Aachen: Alemannia: Nüchterner Neuanfang auf tiefster Talsohle

Aachen : Alemannia: Nüchterner Neuanfang auf tiefster Talsohle

Es ist genau 0.17 Uhr am frühen Freitagmorgen, als der TSV Alemannia Aachen wieder einen Präsidenten hat. Mehr als 15 Monate, seit dem Rücktritt von Meino Heyen am 29. November 2012, war der Posten vakant — bis zu dem Moment, in dem Heinz Maubach sagt: „Ja, ich nehme die Wahl an.“

Viel mehr sagt er nicht, nur einen Appell an die über 500 Mitglieder des in die Viertklassigkeit abgestürzten Traditionsklubs wird er noch los: „Helft uns bitte, ich werde immer ein offenes Ohr für euch haben.“ Der Applaus für den neuen Präsidenten ist freundlich, wenn auch etwas müde. Das passt zu einer fast fünfeinhalbstündigen Sitzung, das passt zu Maubachs Wahlergebnis, das mit knapp 70 Prozent nicht überragend ausfällt. Aber das passt vor allem zur Stimmung, die den Abend über im Eurogress herrscht. Unsicherheit ist zu spüren, Skepsis und Misstrauen sprechen aus vielen Wortbeiträgen. Dass Alemannias Stunde Null, der Aufbruch aus der tiefsten Talsohle zurück in höhere Fußballregionen, sich so lange zieht, dass sie am Ende in die Geisterstunde fällt, sollte man zwar nicht als schlechtes Omen sehen. Aber die Geister der Vergangenheit spuken so vielen Alemannen noch in den Köpfen herum, dass da kaum Platz ist für Euphorie, für einen freien Blick nach vorn.

„Dafür gebe ich mein letztes Hemd“: Stadionsprecher Robert Moonen will mit daran arbeiten, dass es „wieder so wird, wie es einmal war“. Foto: Ralf Roeger

So ist es ein nüchterner Neubeginn, der sich in diesen ersten Minuten des 14. März 2014 vollzieht. Dazu passt auch das, was dem neuen Präsidenten nach ein paar Stunden Schlaf durch den Kopf geht: „Einerseits bin ich froh darüber, dass ich jetzt mitgestalten kann“, sagt er, „andererseits habe ich schon auch ein etwas mulmiges Gefühl.“

Wichtige Wahl: Die Mitglieder stimmten über die Zukunft des Traditionsklubs ab. Foto: Ralf Roeger

Ein solches beschleicht die Verantwortlichen am Abend vorher das ein oder andere Mal, gibt es doch ein paar Momente, in denen alles zu kippen droht. Emotional wird es, als es um die Entlastung früheren Gremien geht, die dann doch vertagt wird. Kritisch wird es, als Fragen nach der Aufsichtsfunktion des Verwaltungsrates laut werden, die Horst Reimig, der später Schatzmeister wird, mitunter etwas rüde abbügelt. Und auch Maubach unterlaufen „kleine Fehler“, wie er tags darauf einräumt. Denn ausgerechnet aus seiner Volleyballabteilung wird Kritik an der Kandidatenaufstellung geäußert, was er zunächst etwas lapidar abtut. „Formal haben die Mitglieder Recht“, sagt der Präsident später, „aber wir haben uns um so viele überlebenswichtige Dinge kümmern müssen, dass man uns ein paar kleine Formfehler verzeihen kann.“ Das unterstreicht auch Oliver Laven, der in einem der heißeren Momente der Versammlung darauf hinweist, mit welchem Engagement und Haftungsrisiko die Kandidaten ohne Mandat bis zu diesem Tag gewirkt hätten: „Ohne euch gäbe es die Alemannia nicht mehr.“

Auch weil die Alternative möglicherweise das Aus wäre, übersteht wohl das Kandidatenpaket für das „Team 2018“, wie die neuen Macher sich nennen, problemlos den Wahlmarathon. Und obwohl im Aufsichtsrat der Kandidat der Fan-IG, Dirk Habets, nur den Nachrücker-Posten belegt, ist deren Sprecher André Bräkling mit dem Abend im Großen und Ganzen zufrieden: „Schließlich lag da einiges an Sprengstoff drin.“

Dass aber ausgerechnet die Wahlen „chaotisch abliefen“, bemängelt der Fan-Sprecher: „Das war angesichts der Bedeutung der Veranstaltung unwürdig.“ So sei vor Beginn der Wahlgänge nicht die Zahl der Stimmberechtigten festgestellt worden — kaum auszudenken, was passiert wäre, wenn Horst Reimig als wohl umstrittenster Kandidat nur eine hauchdünne Mehrheit bekommen hätte. Aber Reimig erhält 65 Prozent, was wohl auch daran liegt, dass sich der Finanzfachmann bei den Fans für einen lange zurückliegenden emotionalen Ausfall entschuldigt. „Ich lasse mich nicht verbiegen“, sagt er am Tag danach, „aber es war für mich kein Problem, da das Feuer herauszunehmen.“

Was bleibt, ist — Arbeit. Das „Team 2018“ will schnell zurück in die 3. Liga. Für Reimig bedeutet das: „Wir brauchen Geld.“ Soll heißen: Die Alemannia benötigt Kontakte zur Wirtschaft, neue Sponsoren. Deshalb die bedingungslose „Paketlösung“, deshalb auch die Wirtschaftskräfte Heinrich (Doc Morris) und Steinborn (Streetscooter) als Aufsichtsräte, von denen letzterer noch in der Nacht zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt wurde. Die emotionale Ebene bedienen andere, etwa die „Stimme des Tivoli“ Robert Moonen: „Ich trete dafür an, dass es wieder so wird, wie es mal war“, sagt das neue Verwaltungsratsmitglied.

„Dafür gebe ich mein letztes Hemd.“ Und an die Gefühle der Fans denkt auch der neue Präsident. „Ich möchte erreichen, dass man wieder richtig stolz darauf sein kann, ein Alemanne zu sein“, sagt Maubach. Erreichen will er das durch „solide Arbeit“. Hochfliegende Träume, das war die Alemannia von gestern. Auf der tiefsten Talsohle ist der Traditionsverein bescheiden geworden.

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