Aachen: Adalbertstraße: Jetzt kapituliert auch „American Stock”

Aachen: Adalbertstraße: Jetzt kapituliert auch „American Stock”

Während die wieder einmal neuen möglichen Investoren der Kaiserplatz-Galerie am Montagabend bei den Ratsfraktionen wieder einmal um einen Zeitaufschub für das Großprojekt nachgesucht haben, läuft für immer mehr Geschäftsleute am Rande der Trümmerlandschaft die Uhr unerbittlich ab.

Jetzt kapituliert auch eines der letzten Traditionsgeschäfte vor den katastrophalen Zuständen im Schatten von St. Adalbert: Nach beinahe 58 Jahren schließt mit dem „American Stock” in der unteren Adalbertstraße Aachens ältester Jeans-Laden seine Pforten.

Fragt man den Inhaber Perry de Jong nach den Gründen für das Aus, lächelt er einen fast mitleidig an und sagt: „Darüber müssen wir doch wohl nicht groß reden, oder?” Dann zeigt er doch mit dem Daumen hinüber auf die andere Straßenseite - dorthin, wo früher einmal viele Geschäfte waren und nun oft nur noch verdreckte Fassaden oder beklebte Holzzäune den Blick auf eine riesige Brache mitten in der Innenstadt versperren. „Die Kaiserplatz-Galerie ist schuld”, sagt der Niederländer, „hier geht doch seit Jahren alles kaputt.”

Dass ein ganzes Viertel vor die Hunde geht, dass mit der unteren Adalbertstraße eine früher florierende Fußgängerzone langsam stirbt, ist nicht neu.

Seit dem Abriss des Gloria-Kinos vor fast fünf Jahren und dem folgenden Kahlschlag auf vielen weiteren Grundstücken hat der Niedergang in der Nachbarschaft kontinuierlich zugenommen, ohne dass die Realisierung des 250-Millionen-Projekts erkennbare Fortschritte gemacht hätte. Die Zahl der Leerstände ist seit Jahren hoch, doch nun scheint es, als würde das Geschäftssterben einen neuen Schub erfahren.

„Wir schließen”, kündigt ein Billig-Kaufhaus an der Ecke Stiftstraße/Kaiserplatz plakativ an, eine Wäscherei in der Nähe macht ebenfalls in Kürze dicht. Ein türkisches Lebensmittelgeschäft und ein kleines Restaurant in der Stiftstraße sind schon Geschichte, und es könnte auch sein, dass die Schaufenster eines bekannten Sex-Shops künftig noch nackter als gewohnt erscheinen - der Hinweis „Dieses Geschäft können Sie kaufen” dokumentiert deutlichen Abwanderungswillen.

Den hat die „Perlenvitrine” bereits in die Tat umgesetzt: „Wir sind umgezogen”, verkündet auch hier ein Zettel. Offenbar hat man ein Lokal gefunden, dessen Umgebung die Kunden nicht direkt an die unmittelbare Nachkriegszeit denken lässt.

Die war noch sehr präsent, als Perry de Jongs Vater Adrian den „American Stock” am 24. September 1954 in Aachen eröffnete. Die „Blue Jeans”, die der Pionier den Öchern nahebrachte, wurden hierzulande damals oft noch „Texashosen” oder „Nietenhosen” genannt.

„Ich bin sozusagen in Jeans geboren worden”, erinnert sich Perry de Jong an die Zeiten, als die Adalbertstraße noch eine „goldene Meile” gewesen sei.

Doch das ist vorbei. Er habe lange gehofft, dass die Galerie doch noch kommt, „aber das geht jetzt nicht mehr”. Um mehr als 50 Prozent seien die Umsätze gesunken, kaum noch jemand verirre sich in das heruntergekommene Ende der Adalbertstraße.

„Da dreht doch jeder am Kugelbrunnen um.” Perry de Jong wird den „American Stock” am Leben erhalten, aber nur als Online-Shop. In der realen Welt stirbt mit ihm ein weiteres Stück Straße. Dem Niederländer bleibt nur ein Kopfschütteln: „Ich begreife einfach nicht, wie eine Stadt so etwas zulassen kann.”

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