Aachen: Abhängige und Obdachlose machen Händlern am Dahmengraben zu schaffen

Aachen: Abhängige und Obdachlose machen Händlern am Dahmengraben zu schaffen

Ein gehöriger Teil des Problems liegt buchstäblich vor der Tür. Und das stinkt nicht nur Malu Wilz gewaltig — im Wortsinn. „In den vergangenen Wochen mussten wir praktisch jeden Morgen ekelhafte Hinterlassenschaften von Obdachlosen eigenhändig beseitigen, vor allem vor den leerstehenden Ladenlokalen“, wettert die Geschäftsfrau.

Und von denen gibt es bekanntlich etliche — nicht nur am Dahmengraben, wo Malu Wilz bereits seit rund 20 Jahren ihren Kosmetik-Salon betreibt. Sie redet sich flott in Rage. „Die Situation ist einfach unerträglich geworden. Und das Ordnungsamt unternimmt viel zu wenig, um zu verhindern, dass immer wieder Nichtsesshafte sogar ihr Nachtlager direkt unter den Schaufenstern aufschlagen.“

„Täglich oft zweimal im Einsatz“: Die Mitarbeiter des Stadtbetriebs säuberten öfter, als sie es eigentlich müssten, sagt die Stadt — hier vor eben jenem Ladenlokal, das vor zwei Nächten zum Schlafplatz mutiert war. Foto: Andreas Herrmann

Vor ein paar Tagen hat ihr Nachbar Martin Dahmen erst einmal gründlich aufräumen müssen, als er seine Boutique „Martys“ an der Ecke zum Bädersteig öffnen wollte. Eine versiffte Matratze, die noch am Vormittag vor dem vergitterten Eingang des verwaisten Geschäfts gleich nebenan herumlag, hat er kurzerhand entsorgt. Auch ein Drogenpfeifchen nebst diversen Utensilien zum Konsum warf er in die Mülltonne. „Der Gestank war unglaublich. Und das geht schon sehr lange so“, erzählt der Geschäftsmann aus Heerlen.

Während jüngst mehrere Diskussionsforen — zuletzt unter dem vielsagenden Titel „Leere Schaufenster: die toten Augen der Stadt“ — hinterm längst verschlossenen Portal des ehemaligen Lust for Life veranstaltet wurden, hätten sich die Missstände dort einigermaßen in Grenzen gehalten. Aber auch da häuften sich normalerweise Abfälle, Urin und Exkremente, berichtet Dahmen. Und fragt: „Warum schafft die Stadt es nicht, Abhängige konsequent aus der City herauszuhalten?“ In Heerlen oder Maastricht etwa habe man bereits vor rund 20 Jahren Hilfsangebote außerhalb der Kernzonen eingerichtet. „Wenn dort einer in der Innenstadt campieren will, ist die Polizei spätestens nach zehn Minuten vor Ort.“

Acht Platzverweise an einem Tag

Aus dem Rathaus ist freilich immer wieder zu hören, dass den Behörden hierzulande vielfach die Hände gebunden seien. Auch mit Platzverweisen könne man meist wenig ausrichten. Orte, an denen sich Suchtkranke und Obdachlose bevorzugt aufhielten, ließen sich schließlich nicht einfach zu Tabuzonen erklären, heißt es.

„Allerdings haben die Kollegen vom Ordnungsamt allein heute bereits acht Platzverweise erteilt“, betont Rita Klösges vom Presseamt am Donnerstagnachmittag. „Und sie sind gerade in der City häufig auch in Zivil unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen.“

Wenn etwa Bettler oder Trinker sich in private Hauseingänge zurückzögen, seien die Behörden jedoch machtlos. „Wir sprechen die Hauseigentümer darauf an, dass sie dagegen möglichst selbst etwas unternehmen sollten“, betont Klösges. In Sachen Straßenreinigung hingegen leiste der Stadtbetrieb oft weit mehr, als die Gebührenbeiträge hergäben. In besonders prekären Bereichen seien „Kehrmännchen“ und Co. oft zweimal statt einmal am Tag im Einsatz. Und: „Wir haben die Mitarbeiter schon oft gebeten, zurückgelassene Habseligkeiten von Nichtsesshaften auch aus privaten Eingängen zu entfernen — und das ist auch geschehen“, sagt Rita Klösges.

Allerdings ist auch die organisierte Selbsthilfe der Händler vor Ort in einer der ehemals beliebtesten Einkaufsmeilen der Stadt inzwischen weitgehend auf der Strecke geblieben. Die ISG Dahmengraben hat ihre Aktivitäten schon vor ein paar Jahren praktisch eingestellt. „Früher haben wir gemeinsame Modenschauen gemacht hat, um die Fußgängerzone zu beleben“, sagt Till Schüler, Koordinator im Initiativkreis Innenstadtmarketing des Märkte- und Aktionskreises City (MAC) und ehemaliger Sprecher der ISG. Auch Projekte zur vorübergehenden Ansiedlung von Künstlerateliers im „Pop up“-Stil seien jedoch kaum noch umsetzbar. Und: „Manche Immobilienbesitzer zeigen leider wenig Bereitschaft, Leerständen effektiv entgegenzuwirken, zum Beispiel durch geringere Mieten“, meint Schüler. „Die Preise, die da gefordert werden, sind oft nicht realistisch.“

Organisierte Bettelei ist verboten

Selbst Vorstöße seitens des MAC, statt hässlicher Sperrgitter zumindest großformatige Folien mit grafisch schön gestalteten Motiven an den Schaufenstern anzubringen, seien meist auf taube Ohren gestoßen. Unterdessen klagen viele Bürger und Geschäftsleute zunehmend über ganz andere konzertierte Aktionen in der Altstadt, die ebenfalls nicht gerade dazu beitrügen, dass potenzielle City-Bummler die zusehendes unattraktiven Fußgängerzonen sozusagen noch auf dem Einkaufszettel hätten. Zum Teil seien da Banden unterwegs, die einander beim Almosensammeln abwechselten und damit gutes Geld machten, schildert Dahmen seine Beobachtungen.

„Diese organisierte Bettelei ist allerdings verboten“, betont Rita Klösges. „Wir gehen dagegen vor. Zuweilen kassieren wir die Almosenboxen, weil es sehr schwierig ist, Ordnungsgelder auch durchzusetzen.“ Denn „professionelle“ Bettler, die oft in regelrechten Teams von weither nach Deutschland kämen, nächtigten jedenfalls nicht vor irgendwelchen Ladenlokalen. Aber sie wechselten ständig ihren Wohnsitz. Rita Klösges: „Wir müssen einräumen, dass wir auch gegen diese Form der Bettelei wenig ausrichten können.“

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