Aachen: Aachener Queerreferat: „Man outet sich ja nicht nur einmal“

Aachen: Aachener Queerreferat: „Man outet sich ja nicht nur einmal“

„Ich bin schwul und das ist auch gut so!“ — Oder? In den USA wurde die Homo-Ehe legalisiert — Deutschland hingegen hinkt hinterher. Sind wir zu intolerant oder ist unser Gesetzesapparat schlicht zu langsam? Volontärin Valerie Barsig spricht mit den Informatik-Studenten Sven Schiller (22) und Alexander von Wirth (23) über ihre Arbeit im Queerreferat der Aachener Hochschulen. Diese Gruppe steht unter anderem Homosexuellen beim Thema Outing zur Seite.

Aachen ist eine Männerstadt — Fußball, Bier und flachsige Sprüche inklusive. Wie schwer ist es hier, sich als homosexuell zu outen?

Sven Schiller und Alex von Wirth engagieren sich im Queerreferat. Das ist ein Anlaufpunkt für homosexuelle Studenten. Foto: Valerie Barsig

Sven: Ich weiß nicht, ob es hier unbedingt schwerer ist als an anderen Universitäten. Man kann sich ja schließlich selber seine Freunde aussuchen und denen aus dem Weg gehen, die einem unsympathisch sind.

Alex: Einige Maschinenbauer gehören auch zum Queerreferat. Die haben erzählt, dass sie sich mit ihrem Outing bei einigen Kommilitonen schwerer getan haben, eben weil das Klima in diesem Studiengang manchmal — nach ihren eigenen Worten — etwas proletenhaft sein kann. Sie haben sich aber alle mittlerweile geoutet und sind auf offene und tolerante Menschen gestoßen.

Wie war das damals bei euch, als ihr euch geoutet habt?

Sven: Man outet sich ja nicht nur einmal, sondern tausendmal. Bei seiner Familie, bei seinen Freunden und so weiter. Zuerst habe ich es einer Freundin im Bulgarien-Urlaub erzählt. Dann wollte ich es unbedingt meiner Mutter sagen, hatte aber wahnsinnige Angst davor. Ich habe sie um sechs Uhr morgens angerufen und ihr gesagt, dass ich schwul bin. Zu Hause hat sie dann das Gespräch gesucht, ich bin ihr aus dem Weg gegangen. Sie wirkte einfach nicht glücklich, die Frage nach Enkeln hat sie sehr beschäftigt. Ein halbes Jahr haben wir das Thema umschifft, danach hatten wir ein wirklich gutes Gespräch. Als Kind macht man sich viele Vorwürfe.

…weil man so ist, wie man ist?

Sven: …weil man merkt, dass die Eltern vielleicht nicht glücklich sind oder Angst haben, dass sie keine Enkelkinder bekommen. Man denkt in der Pubertät ja noch, eine Freundin sei ein Ideal, nach dem man streben sollte. Dann sind Jungs aber interessanter. Man selbst neben einer Freundin ist ein Bild, das einen nicht glücklich macht. Trotzdem denkt man darüber nach.

Alex: Ich hatte drei Freundinnen und habe erst mit 16 oder 17 bemerkt, dass das nicht zu mir passte. Ich hatte aber kein Problem damit, wie viele andere, mir das selber einzugestehen. Ich habe gemerkt, dass ich schwul bin und das war für mich kein Problem. Ich habe irgendwann jemanden zum Essen mit nach Hause gebracht und meinen Eltern gesagt, er sei nur ein Freund. Meine Mutter hat aber etwas gemerkt und mich darauf angesprochen. Sie war schon immer sehr tolerant bei dem Thema, doch als es ihren eigenen Sohn getroffen hat, hatte sie einige Zeit mit vielen typischen Sorgen zu kämpfen, beispielsweise Krankheiten, eventuellen Selbstzweifeln bei mir oder auch der Enkelfrage. Heute freut sie sich sehr darauf, wenn ich meinen Freund mit nach Hause bringe.

Toleranz sollte selbstverständlich sein. Trotzdem gibt es Anfeindungen Homosexuellen gegenüber. Ist euch das schon mal passiert?

Sven: Den Spruch „Das ist voll schwul“ kennt man ja von vielen Schulhöfen. Da Kinder aber oft nicht wissen, was er bedeutet, kann man ihn ohne sie aufzuklären nicht als homophobe Aussage werten. In Aachen bin ich bisher nicht angefeindet worden. Allerdings haben wir im Queerreferat einen Drag-Workshop, bei denen sich Männer Frauenkleider anziehen. Als wir danach durch die Stadt gelaufen sind, war es ganz besonders auf der Pontstraße übel. „Scheiß Schwuchteln“ war nur eins der Schimpfworte, die wir dort gehört haben. Auf dem Bend hingegen, wo viele Familien unterwegs waren, ist man uns eher mit Interesse begegnet.

Alex: In Köln wurde ich mal mit einem Freund von drei Jugendlichen beleidigt und mit Flaschen angegriffen. Wir haben uns natürlich gewehrt und sie haben plötzlich von uns abgelassen. Zum Glück wurde keiner von uns ernsthaft verletzt. Trotzdem spürt man in einem solchen Moment die Angst. Generell erlebe ich aber in Aachen eher, dass Menschen zu uns ins Queerreferat kommen und interessiert sind, fragen, was wir hier machen und sagen, dass sie froh sind, dass es das Referat gibt — also erlebe ich hier auch viel Zuspruch. Generell habe ich aber das Gefühl, dass es eher Jugendliche sind, von denen man angefeindet wird.

Also ist Schwulsein in Ordnung, solange man die Finger von Frauenklamotten lässt?

Alex: Die Sichtbarkeit ist vielleicht das Problem. Viele Leute haben kein Problem mit Homosexuellen, erleben dann aber den Aufbruch einer Geschlechterrolle, was für sie vielleicht nicht mehr in Ordnung ist. Wenn ich Hand in Hand mit meinem Freund durch Aachen laufe, bekomme ich vielleicht einen Blick mehr, Frauenklamotten hingegen ziehen die Aufmerksamkeit viel mehr auf sich.

Sven: Viele beginnen dann vielleicht, ihre eigene Identität zu hinterfragen. Gerade Männer, die einen anderen Mann in Frauenkleidung sehen, wollen dann vielleicht mit einem dummen Spruch ihre eigene Männlichkeit unterstreichen. Homosexualität gilt längst nicht mehr als unmännlich, Frauenkleidung aber schon.

Was haltet ihr von der aktuellen Idee, Homosexualität im Sexualunterricht zu behandeln?

Alex: Es wäre gut. Kinder sind sehr offen und hätten sicherlich überhaupt kein Problem damit, über Homosexualität zu sprechen. Wenn man ihnen früh erklärt, dass Männer Frauen lieben, aber eben auch Männer Männer lieben können und Frauen Frauen, dann fördert das die Toleranz und macht natürlich kein Kind schwul.

Genau das ist ja das Argument der Kritiker: dass ein solcher Unterricht Homosexualität fördern kann. Macht das wütend?

Sven: Es macht einen traurig. Vor allem, weil hier Argumente zur Sprache kommen, die nicht rational sind. Viele kann man einfach entkräften, aber es ist traurig zu sehen, dass viele Menschen einfach ihrem Bauch und ihrem Gefühl von Tradition folgen, ohne eigene Argumente zu hinterfragen.

Alex: … wütend wird man, wenn man das vermeintliche Argument hört, jemand müsse seine Kinder schützen.

In den USA ist die Homo-Ehe erlaubt, Deutschland hinkt hinterher.

Alex: Wirklich ins Rollen gekommen ist die Diskussion nach dem Ja-Votum der Iren zur Homo-Ehe im Mai. Seitdem ist das Thema hier in den Medien sehr präsent. Vor allem Grüne und Linke äußern sich klar zur Homo-Ehe. Gegenwind kommt leider immer noch von der CDU/CSU. Sie tun sich schwer, berufen sich auf ihre Traditionen und Werte und das setzt den Koalitionspartner SPD natürlich gleich mit unter Druck. Im Koalitionsvertrag stand aber auch von Anfang an drin, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften gleichberechtigt werden sollen.

Sven: Es ist aber absehbar, dass sich bald etwas tut. Seit dem Irland-Referendum ist das Thema ständig in der Diskussion.

Was ist mit anderen Gruppen?

Alex: Bis vor zwei Jahren waren wir noch das Schwulen-Referat. Dann haben wir uns in Queerreferat umbenannt, um uns für alle zu öffnen: Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle…

Was genau tut ihr für sie?

Alex: Wir haben im Queerreferat eine Sprechstunde, bei der auch nur einer von uns da ist. Wer möchte, kann vorbeikommen und sich uns anvertrauen. Mit dem Referat geben wir vielen einen Schutzraum, in dem sie so sein können, wie sie möchten, gerade wenn das im Alltagsumfeld vielleicht nicht geht.

Sven: Wir haben auch jemanden bei uns, der sich nicht binär definiert. Die Person möchte mit ersie angesprochen werden. Sich selbst so zu identifizieren und anzunehmen und das für sich herauszufinden, ist ein schwerer Weg, vor allem, weil viele Leute erst nach der Pubertät feststellen, wer sie sind. Dabei möchten wir ihnen helfen und sie begleiten.

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