Aachen: Alemannias Geschichtsaufarbeitung ist bundesligareif

Aachen : Alemannias Geschichtsaufarbeitung ist bundesligareif

Es war wohl der tiefe Wunsch nach etwas Normalität inmitten des Anormalen. Der Wunsch nach sozialer Bestätigung. Der Wunsch, aus dem wahnsinnigen Alltag für wenige Stunden zu entfliehen. So ist wohl die Bildung vieler jüdischer Sport- und Turnvereine in Deutschland vor und während der Nazidiktatur zu erklären.

Der Sporthistoriker Dr. Henry Wahlig hat über das Thema seine Dissertation geschrieben und einen Fokus auf die Geschichte jüdischer Vereine in Aachen gelegt. Jetzt trug er seine Erkenntnisse im Internationalen Zeitungsmuseum vor.

„Wie heute hatte der Sport eine hohe sozialkonstituierende Bedeutung, es ging ums Dazugehören“, erklärte Wahlig das Entstehen jüdischer Fußball-, Turn- und Handballvereine. Auch die Alemannia hatte einige jüdische Fußballer in ihren Reihen, die ab 1933 ausgeschlossen wurden. Fußballerisch war die Alemannia zwar damals nicht besonders erfolgreich. „Aber was ihre Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit angeht, spielt die Alemannia in der ersten Bundesliga“, sagte Wahlig. Entgegen der landläufigen Annahme seien Juden allerdings keineswegs offiziell aus den Sportvereinen ausgeschlossen worden. „Es herrschte vielmehr schon Jahre vor dem Naziregime ein latenter Antisemitismus.“ Als die Nazis an die Macht kamen, drängten viele Sportvereine, darunter die Alemannia, ihre jüdischen Mitglieder zum Selbstaustritt oder sie wurden hinter den Kulissen ausgeschlossen.

Alles andere als eine Bagatelle

Was im Vergleich zum darauffolgenden millionenfachen Mord nach einer Lappalie klingt, veränderte in Wahrheit den Alltag vieler Juden grundlegend: „Aus der Rückschau ist das nur eine Bagatelle. Aus der Perspektive eines Jugendlichen, der wirklich mit Herz, mit flammendem Enthusiasmus dabei war, war es aber ein einschneidendes Ereignis“, zitierte Wahlig ofessor Guy Stern, der als Jugendlicher bis 1933 Mitglied der Eintracht Hildesheim war. Was dann folgte sei rückblickend als eine Subkultur zu beschreiben: „Jüdische Sportler gründeten schon früh eigenen Vereine“, sagte Wahlig, „und ab 1933 verzeichneten diese Vereine dann einen besonders hohen Zulauf.“ In Aachen wurde aus dem jüdischen „Turnclub 1906“ schließlich „Schild Aachen“. Das Schild war dabei symbolischer Natur — als Schild gegen den Antisemitismus.

Eine ähnlich rasante Entwicklung zeichnete sich bei jüdischen Fußballvereinen ab. Verboten blieb ihnen allerdings, etwa in den Westdeutschen Spielverband eizutreten — was den jüdischen Verein Hakoah Essen besonders kränkte: „Sind wir denn nicht Deutsche? War es denn nicht unsere Pflicht, im blutigen Völkerringen neben unseren Christlichen Mitbürgern zu kämpfen und zu sterben? Und ist es nicht unser ehrlich erworbenes Recht, heute neben ihnen im friedlichen Wettkampf zu stehen?“ Es blieb Ihnen verboten — auch wenn „Freundschaftsspiele“ gegen nichtjüdische Vereine üblich blieben. Die Bestätigung, dass es kein jüdisches Blut gibt, dass sie nicht der Rassenideologie nach minderwertig sind, konnten jüdische Bürger nur noch abgeschottet in eigenen Sportvereinen erleben.