Aachen: Als jüngster Vorstand der Stawag setzt Wilfried Ullrich auf zukunftsweisende Strategien

Aachen : Als jüngster Vorstand der Stawag setzt Wilfried Ullrich auf zukunftsweisende Strategien

Er gibt buchstäblich Gas: Wilfried Ullrich, Jahrgang 1969, ist als jüngster Vorstand des Aachener Energieversorgers Stawag für die Geschäftsbereiche Netz und Vertrieb verantwortlich. Nach seinem Studium der Verwaltungswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre in Konstanz und Köln arbeitete der gebürtige Baesweiler als Unternehmensberater — natürlich zuvorderst für Kunden aus der Energiewirtschaft. Von dort führte ihn sein beruflicher Weg in verschiedenen Funktionen zur Stawag.

Nun ist der Controlling- und Finanzexperte an der Spitze des Unternehmens gelandet. Und krempelt — jedenfalls im übertragenen Sinne — noch einmal die Ärmel hoch, wie er im Interview mit unserem Redakteur Robert Esser erklärt.

Herr Ullrich, in Ihrem Unternehmen dreht sich vieles um Kabel, Leitungen und Rohre. Sind Sie eigentlich ein guter Handwerker?

Ullrich: (lacht) Meine Frau würde das nicht unbedingt bejahen. Ich bin mir nicht sicher. Einen Nagel kriege ich auf jeden Fall in die Wand, auch mit der Bohrmaschine kann ich einigermaßen umgehen. Aber für alles andere gibt es Fachleute, die das weit besser können. Die verfügen über das entsprechende Knowhow und auch die nötige Erfahrung.

Erfahrung ist ein gutes Stichwort. Die Wurzeln der Aktiengesellschaft der Stawag reichen sogar bis in das Jahr 1838; 180 Jahre Daseinsvorsorge für Aachen. Was heißt das für Sie?

Ullrich: Ich empfinde das als große Verpflichtung. Geschichte und Tradition sind kein Selbstzweck. Es geht darum, etwas für die Zukunft zu gestalten. Wir stehen für eine gute und zuverlässige Infrastruktur in Aachen. Der Ausbau für die aktuelle Generation und für künftige Generationen steht an. Da dreht sich vieles auch um eine Verbesserung der Lebensqualität: mehr Service, Kundennähe, faire Preise, soziales Engagement und vieles mehr sind da für uns wichtig.

Das geht inzwischen weit über die ursprüngliche Aufgabe hinaus: Vom reinen Betrieb der Straßenbeleuchtung im Jahr 1838 hin zu einem vollintegrierten Stadtwerk mit Strom, Gas, Wasser, Wärme und weiteren Geschäftsfeldern. Wohin führt der Weg?

Ullrich: Vollintegriert heißt, dass wir uns neben dem Betrieb der Straßenbeleuchtung erheblich weiterentwickelt haben. Seit einigen Jahren sind wir ja auch für den Betrieb der Kanäle, für Frischwasser und Abwasser zuständig. Das haben wir von der Stadt übernommen, und das bedeutet in Sachen Sanierung viel Arbeit.

Knapp 680 Mitarbeiter arbeiten für die Energieversorgung der Stadt Aachen; aber nicht nur das, oder?

Ullrich: Das stimmt, wir sind gefragt. Wir erbringen auch Dienstleistungen für andere Energieversorger in Deutschland. Unser Kundenservice gilt als vorbildlich; davon profitieren zum Beispiel seit einiger Zeit auch Kunden eines Energieversorgers im Hamburger Raum.

Im April dieses Jahres wurde Dr. Peter Asmuth in den Ruhestand verabschiedet. Im Duo mit Dr. Christian Becker sind Sie Vorstand der Stawag. Zuständig sind Sie für den Vertrieb und den Netzbereich. Was bedeutet das konkret, was tut sich in diesen Bereichen?

Ullrich: Den Bereich Netze haben wir Anfang dieses Jahres in unserem Unternehmen unter dem Namen Regionetze gebündelt. Zum meinem Aufgabenbereich gehört zudem alles rund ums Thema Wasser. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist natürlich auch, dass wir möglichst viele Kunden in Aachen überzeugen — zu bleiben oder zurückzukehren. Service, Service, Service! Dabei werden wir unter anderem — die Digitalisierung ist natürlich auch bei der Stawag längst vorherrschend — unsere Online-Angebote noch weiter ausbauen.

Das wird alles noch komfortabler: Zählerstände, Umzugsservice, Rechnungsstellung, Verbrauchsanalyse und vieles mehr ist möglich. Strom- Gas- und Wasserzähler werden in der Zukunft zur Entlastung der Kunden direkt mit dem modernen Energieversorger kommunizieren können. Überzeugen kann man letztlich eben nur über hervorragende Leistungen und faire Preise. Dabei spielt das Thema Nachhaltigkeit eine entscheidende Rolle. Das darf keine Worthülse sein.

Die Stawag ist ja auch schon seit vielen Jahren im Bereich Elektromobilität engagiert. Das jüngste Urteil, das zum Thema Luftreinhalteplan gesprochen worden ist und Dieselfahrverbote in Aachen ermöglicht, wird dem Thema noch mehr Aufschwung verleihen.

Ullrich: Das steht außer Zweifel. Das Thema gewinnt jetzt enorme Dynamik.

Wo stehen wir heute mit Ladeinfrastruktur?

Ullrich: Seit zehn Jahren beschäftigt uns Elektromobilität. Wir forcieren das, um die Stadt in Sachen Luftreinhalteplan so stark wie möglich zu unterstützen. Dass mehr Elektroautos auf Aachener Straßen da förderlich sind, versteht sich von selbst. Den Ausbau der Ladeinfrastrukur, die in Aachen schon recht gut ist, werden wir weiter verfolgen. Zu Hause laden, am Arbeitsplatz laden, an öffentlichen Stationen laden — all das muss selbstverständlich sein, ohne dass die Netzstabilität riskiert wird. Wir beraten zum Beispiel auch Privatkunden, die ihr Elektroauto in der heimischen Garage mit Hilfe ihrer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach aufladen wollen.

Es gibt auf Aachener Straßen schon 70 Ladepunkte und 40 Ladesäulen, weitere Schnellladestationen folgen dieses Jahr. Zu unserem Programm gehört aber auch unser Online-Info-Portal. Da informieren wir völlig neutral über alles in Sachen Elektromobilität, sogar mit Tests von neuen Elektroautos sämtlicher Autohersteller. Das findet viel Gehör.

Genießen die Kunden der Stawag Vorteile im Bereich Elektromobilität?

Ullrich: Ja, absolut. Unsere Ökostromkunden laden derzeit ihre Elektroautos völlig kostenlos. Mindestens bis zum Jahresende wird das so bleiben. Für die Ladeinfrastruktur zu Hause kann man über Förderprogramme viele Vorteile genießen. Das geht von der Vermittlung von fachlich versierten Handwerkern für die heimische Ladestation bis zu Rabatten beim Erwerb eines Elektroautos. Das lohnt sich auf jeden Fall.

Apropos Laden: Wie funktioniert das eigentlich, wenn ich nicht nur in Aachen, sondern auch bundesweit mit meinem E-Auto unterwegs bin? Etwa in Hamburg oder München...

Ullrich: Auf „www.ladenetz.de“ sind alle Infos verfügbar. Dazu gibt es unsere Kooperation im Projekt Smartlab, einer Stawag-Tochter, an der eine Reihe von Energieversorgern anderer Städte mittlerweile beteiligt sind. Und dieser Verbund aus 150 Stadtwerken stellt sicher, dass man im ganzen Bundesgebiet laden kann. Man braucht nur eine entsprechende Karte von uns. Die wird dann in ganz Deutschland an den Ladestationen akzeptiert. Einfacher geht das eigentlich nicht. Dass es dafür nun auch mit dem e.GO ein Aachener Elektroauto gibt, das für Begeisterung sorgt, ist natürlich perfekt.

Ich bin davon überzeugt, dass wir somit gerade hier in Aachen eine außergewöhnliche elektromobile Erfolgsgeschichte schreiben werden. Mit allen beteiligten Partnern, die dieses Thema voranbringen. 40 E-Fahrzeuge hat allein die Stawag übrigens jetzt schon im eigenen Fuhrpark. Der Prozentsatz wird erheblich steigen.

Hoffentlich auch bald bei der Aachener Busflotte.

Ullrich: Auch daran arbeiten die Kollegen der Aseag intensiv.

Sie müssen als Stawag-Vorstand aber zum Beispiel auch regelmäßig nach Lübeck, wo die Stawag über Beteiligungen verfügt, um dort in den Aufsichtsgremien nach dem Rechten zu sehen. Das könnte mit einem kleinen Elektroauto als Dienstfahrzeug manchmal schwierig werden...

Ullrich: Machbar wäre auch das. Aber man sollte Elektrofahrzeuge sinnvoll einsetzen. Deswegen gefällt mir die e.GO-Idee so gut, die ja ganz speziell auf die Erfordernisse — auch was die Reichweite der Fahrzeuge angeht — einer täglichen Nutzung im Stadtverkehr ausgerichtet ist. So macht das Sinn.

All das macht doch aber nur Sinn, wenn es genügend Ökostrom gibt?

Ullrich: Den Ausbau der erneuerbaren Energien hat die Stawag schon vorangetrieben, als das Thema Elektroautos noch in den Kinderschuhen steckte. Das war visionär und hat sich inzwischen als riesiger Vorteil herausgestellt. Wir können heute — rein rechnerisch natürlich — jeden zweiten Privat- und Gewerbekunden über Photovoltaik-Anlagen, Windanlagen und vieles mehr mit Ökostrom versorgen. Das ist eine enorme Quote, auf die wir stolz sind. Ausruhen werden wir uns auf diesen Erfolgen aber nicht; es geht weiter.

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