Aachener Verkehrspolitiker testen Radwege: Matthias Achilles (Piraten)

Verkehrspolitiker auf dem Fahrrad (4) : „Was die Groko zustande bringt, verdient nicht den Namen Verkehrspolitik“

Matthias Achilles lässt keine Zweifel aufkommen: Hier steigt ein Profi aufs Rad, einer der – wenn auch ohne schützenden Helm – tagtäglich mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist und auch vor heikleren Streckenabschnitten wie Wilhelmstraße, Heinrichsallee oder Jülicher Straße nicht zurückschreckt.

Wo lässt sich besser zeigen, an welchen Stellen es hakt, findet der mobilitätspolitische Sprecher der Aachener Piraten. Und davon gibt es seiner Meinung nach viel zu viele. So fährt auf dieser Tour mit dem 28-jährigen Studenten von Anfang an eine gehörige Portion Groll über den schlechten Zustand der Radanlagen mit. „Es gibt kein Budget für die Instandhaltung“, klagt Achilles, der seit fünf Jahren im Mobilitätsausschuss sitzt und immer noch darauf wartet, dass die Mehrheit „endlich ihren Job erledigt“. Viele Anlagen seien veraltet und würden den heutigen Ansprüchen nicht mehr genügen. Doch statt selber Geld in die Hand zu nehmen, warte die Stadt stets nur auf Förderprogramme oder auf Kanalbauarbeiten der Stawag, bis eine Straße umgestaltet wird. Das erkläre, warum es so lange dauert, bis sich etwas verbessert, glaubt er.

„Es macht einen wütend, wenn man sich ansieht, was nicht passiert“, sagt er. So werde es nämlich für niemanden besser. Auch für Autofahrer sei die Unübersichtlichkeit im Verkehr kein Spaß. Und wenn Radfahrer auf kombinierte Fuß- und Radwege gezwungen werden, gefährde dies unnötigerweise auch Fußgänger, ist er überzeugt.

Doch auf dem Weg von der Normaluhr zum Hansemannplatz kann Achilles zunächst den ganz normalen Radfahreralltag erleben: Ein Lieferfahrzeug der Post steht auf dem Radstreifen an der Wilhelmstraße, Achilles muss auf die Fahrbahn ausweichen. Am Kaiserplatz sorgt die Ampelschaltung für Verwirrung, ein Rechtsabbieger versperrt die Weiterfahrt über den rot eingefärbten Radweg. Und der Radstreifen an der Heinrichsallee verlangt wegen der vielen Parkmanöver ohnehin immer größte Konzentration.

Politiker treten in die Pedale: Matthias Achilles auf dem Rad

Dann aber kommt der Hansemannplatz, der Achilles besonders am Herzen liegt, weil er auf engstem Raum das ganze Dilemma der Aachener Verkehrsplanung vor Augen führt. Als hätten die Planer kapituliert, werden Radfahrer dort urplötzlich sich selbst überlassen: Die Radspur endet im Nichts, Radfahrer, die in Richtung Monheimsallee wollen, müssen Mut zeigen und können nur hoffen, dass sie beim Kreuzen der Rechtsabbiegespur von heranbrausenden Autofahrern gesehen werden.

Für ihn geht es dann aber weiter über die Jülicher Straße in Richtung Haaren, wo die hoffnungslos veralteten Radanlagen in Reinform zu erleben sind. Der ehemalige Radweg ist auf dem Bürgersteig noch vielfach zu erkennen, benutzungspflichtig ist er seit langem nicht mehr. Der erfahrene Radler Achilles entscheidet sich daher für die Fahrbahn. So kann er die Gefahren durch die vielen Ein- und Ausfahrten meiden und kommt bei höherem Tempo auch Fußgängern nicht ins Gehege. Eine schützende Radspur aber gibt es auf einer der von Radfahrern meistgenutzten Straßen bis heute nicht.

Umso wohler kann er sich zunächst auf dem baulich getrennten Radweg am Berliner Ring fühlen, der ihn zur Breslauer Straße führt. Dort kommt die Ernüchterung: Seit Jahren ist dort ein Fuß- und Radweg gesperrt, weil er komplett marode ist. Die andere Seite ist auch nur notdürftig geflickt und wartet seit langem auf die Instandsetzung. Die Verwaltung hatte einen Plan für eine grundlegende Straßenumgestaltung ausgearbeitet, der von CDU und SPD jedoch entrüstet zurückgewiesen wurde. Wie es weitergeht? Niemand weiß es. Für Achilles ist dieser Vorgang ein Paradebeispiel dafür, wie die Koalition Ideen abblockt und die Leute in der Verwaltung verschleißt. „Die Ratsmehrheit kriegt nichts zustande, und sie will es auch nicht.“

Wieder angekommen im Frankenberger Viertel ist Achilles’ Fazit am Ende der Tour wenig überraschend. „Was die Groko zustandebringt, verdient nicht den Namen Verkehrspolitik“, meint er über die Arbeit der schwarz-roten Koalition. Statt sich selber Ziele zu setzen, werde sie immer nur von Gerichtsurteilen oder Bürgerinitiativen zum Handeln getrieben. „Das ist einfach nur erbärmlich.“ So komme es, dass der Radfahreranteil in der Stadt immer noch viel zu niedrig ist. Denn was er sich auf den Straßen zutraue, sei für Ungeübte und Fahranfänger sicher nicht empfehlenswert. „Die sind an der Stelle längst raus.“

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