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Ärger über Musikschule Aachen nach millionenschwerer Sanierung

Fehlender Schallschutz : Chaotische Zustände in frisch sanierter Musikschule

Für die Sanierung der Musikschule am Blücherplatz wurden Millionen ausgegeben. Zufrieden sind mit dem Ergebnis aber offenbar nur wenige. Im Gegenteil. Schüler, Lehrer und Eltern sprechen von katastrophalen Zuständen. Denn ein wichtiges Detail fehlt noch immer: ein vernünftiger Schallschutz.

Wenn eine Schule in katastrophalem baulichen Zustand ist, dann ist eine Sanierung dringend angeraten. Dass eine Schule aber nach der Sanierung in katastrophalem Zustand ist, klingt geradezu unglaublich. Genau das ist aber nach Aussage vieler Betroffener – von Schülern über Eltern bis hin zu Lehrern – in der Aachener Musikschule am Blücherplatz tatsächlich der Fall. Das Chaos geht so weit, dass mancher der über 4000 Schüler oder Eltern solcher kurz davor sind, der städtischen Einrichtung den Rücken zu kehren. Und dass manche Lehrerinnen und Lehrer sich außerstande sehen, noch vernünftigen Unterricht abzuhalten. Dies, nachdem Teile des über 100 Jahre alten Gebäudes der früheren Baukunstschule in den vergangenen Jahren für mehrere Millionen Euro auf Vordermann gebracht wurden – oder je nach Sichtweise gebracht werden sollten.

Was ist passiert? Sukzessive kehren die Klassen und Kurse wieder zum Blücherplatz zurück, nachdem sie teils jahrelang in die ehemalige Grundschule Eintrachtstraße, die Ex-Hauptschule Franzstraße und diverse andere Räume ausquartiert waren. Das führt aber den Aussagen vieler zufolge zu einem bösen Erwachen. Kurz gesagt: In den rund 25 Unterrichtsräumen, die im Bereich des ehemaligen Lebensmitteluntersuchungsamts eingerichtet wurden, fehlt eine adäquate Schallisolierung. Übt die Geigenklasse und daneben noch der Flötenkurs und wieder daneben etwa der Schlagzeuglehrer mit seinen Schützlingen, dann kommt es den Berichten zufolge zur unerträglichen Kakophonie.

„Es ist, als würden alle in einem Raum üben. So ist gar kein Unterricht möglich“, berichtet eine Betroffene. Ganz abgesehen davon, dass es auch in den hohen Räumen selbst enorm hallt. Aber wie kann das ausgerechnet bei der mehrere Millionen Euro teuren Sanierung einer Musikschule überhaupt möglich sein? Offenbar wurde der Schallschutz nicht etwa vergessen. Nein, er wurde wissentlich weggelassen – weil das nötige Geld nicht (mehr) im Budget war. Die Rede ist nach Informationen unserer Zeitung von rund einer halben Million Euro.

Nachdem die Missstände ziemlich flott und unüberhörbar zutage traten, wurde gegengesteuert. Allerdings wiederum mit einer Maßnahme, die man im ersten Augenblick für einen Scherz halten mag. Ist sie aber nicht, sondern Realität. Es wurde Malervlies aufgehängt. Also jene aus Textilresten zusammengepressten Schutzmatten, wie man sie im Baumarkt bekommt und wie man sie auch von der Renovierung zu Hause kennt. „Das gibt einem das Gefühl, auf einer Baustelle unterrichtet zu werden“, klagen Schüler. Und das, obwohl die Handwerker ja gerade erst abgezogen sind. Mehr noch: Nach der „Verzierung“ der Räume – teils wurden auch Teppiche verlegt – klagen einige Mitarbeiter wie Schüler zu allem Überfluss über gesundheitliche Beschwerden wie etwa Halsschmerzen und allergische Reaktionen. Das hat zwischenzeitlich auch den städtischen Personalrat auf den Plan gerufen: „Wir haben die Verwaltung angeschrieben, dass hier nachgebessert werden muss und diese Zustände abzustellen sind“, sagt dessen stellvertretender Vorsitzender Stephan Hoch auf Anfrage.

Geige, Schlagzeug, Gesang: Wenn in nebeneinander liegenden Räumen zeitgleich verschiedene Instrumente unterrichtet werden, entsteht laut Berichten von Betroffenen eine unerträgliche Kakophonie. Foto: ZVA/Harald Krömer

Nach Informationen unserer Zeitung war zumindest den Fachleuten in der Musikschule schon lange klar, dass ein Verzicht auf Schalldämmung ein Ding der Unmöglichkeit ist. Doch die Sanierung des Gebäudes war ohnehin schon erheblich teurer geworden als geplant, weil eine aufwendige Asbestputzsanierung vorgenommen werden musste. Ursprünglich lag das Hauptaugenmerk der Gesamtmaßnahme beim Brandschutz. Die Musikschule ließ einen Akustikprofessor einen Plan für die Isolierung nebst Kostenschätzung machen. Doch damit lief man dem Vernehmen nach bei Kulturdezernentin Susanne Schwier und Kulturbetriebsleiter Olaf Müller buchstäblich vor die Wand. Die Musikschule solle erstmal einziehen, nachbessern könne man immer noch.

Bezogen worden ist im August zunächst das erste Obergeschoss. Um zu retten, was zu retten war, testete die Musikschule die Maler-vlieslösung in einem Raum. Für diesen Raum funktionierte das dann auch einigermaßen. Als dann aber alle Räume in Betrieb gingen, trat das akustische Chaos vollends zutage. Demnächst soll die zweite Etage folgen. Dort wird es noch lauter zugehen, denn auf dieser Ebene sollen zum Beispiel Big Bands und ähnliche Lautstärkekaliber proben. Zur aktuellen Situation sagt Conny Stenzel-Zenner als Vorsitzende des Elternrats: „Wir konnten bei Herrn Müller und Frau Schwier dem Wunsch Nachdruck verleihen, dass eine Musikschule wirklich einen guten Schallschutz braucht.“ Sie könne „die Eltern, deren Kinder beim Musikunterricht wegen des fehlenden Schallschutzes leiden und nicht konzentriert spielen können, gut verstehen. Ich kann verstehen, dass sie die Situation als inakzeptabel beschreiben.“ Allerdings seien nicht alle Musikschüler betroffen.

Zu hören ist, dass Musikschulleiter Harald Nickoll – er geht Ende des Jahres in den Ruhestand – der Verzweiflung nahe sein soll. Auf Anfrage will – oder darf – er dennoch nichts sagen und verweist an die Dezernentin und den Kulturbetriebsleiter. Olaf Müller stand denn auch Rede und Antwort. Es sei nicht richtig, dass kein Schallschutz eingebaut worden sei. Beispielsweise seien in Absprache mit dem Akustikprofessor die Decken schräg gebaut worden, was dem besseren Klang dienen soll. Teils seien Teppiche und schließlich „mobile Maßnahmen“ – eben besagtes Vlies – hinzugekommen. Ein Brandschutzproblem sei dies nicht, so Müller auf Nachfrage. Das sei mit den entsprechenden Experten abgeklärt.

Diese Maßnahmen hätten „gute Erfolge“ gebracht, so Müller. „Zeitdruck und Finanzdruck“ hätten zum jetzigen Zeitpunkt jedoch keinen weitergehenden Schallschutz möglich gemacht. Man habe das Übergangsquartier Eintrachtstraße räumen müssen, weil unter anderem die VHS dort dringend Räume benötige. Beim Geld sei man zur „Wirtschaftlichkeit des Handelns verpflichtet“ und habe die finanziellen Mittel derzeit nicht.

Müller bekundet, er und Dezernentin Susanne Schwier hätten aufgrund der aktuellen Beschwerden vor einigen Tagen eine Ortsbesichtigung vorgenommen. Sowohl die angetroffenen Lehrer wie auch Schüler hätten die Akustik „nicht als das große Problem dargestellt“. Wenn beispielsweise gleiche Instrumente in Nachbarräumen unterrichtet würden, trete das Problem nicht auf, wohl aber bei unterschiedlichen Instrumenten. Die Schulleitung arbeite deshalb an einem entsprechend veränderten Belegungsplan. Die Geruchsbelästigung komme von den noch ausdünstenden neuen Materialien. Daran müsse man wegen des Arbeitsschutzes auf jeden Fall arbeiten. Auch eine weitere Begehung soll es laut Müller geben. Und wenn man denn dereinst zu dem letzten Schluss komme, dass alles unzumutbar ist, „dann wären wir die Letzten, die die Räume leerstehen lassen und uns jeglicher Verbesserung verwehren würden“.