hören.

Und in der Propsteikirche, wo am 14. September die traditionelle Korneliusoktav eröffnet wird, will Propst Ewald Vienken in seiner Predigt auf diesen historischen Tag vor 75 Jahren eingehen. „Der 14. September 1944 ist ein wichtiger Tag für uns“, betont er. Erwähnen wird er wohl auch den Besuch von Francis J. Spellman, dem Erzbischof von New York. Spellman, der auch amerikanischer Militärerzbischof war, feierte am 22. September 1944 in St. Kornelius eine Messe mit Soldaten und Zivilisten. Selbst amerikanische Zeitungen berichteten damals darüber. Pater Gregor erzählt in seinen Erinnerungen, dass er dem Erzbischof am Altar assistiert habe. Und Jahre später – Spellman war da schon Kardinal – habe man den prominenten Mann um eine Spende für den Kirchenneubau gebeten, schreibt Pater Gregor: „Er hat positiv reagiert; wieviel, weiß ich nicht genau. 100 oder 500 Dollar.“

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