Aachen: Aachener paddelt mit dem Kajak bis zum Schwarzen Meer

Aachen : Aachener paddelt mit dem Kajak bis zum Schwarzen Meer

Arthur Heinrichs ist 27 Jahre alt, Aachener und Student der sozialen Arbeit in Siegen. Arthur Heinrichs ist wieder in Siegen, zurück nach einer besonderen Fahrt. Soweit alles normal. Nach der Schulzeit absolvierte er ein soziales Jahr in Mexiko, wo er mit Kindern arbeitete, deren Eltern im Gefängnis saßen oder aus anderen Gründen nicht in der Lage waren, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern.

Eine echte Herausforderung, die ihm einen anderen Blick auf das Leben eröffnete. Im Anschluss an Mexiko ließ er sich im Hotel Savoy in Köln zum Hotelfachmann ausbilden, ein ziemliches Kontrastprogramm. Danach begann das Studium, und nun war der Zeitpunkt gekommen, einen Traum, den er bereits seit einigen Jahren mit sich herumtrug, zu verwirklichen. Eine Kajaktour auf der Donau, von Passau bis zur Mündung ins Schwarze Meer!

Fast am Ziel: Ordentlich durchtrainiert und wieder mit abgeheilten Schwielen an den Händen überstand der Aachener sein Abenteuer.

Man kann nicht sagen, dass er ein ausgewiesener Paddler war. Die ersten Erfahrungen lagen schon ein paar Jahre zurück und endeten mit der Erkenntnis, dass dies nicht unbedingt sein Sport ist. Warum dann diese Idee? Genau wisse er das auch nicht, vielleicht liege es daran, dass er grundsätzlich mehr der Typ für Abenteuerurlaube sei, meint er.

Inzwischen wieder wohl behalten in Aachen: Arthur Heinrichs kann auch wieder mit der Oma telefonieren. Foto: Andreas Steindl

Er hat sich im Vorfeld der Tour dann auch nicht wirklich informiert, weder über notwendige Utensilien noch über Grenzbestimmungen. Den Jakobsweg ist er zuvor in Teilen auch schon gegangen, da hatte er zur Vorbereitung das Buch von Hape Kerkeling gelesen. „Das Buch war im Nachhinein eine Enttäuschung, deshalb habe ich mir das diesmal gespart.“

„Einfach los“ lautete deshalb die Devise. Das, was seiner Meinung nach wichtig war, hat er dann eingepackt. Ein Kajak hatte er sich gekauft, „nicht zu teuer, ich musste ja mit meinem Geld auskommen“. Der Einstieg in Passau gestaltete sich lebhaft, in den ersten Tagen ging einiges an die Donau verloren, MP3-Player, Schuhe, Protein-Shaker, Sonnenbrille und sein Handy zeigten sich als schwimmuntauglich. Wobei er den Verlust des Handys gar nicht so schlimm fand, eine große Ablenkung war weg. Er hat sich dann ein ganz billiges gekauft, mit dem er nur telefonieren konnte.

In den ersten zwei Wochen begleitete Heinrichs sein Bruder von Passau bis Budapest, mit Zwischenstation in Wien, wo die Stadt erkundet wurde. Ein beeindruckendes Erlebnis war dabei eine Gewitternacht im Zelt am Ufer des Flusses, bei dem sich beide nicht klar waren, ob sie den nächsten Tag noch erleben würden. Und morgens lagen ihre Füße im Wasser des Flusses, der durch die Niederschläge immens angeschwollen war. „Im Nachhinein betrachtet war die Nacht der Moment, in dem wir die größte Angst hatten“, schildert er.

Weiter ging es nach Budapest, wo erstens ein Besuch des „Sziget-Festivals“ und zweitens der Abschied vom Bruder anstanden. Von da an war er auf sich allein gestellt. Der Tagesschnitt von 60 Kilometern wurde eingehalten, die Nahrungsaufnahme fand weitestgehend auf dem Wasser statt, und ansonsten stand Besinnung auf sich selbst auf dem Tagesprogramm.

Vor allem haben ihn die Begegnungen mit anderen Menschen beeindruckt. Viele waren wie er mit kleinen Booten unterwegs, eine Gruppe aus Irland tourte mit Schlauchbooten von Frankreich aus durch ganz Europa, demnächst werden sie den Mississippi in Angriff nehmen.

Oder diejenigen, die er auf seinem Weg durch Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien oder die Ukraine kennenlernte und die ihm spontan ein Getränk, Essen oder gar eine Bleibe zur Verfügung stellten. „Ich habe in keinem Moment das Gefühl gehabt, in Gefahr zu sein. Mir ist von Menschen nichts gestohlen worden, nur ein Fuchs hat meine Neoprenhose aus dem Boot gemopst“, blickt er schmunzelnd zurück.

Die Gastfreundschaft sei unvorstellbar gewesen, der Kontakt — mangels gemeinsamer Sprache mit Händen und Füßen — war immer problemlos. In Serbien hätte er sich eigentlich an der Grenze bei der Polizei melden müssen, dies aber total versäumt.

Als er das nach ein paar hundert Kilometern nachholen wollte, hat ihn der Polizist nur angesehen und gesagt: „Eigentlich kann ich dich jetzt verhaften. Aber steck deinen Ausweis weg und fahr weiter. Du warst nie in Serbien“! Problemlösung auf südosteuropäische Art. Dort haben auch zwei Männer Taxi für ihn gespielt, er musste zur Bank und Lebensmittel einkaufen. Und nachdem sie ihn überall hin chauffiert hatten, haben sie ihn auch noch in einem Lokal am Flussufer zum Essen eingeladen.

An der bulgarischen Grenze hat er sich dann angemeldet und wurde zur Belohnung von den Beamten zu Kaffee und Zigaretten gebeten. „Schöne Momente waren auch die, wenn einem die Menschen vom Ufer oder von anderen Booten zuwinkten, das treibt einen irgendwie voran“, war er froh auch für diese Art der Unterstützung. Denn sein Körper meldete sich dann doch immer öfter, Blasen an den Händen und Rückenschmerzen vom langen Sitzen kosteten täglich mehr Überwindung. Auch die Telefonate mit den Lieben daheim machten die Sache nicht einfacher. Mit seiner Oma habe er fast gar nicht mehr telefonieren können, sie sei voller Angst gewesen.

Nicht ganz unbegründet, denn eine schwere Verletzung an der Hand, verursacht mit dem eigenen Messer beim Melone schneiden, sorgte 200 Kilometer vor dem Ziel in Rumänien fast für ein plötzliches Ende der Fahrt. Doch auch hier halfen Einheimische, versorgten seinen Daumen und versicherten ihm, das Nähen der Wunde sei nicht nötig. Die Narbe am Finger spricht heute eine andere Sprache, allerdings stand er die Tage durch, die Wunde heilte langsam und der Wille in Heinrichs sorgte schließlich dafür, dass er eines Tages mitsamt seiner Crazy Daisy (Kajak) und Gustav (Paddel) das Schwarze Meer erreichte.

Das Kajak verschenkte er an den nächstbesten Bauern, der ihn als Dank am nächsten Tag sieben Stunden lang zum Flughafen nach Bukarest fuhr. Natürlich nach einem zünftigen Abschiedsfest gemeinsam mit drei Ungarn, die ihr Holzboot zum Abschluss ihrer Fahrt einem schönen Lagerfeuer opferten.

Natürlich sind damit noch nicht alle seine Träume abgearbeitet, aber zunächst hat für Arthur Hein-richs das Studium Vorrang. Und dann, wer weiß? Nepal schwirrt ihm noch im Kopf herum, Angola reizt ihn, Schottland war schon immer im Kopf, vielleicht mit einem Segelschiff einmal um die Welt? In jedem Fall hat er sich eines vorgenommen: „Ich werde immer in der Gegenwart leben und jeden einzelnen Tag schätzen“, weiß er heute. Wer das anders sieht, sollte sich vielleicht ein Kajak kaufen…

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