Aachener Parkhaus Mostardstraße wird saniert

Gigantischer Aufwand: Parkhaus Mostardstraße muss saniert werden

Das Parkhaus Mostardstraße wird saniert. Der Satz klingt wenig spektakulär. Spektakulär sind jedoch die Dimensionen, die sich hinter diesen fünf Worten verbergen. So müssen fast 3000 Tonnen Beton entfernt und neu aufgebracht werden.

Gearbeitet wird zum Beispiel mit Höchstdruckwasserstrahlen, die rund 1200 bar erreichen. Zum Vergleich: Im Marianengraben, der tiefsten Stelle der Weltmeere, herrscht ein Druck von knapp 1100 bar. Das wichtige Innenstadtparkhaus mit 370 Plätzen wird rund ein Jahr gesperrt sein.

Es klingt fast unglaublich, was sich da weitgehend im Verborgenen und teils tief unter der Oberfläche mitten im historischen Aachener Altstadtkern abspielen wird. Herbert Sliwinski spricht von einer „ungeheuren logistischen Herausforderung“.

Wenn er von dem Projekt erzählt, muss der Geschäftsführer der Aachener Parkhausgesellschaft (Apag) - die städtische Tochter betreibt die Tiefgarage - zwischendurch immer mal wieder tief durchatmen. Kein Wunder, denn so etwas hat es in Aachen noch nicht gegeben.Doch der Reihe nach.

Sorge um die Standfestigkeit

Das Parkhaus - offiziell trägt es den Namen „Rathaus“ - wurde in den 1960er Jahren gebaut. Eindringendes und mit Salzen versetztes Wasser hat der Bausubstanz übel zugesetzt. Die Stahlarmierungen rosten, teils sind sie schon ganz zerstört. Der Beton platzt in der Folge auf. Betroffen sind die Fahrbahnen ebenso wie die Decken. In Sorge um die Standfestigkeit hat die Apag vor einiger Zeit das Ingenieurbüro Sasse und Fiebrich mit einer Analyse beauftragt.

Ergebnis: Das Parkhaus muss von Grund auf saniert werden, sonst ist es um seine Statik geschehen. Doch das ist ein unglaublich schwieriges Unterfangen.

Wobei zunächst einmal die Frage im Raum stand, wie man den rund zehn Zentimeter dicken Beton wegbekommt, um an die Stahlarmierungen zu gelangen. Normalerweise würde man „Pickhämmer“ einsetzen. Doch das scheidet aus. „Der Schall, der über den Baukörper verbreitet würde, wäre für die Anwohner nicht zu ertragen.“ Schon gar nicht über ein Jahr hinweg. Über dem Parkhaus gibt es Geschäfte, die AOK hat dort ihre Zweigstelle, Restaurants sind vor Ort und ebenso Mietwohnungen. Also hat man ein anderes Verfahren an drei Parkbuchten vorab getestet.

Dabei kommen besagte Höchstdruckwasserstrahlen zum Einsatz. Das ist zwar innerhalb der Räume ebenfalls infernalisch laut. Oder um es mit Herbert Sliwinski zu sagen: „Da geht die Post ab.“ Aber dieser Schall wird nicht über das Mauerwerk weitergetragen. Beim Test hätten die Anwohner so gut wie nichts von den Arbeiten mitbekommen.

Bei diesem Verfahren kann man „Lanzen“, wie man sie vom heimischen Hochdruckreiniger kennt, einsetzen. Doch damit würde die Betonentfernung auf den 11.000 Quadratmetern Bodenfläche ewig dauern. Also werden zwei Roboterfahrzeuge zum Einsatz kommen. Die schaffen immerhin bis zu 120 Quadratmeter pro Tag - die Arbeitszeit alleine für diesen Part wird also rund 100 Tage betragen.

100 Kubikmeter Wasser pro Tag

Doch der Einsatz der Roboter hat ebenfalls extreme Voraussetzungen. Jeder von ihnen schießt 100 Kubikmeter Wasser auf den Beton. Pro Tag. Das bedeutet also einen Verbrauch von 200.000 Litern pro Tag. Die holt man sich nicht mal eben aus dem Wasserhahn. „Wir sind in intensiven Gesprächen mit der Feuerwehr“, sagt Sliwinski. Schließlich darf die bei einem Einsatz in der Innenstadt nicht auf dem Trockenen stehen, weil die Hydranten überfordert sind. Und mit Strom aus der Steckdose lassen sich die Geräte auch nicht betreiben.

Um den enormen Druck aufbauen zu können, benötigen sie die Energie aus zwei riesigen Diesel-Stromaggregaten, die in Containerform daherkommen. Diese wiederum verbrauchen einiges an Sprit: rund 1000 Liter Diesel pro Tag und Stück. Auch hier ein Vergleich: Mit 2000 Litern fährt ein Linienbus ungefähr 3000 Kilometer. Die Abgase der Aggregate müssen über Rohre abgeleitet werden, die höher sind als die dortigen Hausdächer. Und die Container selber werden gegen den Lärm auch noch zusätzlich „eingehaust“.

Das verbrauchte Wasser muss dann wieder aus dem Parkhaus raus. Aber bevor es in die Kanalisation gelangt, muss es gesäubert werden. Deshalb wird laut Sliwinski eine eigene Kläranlage aufgebaut. Platziert werden muss das alles und noch viel mehr im Umfeld. Alle zur Verfügung stehenden Innenhöfe werden genutzt. Unter anderem auch für hunderte Tonnen Stahl und weit mehr als 2000 Tonnen Beton, die neu eingebaut werden. Ebenso viel Beton muss raus. Täglich wird er mit Lastern weggebracht. Für diese ganze Logistik wird die Mostardstraße nicht reichen. Der Verkehr wird auch durch die Fußgängerzone Pontstraße rollen. Derzeit werde bei der Stadt an einem Verkehrskonzept gearbeitet, sagt der Apag-Geschäftsführer.

Dann wäre da noch ein statisches Problem: Wird der Beton in der obersten Etage entfernt, müssen alle darunter liegenden Etagen gesichert werden, damit sie nicht zusammenkrachen. Dafür werden weit mehr als 10.000 Stützpfeiler nebst Stahlträgern benötigt. Die Technik – Elektrik, Lüftung, Brandschutz etc. – muss komplett ausgebaut und später erneuert werden. Ist der Boden raus, ist der Deckenbeton dran. Da können keine Roboter fahren, also kommen die „Lanzen“ zum Einsatz, was dort aber auch besser möglich ist. Dass am Ende der neue Beton noch mit „Kugelstrahlen“ griffig und mit Epoxidharz beschichtet wird, mag angesichts vorgenannter Dimensionen als „normale Bauarbeiten“ durchgehen.

Startschuss im Februar oder März?

Wann der Startschuss erfolgt, ist noch nicht ganz klar. „Wenn wirklich alles glatt geht, könnte es im Februar oder März soweit sein“, sagt Sliwinski. Eher wird es etwas später, denn derzeit sind die nicht minder komplexen Ausschreibungen in Arbeit. Bei der Bauzeit mag sich der Geschäftsführer auch nicht festlegen. Ein Jahr vielleicht, vielleicht auch mehr oder im anderen Fall etwas weniger.

Dass das hochfrequentierte Parkhaus zur Weihnachtszeit 2019 jedoch nicht zur Verfügung steht und damit 370 Stellplätze – zusätzlich zu den im Parkhaus Büchel gesperrten – fehlen, ist allerdings wohl unabwendbar. Unabwendbar ist laut Herbert Sliwinski die gesamte Sanierung: „Sie ist alternativlos.“ Im innerstädtischen Bereich gebe es keinen Platz, um ein neues Parkhaus in ähnlich guter Lage neu zu bauen.

Zur Kostenkalkulation hüllt sich Sliwinski indes wegen der noch offenen Unwägbarkeiten derzeit in Schweigen. Dass es in die Millionen geht, ist klar. „Dafür steht am Ende aber auch ein neues, modernes Parkhaus mit neuer Technik wie etwa bei der Beleuchtung zur Verfügung“, betont Sliwinski. Nach einem einfachen Anstrich klingt das alles denn auch tatsächlich nicht.

Flexible Parkplätze für Mieter

Aufhorchen werden letztlich natürlich auch alle, die im „Parkhaus Rathaus“ einen Dauerparkplatz haben – insgesamt inklusive „Nachtparkern“ rund 200 Mieter. Ihnen werde man keinen festen Platz in einem bestimmten Parkhaus zuweisen. Vielmehr werde man ihre zur Einfahrt genutzten elektronischen „Nupsis“ so programmieren, dass sie in mehreren Parkhäusern funktionieren und die Mieter dann flexibel ihren Parkplatz wählen können.

Nötig wird auch eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit. Und das nicht nur bei den Anwohnern. Sie soll bis nach Belgien und in die Niederlande reichen, da insbesondere dort das Parkhaus an der Mostardstraße ein beliebtes Anfahrtsziel sei.

Die Parkplätze bleiben am Ende von der Größe her gleich. Wegen der vorhandenen Säulen würden sonst zu viele Plätze verloren gehen, so Sliwinski. Das sei letztlich eine wirtschaftliche Frage.

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