Ärger beim Karlspreis Aachen über das Fernbleiben der Berliner Politik

Karlspreis in Aachen : Nur die Bundesregierung sorgt für Misstöne

Die gute Laune wollte sich Jürgen Linden eigentlich nicht verderben lassen, aber seinen Ärger über die Bundesregierung musste der Vorsitzende des Karlspreisdirektoriums dann doch noch los werden. Von der Katschhofbühne aus, wo der offizielle Karlspreis-Festakt stets etwas lockerer ausklingt, verpasste er den Berlinern „einen kleinen Tritt vors Schienbein“.

Und das war noch freundlich ausgedrückt. Denn Lindens Unmut darüber, dass die Bundesregierung den Aachenern erstmals seit Jahren die kalte Schulter gezeigt hat und der Preisverleihung an António Guterres ferngeblieben ist, war spürbar groß. „Wir hatten einen großen Karlspreis und den besten Preisträger, den man sich in dieser Situation wünschen konnte, mit einer wichtigen Botschaft“, erklärte er. Daher sei es „unheimlich schade“, dass kein Vertreter der Bundesregierung dabei gewesen ist.

Die zustimmende Zurufe aus dem Publikum und der Applaus zeigte, dass er mit dieser Meinung nicht allein dastand. Der Ärger galt unter anderem Justizministerin Katarina Barley, Spitzenkandidatin der SPD zur EU-Wahl, die eigentlich zugesagt hatte, dann aber doch ferngeblieben ist. Schwer verständlich, dass sich auch „das Auswärtige Amt außerstande gesehen hat, einen Vertreter zu entsenden“, schlug Ministerpräsident Armin Laschet in dieselbe Kerbe. „Die Bundesregierung hat ja noch ein paar mehr Mitglieder“, meinte er und fügte augenzwinkernd hinzu: „Dafür ist aber die Landesregierung stark vertreten.“

Der Oberbürgermeister will nacharbeiten

Wirklich tröstlich schien das Oberbürgermeister Marcel Philipp allerdings nicht zu finden. „Protokollarisch unangemessen“ sei das Fernbleiben der Regierungsvertreter, sagte er und kündigte an: „Das werden wir nacharbeiten.“

Doch nicht nur in Berlin fand der Karlspreis 2019 weniger Resonanz als üblich. Auch Medienvertreter und selbst die Aachener zeigten sich nur schwach interessiert. Hatten sich im Vorjahr noch mehr als 200 Journalisten akkreditiert, waren es in diesem Jahr nicht mal halb so viele. Zaungäste, die einen Blick auf die wenigen Promis werfen wollten, fanden viel Platz vor und hinterm Rathaus. Lautstarke Proteste und Demonstranten gab es gar nicht.

Da war noch Platz: Die Menschenmenge auf dem Marktplatz war in diesem Jahr überschaubar. Foto: ZVA/Harald Krömer

„Bom Dia!“ Platz genug gab es auch für das Ständchen, das junge Musiker für Guterres auf dem Katschhof zum Besten gaben: Just in dem Moment, als der Karlspreisträger mit seiner Frau nach der Preisverleihung auf die Rückseite des Rathauses kam, spielte das deutsch-belgische Orchester „Alla breve“ unter der Leitung von Marion Simons-Olivier und Simen van Meersen das Stück „Amar pelos dois“, das dem portugiesischen Sänger Salvador Sobral 2017 zum Sieg beim Eurovision Song Contest verhalf. Guterres zeigte sich sichtlich erfreut und hörte aufmerksam zu, bevor er für einen letzten Talk mit Robert Esser, Redakteur unserer Zeitung, auf die Bühne trat. Wer noch mehr Portugal wollte, musste mit einem Rotwein aus Alentejo Vorlieb nehmen, den es an einem der Stände zu kaufen gab.

Ob mit Wein oder ohne: Die Stimmung war locker. Rund ums Rathaus standen spanische Royalisten, die ihrem König Felipe zujubelten, friedlich neben katalanischen Separatisten. Entspannt zeigten sich auch die Europaenthusiasten von „Pulse of Europe“ neben Vertretern der Flüchtlingsbewegung „Seebrücke“ und Klimaaktivisten von „Fridays for Future“.

Junge Leute zeigen sich überrascht

„Ich finde das, was António Guterres gesagt hat, sehr schön und sehr treffend“, sagte Lennard Gottlieb, und zog noch einmal mit seinem Mitstreiter Benedikt Neukirchen das Banner stramm, damit der „Fridays for Future“-Schriftzug auch vorne, wo der Karlspreisträger steht, gut zu erkennen war. Ihm gefiel, dass Guterres den Klimanotstand deutlich benannt hat und zum umgehenden Handeln auffordert. Dass auch der Aachener Oberbürgermeister in seiner Rede die Fridays for Future-Bewegung als großartig und richtig bezeichnet hat, fand Gottlieb „ein bisschen überraschend. Aber es ist doch auch schön, dass wir nach den anfänglichen Problemen mit der Stadtverwaltung nun eine gemeinsame Basis haben.“

In der vergangenen Woche hatte die Aachener Gruppe von Fridays for Future Marcel Philipp in einer Pressemitteilung dafür kritisiert, dass er sie „im Regen stehen lassen“ würde, weil die Stadt für die geplante Großdemo am 21. Juni keine Turnhallen zur Verfügung stelle. Der Oberbürgermeister hingegen hatte stets betont, dass die Verwaltung sich sehr darum bemühe, den jungen Menschen bei der Organisation der Veranstaltung, zu der viele Tausend Menschen in Aachen erwartet werden, zu helfen.

Gegen 13 Uhr machte sich die Entourage um den frisch gekürten Karlspreisträger auf in die Aula Carolina zum gemeinsamen Mittagessen. Die Bevölkerung konnte derweil auf dem Katschhof weiterfeiern. Zeit für ein kurzes Zwischenfazit: Alles ruhig, meldet die Polizei. Auch die Stadt ist zufrieden. „Aus meiner Sicht war das ein richtig guter Karlspreis, weil es gelungen ist, zur richtigen Zeitpunkt den richtigen Preisträger zu bekommen, der sich mit den richtigen Themen auseinandersetzt“, sagte Marcel Philipp. Er hoffe, dass auf diese Weise auch Themen wie Klimawandel, die junge Menschen bewegen, über die Plattform Karlspreis auch eine gewisse Nachhaltigkeit bekommen. Sicher werden sie dann, so hofft man in Aachen, auch die Bundesregierung erreichen.

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