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Reisesparte stellt den Dienst ein: Als die Aseag am Petersdom aufkreuzte

Reisesparte stellt den Dienst ein : Als die Aseag am Petersdom aufkreuzte

Nach über einem halben Jahrhundert begräbt Aseag-Reisen das Tourismusgeschäft. Und daran ist nicht die Corona-Krise schuld. Ein Rückblick auf Reisen und Papst-Audienzen.

Mit dem Aseag-Bus direkt auf den Petersplatz vor den Petersdom kurven? Heute undenkbar, damals kein Problem. Das historische Foto der ersten Bustour von Aachenerinnen und Aachenern nach Rom aus dem Jahr 1966 dokumentiert den Start einer langen Erfolgsgeschichte der Aseag-Tochter „Aseag-Reisen“ und ihrer Touristiksparte. Nach über einem halben Jahrhundert ist damit Schluss.

Was – ausnahmsweise – mal nicht an der Corona-Krise und dem aktuellen Absturz der Tourismus-Zahlen liegt. Die Zahlen waren schon vor dem Virus schlecht; das Defizit wuchs. Und das Konstrukt Aseag-Reisen stand rechtlich auf tönernen Füßen. Deshalb zieht Aseag-Vorstand Michael Carmincke die Notbremse. Die Tourismussparte wird aufgegeben, das eigens eingerichtete Reisebüro an der Kleinkölnstraße verwaist bis zum Jahresende.

Stammgäste beim Papst

Nicht nur „Dolce Vita“ in Italien zog Hunderttausende reiselustige Kaiserstädter an, die schon ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der ihr vertrauten Busflotte Platz nahmen. Touren an den Rhein, die Mosel und den Neckar gab es schon in den 50er Jahren. Dann entdeckte man Europa, in der italienischen Hauptstadt selbstverständlich mit obligatorischer Papst-Audienz. Es ist verbrieft, dass etwa Johannes Paul II. die Öcher Busreisegruppen jedes Mal wörtlich als „Gäste von der Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-Aktiengesellschaft“ im Vatikan begrüßte.

 Reisebus der Aseag vor dem Neuen Kurhaus  1986
Reisebus der Aseag vor dem Neuen Kurhaus 1986 Foto: MHA/Wolfgang Plitzner

Eine eigene Haltestelle hatte die Aseag auch im österreichischen Erpfendorf in Osttirol. Allein hierhin transportierte die Aseag Bus für Bus in den Siebzigern pro Jahr rund 800 Feriengäste aus Aachen und Umgebung. Den Klenkes kannte dort damals jeder Erpfendorfer Gastwirt.

In den Nachkriegsjahrzehnten war die Sehnsucht nach unbeschwertem Urlaub im Süden groß. Das Geschäft florierte. Doch der Markt veränderte sich – nach der Jahrtausendwende letztlich dramatisch durch Online-Reiseportale und entsprechende Dumping-Preise. Die Reisebranche sortierte sich neu. „Das Geschäft war daher nicht mehr wirtschaftlich zu führen“, bestätigt Aseag-Sprecher Paul Heesel auf Anfrage unserer Zeitung.

Ohnehin fährt die Aseag mit ihrem Liniengeschäft seit Jahren – durchaus geplant – rote Zahlen ein. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist generell ein Zuschussgeschäft. Die Ticketpreise können die Kosten nicht auffangen. Das Gesamtdefizit – und damit der Zuschuss aus der öffentlichen Hand – belief sich laut Aseag-Chef Carmincke zuletzt auf rund 30 Millionen Euro pro Jahr. Da konnte man nicht weiter zusehen, wenn eine Tochter wie Aseag-Reisen für weitere Verluste sorgt.

 Aseag-Haltestelle in Österreich, 1973: In Erpfendorf, Tirol, kannte jeder den Klenkes.
Aseag-Haltestelle in Österreich, 1973: In Erpfendorf, Tirol, kannte jeder den Klenkes. Foto: Erwin Klein

Im Jahr 2017 erwirtschafteten die Touristiker der Aseag noch einen Umsatz von 1,7 Millionen Euro. Übrigens auch mit Schiffs- und Flugreisen. 2019 waren es immerhin noch 1,5 Millionen. Aber nachdem man 2017 noch 42.000 Euro Minus einfuhr, waren es 2019 bereits mehr als 90.000 Euro. Vergangenes Jahr waren rund 3000 Menschen mit Aseag-Reisen unterwegs. Zu wenig.

Illegal Reisen angeboten?

Doch die Aseag musste noch ein zweites Problem lösen. „Bei der Gründung von Aseag-Reisen 1966 und in den Jahrzehnten danach gab es keine Bedenken, was die Zulässigkeit von Aseag-Reisen mit Blick auf das Kommunalrecht angeht“, erläutert Sprecher Heesel. „Nach einer Prüfung durch die Bezirksregierung Anfang 2020 haben die Aseag und die Stadt Aachen beschlossen, einer engeren Auslegung des kommunalen Wirtschaftsrechts zu folgen und die Touristiksparte von Aseag-Reisen zu schließen“, erklärt er. Man wollte Rechtssicherheit herstellen.

 Am Jahresende wird die Geschäftsstelle in der Kleinkölnstraße aufgegeben.
Am Jahresende wird die Geschäftsstelle in der Kleinkölnstraße aufgegeben. Foto: MHA/Harald Krömer

Der neue Businessplan der Reiseexperten sieht nun anders aus: „Der Fokus von Aseag-Reisen liegt künftig darin, für die Unternehmen, die zur Energieversorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH Aachen (E.V.A.) gehören, Geschäftsreisen zu organisieren. Da dafür weniger Personal benötigt wird, sind einige Mitarbeiterinnen in den Bereich Kundencenter/Kundenservice der Aseag gewechselt, wo Bedarf an Personal bestand“, sagt Heesel. Erwartet wird, dass auch die Aseag das Corona-Jahr 2020 mit einem Fehlbetrag in Rekordhöhe abschließt – so wie andere Unternehmen auch, die unmittelbar von der Corona-Krise betroffen sind.

Persönlichen Kundenkontakt praktiziert die Aseag – zum Schutz vor einem ausufernden Covid-19-Infektionsgeschehen – seit März dieses Jahres sowieso kaum noch. Reisen ist tabu; touristisch mit der Aseag auch nach Krise ab 2021. Und Papst Franziskus darf in Rom die Aachener Straßenbahn und Energieversorgungs-Aktiengesellschaft endgültig von seiner Grußliste streichen lassen. Genauso wie ein Pontifex Maximus schon vor vielen Jahren den VIP-Busparkplatz auf dem Petersplatz beerdigt hat. Nicht mehr zeitgemäß.