Kinoclips : Sichtweisen und Vorurteile überdenken

Vera legt ihre Waren mit Bedacht aufs Band: Die Zahnbürsten akkurat nebeneinander, auch alles andere so, dass es ordentlich aussieht. Die Kassiererin schaut ihr mit einer Engelsgeduld zu, während die zwei jungen Männer hinter Vera sichtlich ungeduldig werden. Solche Situationen sind für Menschen mit Zwangsstörung offensichtlich Alltag, das ihnen aber mit so viel Verständnis begegnet wird, ist wohl eher die Ausnahme. Ein Filmprojekt will das jetzt verbessern.

„Das sieht doch schön aus so“, sagt die Kassiererin und lächelt freundlich. Die Experten sprechen bei Zwangsstörungen, Angststörungen und Autismus gern auch von unsichtbaren Behinderungen. Weil sie auf den ersten Blick nicht erkennbar sind, führen sie laut Daniela Jahn, VKM (Verein für Körper- und Mehrfachbehinderte Aachen), nicht selten zur gesellschaftlichen Ausgrenzung und Isolation.

Mit einem Filmprojekt werben VKM und Alexianer Aachen GmbH jetzt um mehr Verständnis für die Betroffenen. Bei einer kleinen Premiere im Cineplex stellten sie die Filme jetzt vor. Insgesamt sind es vier kurze Clips, die unterschiedliche Krankheitsbilder und Situationen aufgreifen. Und immer wird aufgezeigt, wie Menschen ganz locker mit den Behinderungen umgehen können.

Der 23-jährige Tim sitzt im Bus und fühlt sich sichtlich unwohl. Die Geräusche um ihn herum sind laut, seine Beklemmung wird größer. Erleichterung verschafft er sich mit einer Ente, die er kräftig zum quietschen bringt, dabei bewegt er sich monoton hin und her. Sein Verhalten irritiert einen anderen Fahrgast, der sich aggressiv vor ihm aufbaut. Was zunächst so bedrohlich wirkt, löst sich schließlich humorvoll auf. „Keine Zeit für Smaltalk“, sagt Tim immer wieder. „Na, du bist mit ja ein bunter Vogel“, sagt der andere und wendet sich ab.

Über den einzelnen Clips stehen Sätze wie „Anderssein schafft neue Chancen“ oder „Anderssein schafft Vielfalt“. Die einzelnen Filme sollen dazu anregen, inklusive Sichtweisen zu fördern und Vorurteile zu überdenken. Bei ihrer Produktion waren auch die Betroffenen selbst involviert. Sie haben die Situationen geschildert, die für sie im Alltag am schwierigsten zu bewältigen sind. In Szene gesetzt wurden sie schließlich durch Wolfgang Quest, Autor und Regisseur. Zwei Jahre lang haben er und sein Team sich mit dem Thema beschäftigt, jetzt liegen die Clips vor. Sie werden zum einen als Vorfilme im Cineplex und Apollo gezeigt, können aber auch von Schulen und Bildungseinrichtungen genutzt werden.

„Im Apollo werden die Filme bis Ende des Jahres gezeigt“, sagt David Baudouin, Apollo. Er finde das Projekt ganz wunderbar und unterstütze es deshalb sehr gern, meint er. Tatsächlich überzeugen die Filme vor allem auch wegen ihrer humorvollen Herangehensweise an das Thema. Die Schauspieler sind zum Teil Schüler der Theaterschule, und auch die Betroffenen haben die ein oder andere Statistenrolle übernommen.

Werbeclips mit sozialer Botschaft in Aachener Kinos