Aachen: Aachens Revoluzzer sorgen '68 für Ruhe und Ordnung

Aachen : Aachens Revoluzzer sorgen '68 für Ruhe und Ordnung

Er wolle mich ja nicht demotivieren, grinst der Kollege, aber wen interessiere das denn noch? Eine Gretchenfrage in der Tat, kein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte wurde so oft durch den Wolf gedreht. Und spätestens im dritten Satz sagt einem auch jeder Akteur von damals, dass „Aachen natürlich nicht Berlin“ war.

Eben, das ist das Spannende. Die Sprecher der Studenten und der Assistenten haben '68 alles Rebellische an der Aachener Uni zu verhindern gesucht, um „das Vernünftige“ — sprich die Mitbestimmung aller Hochschulgruppen — durchzusetzen. Dass dies auch gelang, verdankt sich nicht zuletzt einem Rektor, der mal ein sehr verlässlicher Nationalsozialist war.

Da scheint doch jemand etwas gewusst zu haben: Die NRZ berichtet am 7. November 1968 über Wandparolen gegen den damaligen TH-Rektor Herwart Opitz. Quelle: Hochschularchiv RWTH.

Los war jede Menge, wobei nicht einmal Flaschen flogen. Wenn die Erinnerungen nicht so ganz trügen, gab es in der Hoch-Zeit der Bewegung zwischen Mitte '68 und '69 über Wochen nahezu tägliche Teach-Ins mit tausend und mehr Leuten im Audimax — die RWTH zählte rund 11.000 Studenten — und anschließenden spontanen Demos durch die Stadt.

April 1969: Flugblatt des TH-Asta. Quelle: Hochschularchiv RWTH.

Es ging um alles, was auch in Berlin, Frankfurt und sonst wo (nicht nur) die Studenten auf die Straße trieb: Notstandsgesetze und Vietnam natürlich. „Mit ‚Ho-Chi-Minh‘ durch die Wilhelmstraße, das war schon ein bisschen lächerlich“, lacht der Journalist Heinrich Schauerte, Jahrgang 1946, heute.

Vor allem aber ging es um die Demokratisierung des Studiums und einen offeneren Umgang in der Hochschule miteinander. Und es galt, einiges zu wandeln zu einer Zeit, in der die kulturelle Revolution andernorts längst die Haare und die Phantasien hatte wachsen lassen. Studenten waren hier noch per Sie, im AStA — bis 1967 fest in der Hand der Korporierten — trug man Anzug und Krawatte. Jeder Studienanfänger wurde vom Rektor im Talar sowie von den Vorsitzenden des Senats und des Asta persönlich mit Handschlag begrüßt.

Natürlich gab es auch ein paar halbwegs rebellische Knüller. So die Eröffnung des Akademischen Jahres am 18. Oktober 1968 im Audimax. Als Rektor Herwart Opitz (1905-1978) die Ehrengäste namentlich begrüßte, rief jemand im Saal: „ . . . und Frau Holle“. Nach der dritten Störung stürmte eine Hundertschaft Polizei in den Saal, verriegelte die Türen und stellte die Personalien von 40 „Ruhestörern“ fest. „Ein in der hundertjährigen Geschichte der Technischen Hochschule Aachen bisher einmaliger Krawall“, entsetzten sich die Aachener Nachrichten.

Haase, Schinzel, Böttcher

Die Geschichte dahinter erzählt Claus Haase, Jahrgang 1941, damals AStA-Vorsitzender: Der Rektor, dem gesteckt worden war, dass aus linken Gruppen wie dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eine derartige Störung geplant war, wusste genau, wann er vom Hausrecht Gebrauch machen konnte, und die Polizei stand längst bereit. Der SDS, knapp drei Dutzend Mitglieder stark, sollte daraufhin in Aachen verboten werden, was man nach Protesten allerdings sein ließ. Der mutmaßliche Frau-Holle-Rufer wollte übrigens nicht mehr zu diesen „Kriegszeiten“ befragt werden.

Haase, sein Vorgänger im AStAVorsitz, Dieter Schinzel (Jahrgang 1942), sowie Winfried Böttcher (Jahrgang 1936) als Sprecher der Assistenten waren die Spitzenmanager der Vernunft. Schinzel, bald darauf Stadtrat, Bundestags- und Europaabgeordneter, sagt: „Manch- mal habe ich bei den Vorlesungsstreiks auch eingegriffen, damit hier nicht alles aus dem Ruder lief. Die Professoren haben uns ja dann auch gemocht, weil ich so korrekt war.“ Haase, später langjähriger Stadtrat und Studienberater: „Eine TH, in der es rundgegangen wäre, hätte keine Drittmittel mehr bekommen. Wobei es aber auch ein Spiel war: Man braucht schon ein paar Radikale, damit die Vernünftigen gehört werden.“

Winfried Böttcher, auf dem Weg zum einflussreichen Europaforscher, rechte Hand von Klaus Mehnert am Politik-Lehrstuhl, gab Seminare in Anarchismus und Friedenspolitik. Und sorgte seinerseits dafür, „dass möglichst wenig passierte“, wenn ihm der Rektor die Moderation von Protestveranstaltungen anvertraute.

Mehnert wiederum, einer der wenigen liberalen, durchaus die Modernisierung der Gesellschaft fordernden Professoren, hielt den Berliner Rebellen freundlich vor, die Lage zu verpeilen. „Mit dem Hammer revolutionärer Handlungen sind Verbesserungen nicht zu vollziehen“, so im Juni 1967. Und den Frankfurter Hans-Jürgen Krahl, die einzige SDS-Größe, die in Aachen zu erleben war, belehrte er im Juni 1968: „Sie pinseln nur ein Bild der Utopie.“ Was überdeutlich auch dem Geschmack des Zeitungsreporters entsprach, der darüber zu berichten hatte.

Auch angehende Linke wie der Germanistik-Promovend Schauerte, nachmalig Journalist, Pressesprecher und Schriftsteller, hielten sich zunächst nicht mit Utopien auf, sondern setzten auf direkte Aktion. „Wir Studenten haben das bis dahin völlig verschulte Studium verändert. Wir haben die Noten abgeschafft und uns die Scheine selbst ausgestellt. Das waren die entscheidenden Veränderungen.“ Studenten, die kurz vorher noch „ganz brave Menschen waren, die in einem möblierten Zimmer wohnten, bei einer Wirtin, die dafür sorgte, dass sich darin nach 22 Uhr keine Personen verschiedenen Geschlechts mehr aufhielten“. Reinhard Mey lässt grüßen: „Auf Ihr Wohl, alte fette Frau Pohl!“

Die fleißigen Sozialdemokraten indes — also Leute wie Schinzel, Haase und Böttcher — haben mit ihrer Arbeit in den Gremien und an einer neuen Hochschulverfassung bewirkt, dass die TH ab 1969 eine der ersten Unis überhaupt war, die das Stimmrecht für Studenten und Assistenten im Senat zuließ. Das große Ziel „Drittelparität“ wurde zwar nie erreicht, aber vom Verfassungsgericht 1973 ohnehin untersagt.

Ab 1969 wurde die Bewegung breiter, der AStA linker, die Basisgruppen kamen auf und auch etliche K-Gruppen — wie überall. Die Reformstimmung wirkte bis weit in die 70er Jahre, hatte gar mit Hans „Schwerte“ einen sich linksliberal gebenden Rektor. Dass sich darunter der SS-Hauptsturmführer Hans-Ernst Schneider verbarg, flog erst gut 20 Jahre später auf.

Zustande kam die Öffnung der TH wesentlich mit Hilfe von dessen Vorgänger. „Opitz sah schneller ein, was sinnvoll war für die Hochschule“, sagt nicht nur Haase. Herwart Opitz, am 2. Juni 1967 gewählt, war der starke Mann, der die Zeichen der Zeit erkannte und sich gegen die konservativen Kollegen durchsetzte.

Dass unter dem Talar dieses berühmten Maschinenbauers reichlich „Muff von 1000 Jahren“ steckte — was ohnehin kein Thema der Aachener Studentenbewegung war — wusste keiner der Akteure. Erst ab den 2000er Jahren wurde an der TH nach und nach offengelegt, dass Opitz seit 1933 in der NSDAP und der SA war, führend dem nationalsozialistischen Dozentenbund angehörte, überhaupt „überdurchschnittlich im Sinne des NS-Staates“ seit 1936 an der TH engagiert war und seine Entnazifizierung mittels eines gefälschten Mitgliedsausweises der KPD zu betreiben versuchte. Doch bis heute scheint das nicht wirklich am Bild eines Mannes zu kratzen, der das Parade-Institut der Hochschule, das WZL, nach dem Krieg zur Weltgeltung führte.

Dieter Kaspari und Charly Büchel

Natürlich feierte man auch, machte Musik, zumal im „Dinosaurus“ bei den von der Militärdiktatur in Athen vertriebenen Griechen. Das Von-Humboldt-Haus wurde besetzt und in Che umbenannt. So mancher Zeitzeuge, den man für diesen Artikel nicht aufgetrieben hat, könnte sicherlich noch viele Geschichten erzählen.

Etwa davon, was alles passierte auf der „verrücktesten Studenten-Fete, die Aachen je sah“ (NRZ): drei Tage in einem Abbruchhaus, organisiert von den Architekten. Dieter Kaspari und Charly Büchel — forever young — spielten die Musik zu dem Hippie-Rausch, von dem Kaspari heute noch schwärmt. Jahre später hat er dieser Zeit einen Blues gewidmet: „Rock’n‘Roll än Jraas än die Poppereij / ich ha jedaaht vür sönd för ömmer freij.“

Das sollte aber jetzt keinen Alt-68er demotivieren.

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