Aachener Tierheim: Abstruser Streit um kleine schwarze Katze beschäftigt die Justiz

Aachener Tierheim : Abstruser Streit um kleine schwarze Katze beschäftigt die Justiz

Samtpfoten eingepackt, Krallen ausgefahren. Ein Streit um einen schwarzen Kater beschäftigt seit knapp anderthalb Jahren zwei Familien, das Tierheim der Städteregion, Rechtsanwälte und nun sogar ein Gericht. Kernfrage: Wem gehört der Stubentiger Aljosha, der eigentlich Aaron heißt? Das Jülicher Amtsgericht fällte jetzt ein Urteil, Streitwert 50 Euro — womit zwar „im Namen des Volkes“ Recht gesprochen wurde, aber letztlich womöglich doch alles für die Katz‘ war.

Was war passiert? Kaum hatte Katzenfreundin Manuela Blum-Thies aus Aachen-Orsbach ihren schwarzen Kater Aaron Ende 2016 ins Herz geschlossen, vom Tierarzt behandeln und mit einem reiskorngroßen Identifikations-Chip unterm Fell ausstatten lassen, war der kleine Vierbeiner schon wieder verschwunden. Entlaufen im November 2016.

Während die Katzenmutter noch nach ihrem sechs Monate alten Freund fahndete, war dieser im Aachener Tierheim gelandet — und im Handumdrehen weitervermittelt worden. Und zwar an die Familie von Frau M. aus Jülich. „Aber die neue Familie in Jülich-Inden wollte meinen Aaron nicht wieder herausrücken“, klagte die tierliebe Aachenerin damals.

Denn die Sache ist komplex: Aaron hieß nämlich wieder Aljosha — so wie bei seiner Geburt auf einem Bauernhof bei Aachen. Dort war Blum-Thies das zarte Geschöpf geschenkt worden. Bloß wurde die identitätsstiftende Tätowierungsnummer, unter der das Tier registriert war, bei der Übergabe des Tiers an sie nicht aktualisiert — so dass die schwarze Katze in der Zentrale der Sulzbacher Tierschutzorganisation Tasso nicht Blum-Thies zugeordnet wurde.

Bei Tasso sind rund acht Millionen Tiere registriert, man vermittelt nach eigenen Angaben pro Jahr rund 32.000 entlaufene Katzen zurück an die rechtmäßigen Eigentümer. Im diesem Fall allerdings meldete Tasso dem Aachener Tierheim aufgrund der Tätowierung die Bauernhof-Familie als Eigentümerin. Und der war es nach Auskunft von David Scholz, Mitglied im Tierheim-Vorstand, zu jenem Zeitpunkt völlig egal, an wen die Katze weitergereicht wird.

Da man von den Besitzansprüchen Blum-Thies‘ zunächst nichts geahnt habe, gab man Aaron alias Aljosha in der Vermittlungsdatenbank frei. Man sah sich nicht an die Frist von sechs Monaten gebunden, in der rechtmäßige Eigentümer ihre entlaufenen Tiere zurückfordern dürfen. Die gesetzliche „Rückhaltepflicht“ endet bereits nach zehn Tagen. Ein gewohntes Prozedere: Rund 2500 Tiere vermitteln die Aachener Tierfreunde über ihre Station am Feldchen pro Jahr an neue Halter. Ein Großteil davon sind Katzen.

Man habe Frau Blum-Thies damals mehrfach erläutert, dass die Katze seit zwei Monaten ein neues Zuhause habe — und dort auch bleiben werde. Entscheidend für das Tierheim war der Eigentumsnachweis. Diesen sah man in diesem Fall nicht eindeutig bei Manuela Blum-Thies. „Deshalb ist es so wichtig, einen Chip bei der Übernahme eines Tieres eindeutig und schnellstmöglich neu programmieren beziehungsweise das Tier offiziell registrieren zu lassen“, betont Scholz auch am Freitag auf erneute Nachfrage unserer Zeitung.

Eine Tierarztrechnung oder Ähnliches reicht nach seiner Darstellung keineswegs aus, um Besitzansprüche ohne Zweifel geltend machen zu können. Aber: Das Behalten einer Katze, die bereits einen Halter hat, erfüllt tatsächlich den Tatbestand des Diebstahls. „Wer eine freilaufende Katze beobachtet, muss es nicht unbedingt mit einem armen Findelkind zu tun haben“, hatte auch Scholz schon im Februar 2017 klargestellt.

Blum-Thies machte dem Tierheim und der aus ihrer Sicht unrechtmäßigen Besitzerin von Aaron alias Aljosha schwere Vorwürfe. Und sie zog vor Gericht. „Manche halten mich vielleicht für bekloppt, weil es nur um eine Katze geht. Aber es kann doch nicht jeder machen, was er will! Der Kater gehört zu mir!“, erklärt die Orsbacherin, warum sie vor den Kadi zog.

Vor Gericht machten Tierheim und Tierschutzverein der Städteregion Aachen e.V. nun nicht die beste Figur. Da wurden Zeugen und Prozessbevollmächtigte geladen und gehört, viele Argumente ausgetauscht, ein ziemliches Hin und Her. Man unterlag. „Die Klägerin hat einen Anspruch auf Herausgabe der Katze mit der im Tenor genannten Tätowierungsnummer gegen die Beklagte aus Paragraf 985 BGB“, urteilte der Richter unmissverständlich.

Dazu gab es vom Amtsgericht für Blum-Thies eine „Ausfertigung zum Zwecke der Zwangsvollstreckung“. „Wir waren überglücklich“, erinnert sich die streitbare Tierfreundin. Bis die Anwältin von Frau M. aus Inden vor wenigen Tagen mitteilte: „Eine Herausgabe der streitgegenständlichen Katze ist meiner Mandantin trotz Fristsetzung ihrerseits derzeit leider nicht möglich“, heißt es da.

Im nächsten Satz ließ sie die Katze — quasi — aus dem Sack: „Bereits seit Ostern ist der Kater abgängig, was ich zunächst selber nicht glauben wollte.“ Der Glauben daran fehlt auch Manuela Blum-Thies. Erneuter Katzenjammer. Und schon werden die Krallen wieder ausgefahren.

Die nächste Strafanzeige soll in Kürze folgen. Aaron beziehungsweise Aljosha ist inzwischen zwei Jahre alt. Und wohl der Einzige, dem der skurrile Zwist schlicht schnuppe ist ...

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