Aachener streitet mit Krankenkasse KKH

Medizinisches Cannabis : Kampf um Blüten, die Heilung versprechen

Phobie, Angstzustände und ADHS: Die Erkrankungen, die ein junger Aachener hat, schränken ihn in seinem Alltag enorm ein. Seine Ärztin verschreibt ihm medizinisches Cannabis, doch die Krankenkasse will die Kosten dafür nicht übernehmen.

„Ich möchte aktiv am Leben teilnehmen, ich möchte arbeiten gehen und ich möchte mich nicht in meiner Wohnung verkriechen!“ Der 30-Jährige, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, klingt entschlossen, wenn er von seinen Plänen spricht. Doch ganz so simpel, wie es im ersten Moment klingen mag, ist die Umsetzung dieser allzu verständlichen Pläne nicht. Denn der Mann ist krank. Er leidet, wie es seine Ärztin am Aachener Alexianer Krankenhaus erklärt, seit mittlerweile mehr als zehn Jahren an sozialer Phobie, an Panikstörungen, am ADHS-Syndrom.

Ein sehr in sich zurückgezogenes Leben ist die Folge. Der Mann hat enorme Schwierigkeiten, seinen Alltag zu bewältigen, selbst simpelste Dinge wie das Einkaufen von Lebensmitteln kosten ihn eine enorme Überwindung. Er begibt sich in Behandlung, doch keine der psychopharmakologischen Maßnahmen, so heißt es in einem Brief der Ärztin, konnte eine Besserung des Krankheitsbildes erzielen.

Das ändert sich, als der Patient von einer zweiten Aachener Ärztin medizinisches Cannabis verschrieben bekommt. Seit März 2017 ist das Präparat Bedrocan, Cannabisblüten, in Deutschland zugelassen. Damit seine Kasse, die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die Kosten übernimmt – das können bei der regelmäßigen Einnahme von Bedrocan rund 1800 Euro monatlich sein – muss der 30-Jährige kämpfen. Im November 2018 wird vor Gericht ein Vergleich erzielt, der die Krankenkasse dazu verpflichtet, bis März 2019 die Kosten zu übernehmen.

Der Kampf hat sich gelohnt: „Er war in der Lage, eine regelmäßige Erwerbstätigkeit aufzunehmen und seinen Alltag zu strukturieren. Er zeigte sich ausgeglichen“, heißt es weiter in dem Schreiben der Ärztin aus dem Alexianer Krankenhaus. Auch der Sozialarbeiter, der den Patienten betreut, schreibt, „dass sich die psychische Symptomatik innerhalb des letzten Jahres deutlich verbessert hat“. Er könne wieder Hobbys nachgehen und die Ängste im öffentlichen Raum hätten sich deutlich reduziert.

Im März dieses Jahres dann der Schock: Als der Patient erneut einen Antrag auf Kostenübernahme stellt, wird dieser abgelehnt mit dem Hinweis auf den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Der Mann solle einen Entzug machen und andere Therapieformen ausprobieren. Für den jungen Aachener bricht eine Welt zusammen: „Es ist zu einem depressiven Einbruch zur Arbeitsunfähigkeit gekommen“, schreibt die Ärztin aus dem Alexianer. Seit mittlerweile neun Wochen ist der Patient krankgeschrieben, Gehalt bekommt er nicht mehr.

Der junge Mann prozessiert erneut, was bei seinem Krankheitsbild eine enorme Anstrengung bedeutet. Er stellt einen Eilantrag, bleibt damit bislang jedoch erfolglos. Vor lauter Wut schreibt er Anfang Mai einen öffentlichen Post auf die Facebook-Seite der Krankenkasse, der 79 Mal geteilt und 170 Mal kommentiert wird. „Wobei ich mich immer wieder frage, wie ein Gutachter vom MDK sich über meine 3 behandelten Ärzte stellen kann??“, fragt der Aachener in dem Post.

Der MKD, erklärt die Krankenkasse auf Anfrage unserer Zeitung, gibt eine Empfehlung zum Antrag des Versicherten. Die jeweilige Krankenkasse hat dann die leistungsrechtliche Entscheidung zu treffen. „Es ist jedoch für die Krankenkassen auf Grund des Datenschutzes schwieriger geworden, Einzelfallentscheidungen zu treffen.“

Weil ihm das Cannabis so geholfen hat, kauft er es auf eigene Kappe, auch wenn er sich das eigentlich gar nicht leisten kann. Er hat hohe Schulden, sowohl beim Vermieter als auch bei seinem Stromversorger. Über Wasser halten kann er sich nur, indem er persönliche Sachen verkauft und sich bei Freunden Geld leiht. Um aus der Schuldenspirale irgendwie wieder herauszukommen, will er im August in eine andere, günstigere Wohnung umziehen. Auch will er versuchen, so bald wie möglich wieder arbeiten zu gehen.

Die KKH kann sich aus datenschutztechnischen Gründen zum Aachener Fall nicht konkret äußert, erklärt aber auf Anfrage: „Die KKH Kaufmännische Krankenkasse hat gegenüber der Cannabis-Therapie keine skeptische Haltung. Jeder Antrag wird in unserem Haus als Einzelfall geprüft und dem MDK zur Begutachtung vorgelegt.“

Die Hoffnung, dass die Krankenkasse irgendwann doch noch die Kosten für sein Cannabis übernimmt, will er nicht aufgeben. „Mir bleibt noch das Hauptverfahren“, sagt er. Außerdem soll noch in dieser Woche die Widerspruchsstelle der Krankenkasse tagen, die über seinen Fall noch einmal entscheiden soll. So oder so: Von der Wirkung des Cannabis ist er überzeugt. Genau wie seine Aachener Ärzte, die ihm das Medikament weiterhin verschreiben.

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