Aachen: Änderungen bei der Vergütung gehen Tagesmüttern nicht weit genug

Aachen : Änderungen bei der Vergütung gehen Tagesmüttern nicht weit genug

Wenn Lio mit der Baggerschaufel spielt, dann gehören Begriffe wie „Anerkennungsbetrag“ und „Sachaufwand“ sicherlich nicht zu seinen Gedanken. Das Lachen von Christine Frels, die hinter ihm sitzt, ist ihm Anerkennung genug. Und der körperliche Aufwand, um die Sache — in diesem Fall den Sand — hin und her zu schieben, ist dank der Hilfe seiner Tagesmutter auch überschaubar.

Als „überschaubar“ empfinden viele Tagesmütter auch das, was am Ende des Monats auf ihrem Konto eingeht. 4,73 Euro pro Kind und Stunde zahlt die Stadt für die Kindertagespflege. Darin enthalten sind 1,73 Euro für Sachkosten und 3 Euro als „Anerkennung der Förderungsleistung“. Hinzu kommen anteilige Beiträge zur Sozialversicherung. Auskömmlich ist das nach Ansicht von Frels nicht. Auch nicht, nachdem die Stadt ihre Fördersystematik infolge eines entsprechenden Urteils durch das Verwaltungsgericht Aachen zum 1. März 2017 geändert hat. Und etliche Tagesmütter stimmen ihr zu.

Die Bilanz der Verwaltung über die neue Richtlinie fällt indes überwiegend positiv aus — auch wenn es durchaus „Weiterentwicklungsmöglichkeiten“ gebe. „Wir können positiv feststellen, dass durch die neue Richtlinie deutlich mehr Geld ins System geflossen ist“, sagt André Kaldenbach, stellvertretender Leiter des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, auf AZ-Anfrage. Konkret gehe es um rund 850.000 Euro. Einkalkuliert hatte die Stadt seinerzeit vorsorglich Mehrkosten von 1,3 Millionen Euro. „Wir haben eine viel bessere Transparenz hinbekommen und verfügen nun über eine klare und gute Datenlage“, sagt Kaldenbach weiter.

Verbessert werden soll das System trotzdem. Zum Beispiel durch eine Verdoppelung der Pauschale für die Eingewöhnungsphase von 150 auf 300 Euro. Darüber hinaus sollen höherqualifizierte Tagespflegepersonen zukünftig auch mehr verdienen.

Die Verwaltung schlägt einen Aufschlag in Höhe von zehn Prozent auf den Anerkennungsbetrag für diejenigen vor, die eine 300 Stunden umfassende Qualifizierung absolviert haben. Damit stiege die Förderleistung von 3 Euro auf 3,30 Euro. Wer mit anderen Tagespflegepersonen eine Großtagespflegestelle betreibt, soll zudem mit einem Zuschuss zur Nettokaltmiete von monatlich bis zu 628 Euro unterstützt werden. Diskutiert werden diese Änderungen am Dienstag, 3. Juli, im Kinder- und Jugendausschuss.

Für Frels sind diese Änderungen ein Schritt in die richtige Richtung. „Es ist toll, dass die Verwaltung versucht, uns damit entgegenzukommen, und dass es auch finanziell wertgeschätzt wird, wenn man sich weiterqualifiziert.“ Ein wichtiger Aspekt werde jedoch nicht angepackt: die Ausfälle. Ist eine Tagesmutter krank oder im Urlaub, erhält sie kein Geld. Das gleiche gilt, wenn das Betreuungskind länger als vier Wochen im Jahr im Urlaub ist — ein Zeitraum, den die Verwaltung auf fünf Wochen ausdehnen will.

„Es ist das größte Problem, das Ausfälle nicht bezahlt werden“, sagt Frels. Und spricht damit die Krux bei der Vergütung der Tagesmütter und -väter an. Einerseits arbeiten sie als Selbstständige, andererseits wird ihre Bezahlung über eine Satzung geregelt und nicht von ihnen selbst verhandelt.

Welche Auswirkungen das hat, zeigt die Evaluation der Stadt über die neue Richtlinie. So haben 40 von 160 Tagespflegepersonen vom 1. März 2017 bis 28. Februar 2018 keinen Tag Ausfall gemeldet. Und das obwohl, wie André Kaldenbach bestätigt, in der Vergütung Ausfalltage — 30 Arbeitstage oder 53 Kalendertage — bereits einkalkuliert sind. Für Monika Simons, seit 15 Jahren Tagesmutter, ist das ein „Unding“. „Das System lädt dazu ein, keinen Urlaub zu machen und krank zu arbeiten.“

Auch deshalb sind beim Verwaltungsgericht Aachen aktuell 30 Klageverfahren gegen die neue Richtlinie anhängig. Dass dies nicht so bleiben muss, betont Frels: „Wenn ich Ausfalltage bezahlt kriege, dann würde ich die Klage sofort zurücknehmen.“