Aachen: Alemannias „riesiger Schritt” auf einem langen Sanierungsweg

Aachen: Alemannias „riesiger Schritt” auf einem langen Sanierungsweg

Eher flapsig meinte ein Insider: „Das ist nicht mehr meine Alemannia. Hier wird nicht gestritten, nicht geschimpft. Und selbst die Abstimmungen klappen wie am Schnürchen.”

Nun kann man davon ausgehen, dass der Betreffende seine Beschwerde ironisch meinte - doch inhaltlich landete er einen Volltreffer. In der Tat bewegte sich die außerordentliche Mitgliederversammlung von Alemannia Aachen im Eurogress in Richtung gelebter Pazifismus. Und das nicht nur wegen des Abstimmungsergebnisses zur neuen Satzung und zum potenziellen Stadionverkauf. Allerdings waren von den gut 9300 Mitgliedern gerade mal 370 erschienen.

Dass die Zustimmung zur neuen Satzung eindeutig ausfiel, konnte nicht wirklich überraschen. Schließlich hatte eine paritätisch besetzte Kommission in zahlreichen Sitzungen den Entwurf erarbeitet, der - auch das durchaus ein Signal - quasi im Doppelpass in seinen Grundzügen vorgestellt wurde. Max Baur als Mitgliedervertreter und Dr. Christoph Terbrack für das Präsidium nannten die wesentlichen Veränderungen, die sich durch die neue Satzung ergeben werden. Das reformierte „Grundgesetz” des Vereins soll demokratischer werden.

Zum Beispiel durch eine Wiederwahlbeschränkung für die Gremien: Jede zweite und weitere Amtszeit muss eine Zweidrittel-Mehrheit der Mitglieder erhalten. Wichtig für Baur ist vor allem der kommende Wahlmodus für den Präsidenten. Es war ausdrücklicher Wunsch der Mitglieder, aus mehreren Kandidaten auswählen zu können. Dies wird künftig möglich. Gibt es eine Mehrheit für diesen 1. Vorsitzenden, wird anschließend über dessen Mannschaft abgestimmt.

Gerade an den „Blockwahlen” hatte sich in der Vergangenheit oft der Zorn der Mitglieder entzündet. Dr. Terbrack rückte eine weitere Neuerung ins Blickfeld der Mitglieder - den Wahlausschuss. „Die einzelnen Organe sollen sich künftig nicht mehr wechselseitig wählen”, unterstrich der Beisitzer im Präsidium. Dieses Gremium setzt sich künftig aus drei Personen aus Mitgliederreihen, drei aus den Vereinsabteilungen (siehe Dia-Show auf dieser Seite) und drei so genannten geborenen zusammen, also aus Präsidium, Ehrenrat und Verwaltungsrat. Sie bestimmen gemeinsam über Kandidaten für alle Gremien, also auch deren Qualifikation.

Selbst Präsident Dr. Alfred Nachtsheim blickte leicht ungläubig auf die überschaubare Mitgliedermenge, als keine einzige Frage zum neuen Konstrukt gestellt wurde. Und seine Miene erhellte sich zusätzlich, als er kurz danach verkünden konnte, dass die neue Satzung 95 Prozent Zustimmung erhalten hatte.

Noch wichtiger war ihm aber die 80-prozentige Zustimmung zu einem zweiten Tagesordnungspunkt, die er knapp eine Stunde später bekannt gab. Die Mitglieder erteilten dem Präsidium die Vollmacht, Geschäftsanteile an der Stadion GmbH ganz oder in Teilen an Investoren zu verkaufen. Es geht also angesichts der existenziellen Finanznot um den Verkauf des Tivoli. „Wir müssen sehen, dass wir die monatliche Belastung durch das Stadion von 4,3 auf zwei Millionen Euro senken”, warb der Aufsichtsratsvorsitzende Meino Heyen um Zustimmung. 1,2 Millionen Euro Betriebskosten sind zusätzlich zu schultern.

Offensichtlich reichten die genannten Bedingungen den Mitgliedern: dass ein Verkauf nur mit Genehmigung von Verwaltungs- und Aufsichtsrat erfolgen darf, die jährliche Belastung deutlich reduziert wird, alle Betreiber- und Verwaltungsrechte bei der Alemannia bleiben und keine nennenswerten baulichen Veränderungen vorgenommen werden dürfen. „Wir müssen heute ein Zeichen setzen und als Mitglieder einen Beitrag zur Rettung der Alemannia leisten”, rief Heyen den Alemannen zu. Und er wurde erhört. Auch für Nachtsheim ist mit der Autorisierung des Präsidiums ein „Riesenschritt” in Richtung finanzieller Entlastung getan.

Zuschauer-Szenario auch für die dritte Liga

Geschäftsführer Frithjof Kraemer ging zum Schluss der Sitzung auf die Stadionfinanzierung ein, zeichnete sogar den schlimmsten sportlichen Fall auf.

Für den Drittligafall plant der Verein mit einem Schnitt von 9000 Zuschauern für die ersten zwei Jahre - sollte die 3. Liga Dauerzustand werden, müsse man die Zahlen allerdings nach unten korrigieren.

Da folgten die Mitglieder lieber einem Resolutionsentwurf, gleichsam ein Appell an Oberbürgermeister Philipp: „Der Aachener Turn- und Sportverein Alemannia 1900 e.V. ist nicht nur ein bundes- und europaweiter Werbeträger für die Stadt Aachen, er ist lebendiger Bestandteil der Aachener Identität. Er ist Wirtschaftsfaktor und Herzenssache für viele Aachenerinnen und Aachener. Dieser Teil Aachens darf nicht sterben! Wir bitten Sie, tun Sie alles in Ihrer Macht stehende, um den Verein zu retten. Aachen ohne den Aachener Turn- und Sportverein Alemannia 1900 e.V. wäre um vieles ärmer!”

Die Resolution wurde mit zwei Gegenstimmen bei 15 Enthaltungen (unter anderem der Volleyball-Abteilung) angenommen.

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