Aachener NS-Geheimprojekt "Stint" steht seit 2015 unter Denkmalschutz

NS-Geheimprojekt „Stint“ in Burtscheid : Ein Erinnerungsort, den niemand zu sehen kriegt

Zu sehen gibt es im Grunde nichts. Unzugänglich, dunkel und nass liegt es unter den Straßen und Häusern von Burtscheid, dieses Bauwerk, das nicht schön anzusehen ist und keine Heldengeschichten zu erzählen hat. Und doch steht es seit 2015 unter Denkmalschutz: Ein weitverzweigtes Stollensystem, das als nationalsozialistisches Geheimprojekt Anfang der 1940er Jahre unter dem Decknamen „Stint“ ins Burtscheider Gestein getrieben worden ist.

Erst 2013 sind die Denkmalschützer auf die Anlage wieder aufmerksam geworden, deren Existenz über einen langen Zeitraum hinweg verdrängt und vergessen worden ist. Das ist kein ungewöhnliches Phänomen, sagt der Stadtarchäologe Markus Pavlovic. Kriegsbauten wie diese erinnern an schreckliche Zeiten. Entstanden sind sie in den Jahren, als die Alliierten mit dem Luftkrieg gegen das Naziregime der Deutschen begannen, der verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hatte. In der Nachkriegszeit wollte daran zunächst niemand mehr erinnert werden.

So ist auch diese große Bunkeranlage erst wieder vor knapp sechs Jahren durch ein Bauvorhaben an der Hauptstraße in den Blick der Denkmalpfleger geraten. Denn im unteren Teil der Hauptstraße, wo heute ein großer Wohnkomplex steht, befindet sich der Zugang in die unterirdische Bunkeranlage, die allem Anschein nach zweierlei bezwecken sollte: Zum einen sollten dort möglichst viele Menschen Schutz vor Angriffen finden – von einem Fassungsvermögen für mehr als 1000 Menschen ist die Rede –, zum anderen hatte aber auch die Firma Schumag die Absicht, dort ihre Produktion unter die Erde zu verlagern.

Die Untertage-Verlagerung kriegswichtiger Produktion war damals Teil eines großangelegten Programms im gesamten Reichsgebiet. Selbst Flugzeuge und Raketen wurden unterirdisch gefertigt. Die Kombination mit dem Zivilschutz gilt hingegen als besonders perfide, weil die Bevölkerung zugleich als menschliches Schild missbraucht wurde. Auch deshalb werten die Denkmalpfleger den Burtscheider Luftschutzstollen, der zu den wenigen überhaupt noch erhaltenen gehört, als „authentischen Erinnerungsort“, der für „ein angemessenes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus stehen kann“. Während etwa der alte Nazi-Bau „Vogelsang“ ein Symbol der Herrschaft sein sollte, steht der Bunker dafür, besiegbar und verletzbar zu sein, sagt Pavlovic.

Foto: ZVA/Heinen, Thomas

Er gehört zu den wenigen, die auch aus dem Innern des Bunkers berichten können. Begleitet von erfahrenen Bergleuten konnte er 2014 zumindest einen Teil der Gänge erkunden, die sich unterhalb der Benediktinerstraße in Richtung Krugenofen und weiter bis zu den Bahngleisen erstrecken. Vom Hauptstollen zweigen viele kleinere Nebengänge ab, die teils nur aus Beton gegossen sind, teils aber auch mit Ziegeln verkleidet sind. Pavlovic vermutet, dass so die Aufenthaltsqualität verbessert werden sollte.

Heute steht vielfach Wasser in den Gängen, eine rostbraune Brühe, die jeden Erkundungsgang lebensgefährlich werden lässt, weil es immer wieder Untiefen gibt. Die Stollen sind bis zu drei Meter hoch und teils mehr als vier Meter breit. Auch Maschinen sollen dort in den 1940er Jahren bereits gelaufen sein, Aufzeichnungen darüber, was sie produziert haben, existieren allerdings nicht. An anderer Stelle sind noch Betten und Polstermöbel zu sehen, auch Alkoholflaschen wurden gefunden. „Das war kein Fluchttunnel, sondern ein Aufenthaltstunnel“, sagt Pavlovic. Anfangs sind dort vermutlich sogar Partys gefeiert worden.

Eine durchgängige Verbindung zu einem zweiten Stollensystem, das von der Kamper Straße aus angelegt worden ist, scheint nicht zu existieren, sollte aber wahrscheinlich geschaffen werden. Pavlovic geht davon aus, dass die Anlage im Bereich Kamper Straße als reiner Schutzbunker gedacht war. Produktionsräume seien dort nicht geschaffen worden. Im vorderen Bereich habe es den Unterlagen zufolge Platz für technische Anlagen gegeben, im hinteren sind Aufenthaltsräume geschaffen worden. Heute ist allerdings nicht mal mehr der Zugang zu erkennen, der einst oberhalb der Bahnlinie nach Belgien geschaffen wurde.

Erinnerungen aus Kindheitstagen kann jedoch noch der Aachener Günter Witt beisteuern, der dort als Neunjähriger den schweren Bombenangriff auf Aachen am 11. April 1944 überlebt hat. In jener Zeit wurde der Bunker immer noch mit Presslufthämmern vorangetrieben. Mit einer Lorenbahn wurde der Abraum abtransportiert, erinnert er sich.

Links und rechts der Gleise standen Pritschen für die Schutzsuchenden. Wo sich heute die Fußgängerbrücke von der Kamperstraße in Richtung Burtscheider Straße befindet, etwa drei Meter oberhalb der Gleise, soll der Eingang gewesen sein, der nach dem Krieg zugemauert worden ist. Auch die Denkmalpfleger wissen nicht, ob die dahinterliegenden Luftschutzstollen, die sich den Unterlagen zufolge ebenfalls bis zum Krugenofen und weiter in Richtung Hauptstraße ziehen sollten, verfallen sind oder zugeschüttet wurden.

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