Aachen: Aachener Printen reisen bis nach Indien

Aachen: Aachener Printen reisen bis nach Indien

Wenn Walter Wiese erzählt, dass er 120 Kinder hat, erntet er regelmäßig ungläubige Blicke. Die Aufmerksamkeit ist ihm dann allerdings sicher. Und die braucht er, wenn er von „seinem“ Indien-Projekt erzählt. Eigentlich hat der Aachener Architekt nur zwei leibliche Söhne.

In Indien hat er aber tatsächlich weitere 120 Kinder ins Herz geschlossen. Sie leben in zwei Kinderhäusern, welche er maßgeblich mit aufgebaut hat.

Alles begann vor 14 Jahren. Wiese, der zu der Zeit bereits einige Bauprojekte für die Propsteipfarrgemeinde St. Mariä Himmelfahrt in Jülich realisiert hatte, erfuhr in einem Gespräch mit dem dortigen Pfarrer Heinrich Bongard von einem sozialen Projekt, das in der indischen Stadt Paratwada umgesetzt werden sollte: ein Haus, in dem Kinder aus ärmsten Verhältnissen eine Bleibe finden, wo sie übernachten können, wo sie mit Essen, Kleidung und bei Bedarf mit Medikamenten versorgt werden und wo sie die Möglichkeit erhalten, eine öffentliche Schule zu besuchen.

An die Frage zum Schluss des Gesprächs erinnert sich Wiese noch heute sehr genau: „Sie als Architekt, können Sie da mal nach gucken?“ Etwas überrumpelt, aber von Anfang an interessiert, stürzte Wiese sich in die Arbeit. Der Verein „Melghat Development Society of Germany“ (MDSOG) wurde als Pendant zu der indischen Stiftung „Melghat Development Society“ (MDS) gegründet, die Planung des Hauses und die Koordination der Baumaßnahmen wurden in Angriff genommen.

Zwei Jahre später, im Jahr 2004, konnte das „Bongard House“, das seitdem von dem indischen Priester Dr. Johannes Maliekal geleitet wird, dank der finanziellen Unterstützung aus Deutschland und engagierten Handwerkern vor Ort eingeweiht werden und steht seitdem Kindern zwischen neun und 15 Jahren zur Verfügung. „In dem Eröffnungsjahr habe ich auch meine erste Reise nach Indien unternommen und war sofort tief berührt“, so Wiese. 8000 Kilometer vom beschaulichen Aachen entfernt, sah er sich mit einer anderen Welt konfrontiert und gleichzeitig bestätigt, dieses Projekt weiter zu unterstützen.

Und das ist bitter nötig. Die Bergregion „Melghat“ gehört zu den ärmsten Regionen Indiens, 80 Prozent der Bevölkerung leben dort unterhalb der Armutsgrenze. Kinder, die dort leben, haben kaum eine Chance. Wenn sie das Kinderhaus erreichen, sind sie meist unterernährt oder krank. Einige der Kinder wurden misshandelt, haben noch nie in ihrem Leben eine Schule betreten, geschweige denn das Gefühl von Geborgenheit erfahren. „Als ich das erste Mal vor Ort war und in die Augen der vielen Kinder geblickt habe, hat es bei mir Klick gemacht. Ja, man kann sagen, die Kinder haben mich adoptiert“, erzählt Wiese.

Er ist froh, mit dem von Heinrich Bongard gegründeten Verein, in dem sich sieben Mitglieder ehrenamtlich engagieren, zumindest einem Teil der Kinder eine Zukunft zu ermöglichen. So sind in den vergangenen zwölf Jahren 300.000 Euro an Spendengeldern zusammengekommen. Nicht nur die laufenden Kosten konnten so übernommen, sondern auch weitere Projekte realisiert werden. Denn schnell wurde klar: Ein Haus allein reicht nicht aus. Da in Indien eine strikte Geschlechtertrennung herrscht, wurde zudem kürzlich ein „Mädchenhaus“ auf dem über 10.000 Quadratmeter großen Areal der Stiftung gebaut.

Derzeitig ist ein Ausbildungshaus für die Kinder in Planung. Wiese fliegt seit mehr als zehn Jahren einmal pro Jahr auf eigene Kosten nach Indien, nicht nur, um sich regelmäßig ein Bild von dem Projekt zu machen, sondern auch, um seine Verbundenheit zu zeigen. Immer im Gepäck hat er dabei eine besondere Überraschung: Printen für alle 120 Kinder und die zehn Mitarbeiter. Bei seiner letzten Reise im Januar hatte er allein sechs Kilo der süßen Naschware dabei, die von einer Walheimer Bäckerei gespendet werden. „Denn Printen kommen bei den indischen Kindern genauso gut an wie bei Öcher Kindern“, schmunzelt Wiese.

Weitere Infos: www.mdsog.de