Aachen: Aachener Tafel hofft auf viele Weihnachtskisten

Aachen: Aachener Tafel hofft auf viele Weihnachtskisten

Fünf Mal müssen wir noch schlafen — dann steigt die große Weihnachtskisten-Aktion der Aachener Tafel wieder im Alten Kurhaus. Im AZ-Interview berichtet Jutta Schlockermann über neue Herausforderungen angesichts der massiven Zunahme von Flüchtlingen und der nach wie vor dramatischen finanziellen Situation zahlreicher Menschen im Grenzland.

Mit wie vielen Weihnachtskisten rechnen Sie in diesem Jahr? Wird es bei der „Bescherung“ am Donnerstag für alle reichen?

Jutta Schlockermann: Im Augenblick haben wir in der Tat die Sorge, dass unsere Weihnachtsaktion auf Grund der vielen Initiativen zu Weihnachten nicht ausreichend wahrgenommen wird. Ob es reicht, wissen wir halt immer erst, wenn unsere Kunden da waren.

Wie viele Haushalte sind derzeit bei Ihnen registriert, wie hat sich die Zahl in diesem Jahr entwickelt?

Schlockermann: Wir haben in diesem Jahr rund 520 Haushalte zusätzlich aufgenommen, davon 121 allein im Dezember. Damit zählen wir derzeit im Ganzen rund 5540 Haushalte, die unser Angebot regelmäßig in Anspruch nehmen können.

Wie spüren Sie den sprunghaften Anstieg von Flüchtlingen in Aachen?

Schlockermann: Die Hälfte der neuen Kunden im Dezember waren sicherlich Flüchtlinge. Wenn die Menschen in Aachen eine Wohnung finden, in der sie sich selber versorgen können, kommen sie auch zu uns.

In Dachau ist vor einigen Wochen heftig über die Ausgabe von Lebensmitteln an Flüchtlinge gestritten worden. Der Vorsitzende des Roten Kreuzes in Bayern etwa argumentierte, deren Versorgung sei durch das Asylbewerberleistungsgesetz bereits gesichert, sie würden gegebenenfalls sogar „bevorzugt“. Wie sehen Sie das?

Schlockermann: Diese Argumentation kann ich nicht nachvollziehen. Wir sind da für alle Menschen, die von staatlichen Transferleistungen leben und in Aachen leben, egal woher sie kommen. Wir machen keinen Unterschied.

Wer erhält eine Kundenkarte? Es gibt ja viele „Kategorien“ von Asylsuchenden: Flüchtlinge mit Duldung, Zugewiesene und solche, die in Landeseinrichtungen zur weiteren „Verteilung“ warten . . .

Schlockermann: Wir unterscheiden nicht nach Aufenthaltsstatus. Das steht uns nicht zu. Wichtig ist für uns, dass die Menschen bereits staatliche Leistungen erhalten. Das gilt für alle Kunden. Wir treten nicht an die Stelle des Staates, aber alle Bedürftigen, die zu uns kommen, unterstützen wir gern.

In jüngerer Zeit gibt es vermehrt Initiativen zum sogenannten „Food-sharing“ auf privater Ebene. Menschen geben Lebensmittel, die sich nicht verbrauchen, gratis an andere ab. Könnte das helfen, auch die Tafel zu entlasten?

Schlockermann: Ich finde es eine gute Alternative, wenn kleinere Mengen von Lebensmitteln vor der Vernichtung bewahrt werden sollen, etwa in Privathaushalten, aber hier geht es ja nicht darum, die Waren an bedürftige Bürger weiterzugeben. Für uns als Tafel merke ich da keine Auswirkung.

Wie reagieren Ihre „Stammkunden“ auf die wachsende Zahl von Hilfesuchenden? Gibt es atmosphärische Probleme?

Schlockermann: Unsere bisherigen Kunden nehmen den Anstieg der Kundenzahlen natürlich wahr. Es gibt selbstverständlich die Sorge, dass die Menge pro Haushalt geringer ausfallen könnte. Aber wir hatten schon immer Menschen unterschiedlichster Nationen in unseren Reihen, und so fallen die aktuellen Flüchtlinge bei uns vielleicht weniger auf als in der Mehrheitsgesellschaft.

Wie kommen Ihre Helfer mit der neuen Situation klar? Gibt es Spannungen, weil zum Beispiel Frauen nicht als Ansprechpartnerinnen akzeptiert werden?

Schlockermann: Auch dieses Pro-blem ist mir noch nicht zugetragen worden, und wir würden das auch nicht akzeptieren. Wir konnten in den vergangenen Jahren viel Erfahrung sammeln, die uns aktuell hilft.

Wie wirkt sich die Situation auf die allgemeine Spenden- und die Einsatzbereitschaft für die Tafel aus? Spüren Sie Probleme, weil sich Spender und vielleicht auch Ehrenamtliche verstärkt auf die direkte Unterstützung der Menschen in den Notunterkünften der Stadt fokussieren?

Schlockermann: Nein, es melden sich eher mehr Menschen, die sich ehrenamtlich bei uns engagieren wollen.

Stellen Sie sich vom Angebot her um? Viele potenzielle Klienten essen zum Beispiel kein Schweinefleisch, trinken keinen Alkohol, bevorzugen andere Speisen.

Schlockermann: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Tafel die Lebensmittel verteilen, die uns gespendet werden. Unsere Aufgabe ist es hier, die richtigen Abnehmer zu finden. Das vermitteln wir auch unseren Kunden, die ganz unterschiedliche Wünsche haben. So findet sich in der Regel ein Ausgleich.

Man kann sich Kisten auch direkt bei Ihren Versorgungspartnern packen und sie zum Ballsaal bringen lassen. Wird das vermehrt in Anspruch genommen?

Schlockermann: Im vergangenen Jahr wurde das gerade von älteren Spendern, denen die Weihnachtskiste zu schwer wird, gern genutzt. Viele Aachener fahren aber auch gern zum Ballsaal, weil sie den Service der Schülerinnen, die die Kisten beim Vorfahren aus den Fahrzeugen nehmen, sehr schätzen.

Was tun Sie, wenn die guten Gaben erstmals nicht ausreichen sollten?

Schlockermann: Wir können nur weitergeben, was wir erhalten haben. Aber wir konnten uns auf die Aachener eigentlich immer verlassen. Im Augenblick bitte ich noch jeden, dem das möglich ist, eine Weihnachtskiste zu packen.

Wann ist das Ende der Fahnenstange für die „Tafel“ erreicht? Wann geraten Sie an die Grenzen?

Schlockermann: Das werde ich jedes Jahr gefragt, und wenn mir vor zwölf Jahren jemand die aktuellen Zahlen vorhergesagt hätte, hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass es unmöglich sei, so viele Kunden zu bedienen. Nun gelingt es aber doch. Wir werden einfach weiterhin unser Bestes geben, um den Menschen, die unsere Hilfe suchen, gerecht zu werden.

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