Aachener Münster muss bei Hitze heizen, um Feuchtigkeit zu senken

Hitzewelle in der Stadt : Aachener Dom schmeißt bei Rekordtemperaturen die Heizung an

Höllische Hitze droht: Wenn’s draußen rekordverdächtig heiß und schwül wird, schmeißt der Aachener Dom die Heizung an. Das klingt absurd, ist aber unumgänglich. Denn die Heizung senkt stoßweise die Luftfeuchtigkeit – was für die wertvolle Ausstattung des Münsters überlebenswichtig ist.

Schweißperlen auf der Stirn von Dombesuchern können durchaus gefährlich sein. Wenn in den kommenden Tagen die Außentemperaturen auf annähernd 38 Grad Celsius in Aachen klettern und es zudem schwül wird, hat dies auch Auswirkungen auf die klimatischen Bedingungen im Münster. Ideal für Kirchen wären nach Expertenangaben – im Sommer wie im Winter – Temperaturen um die 15 Grad Celsius. Am Dienstag lag die Innenraumtemperatur im Weltkulturerbe bei knapp 20 Grad, während das Thermometer vor der Wolfstür im Domhof schon 32 Grad anzeigte. Allerdings bei noch vergleichsweise günstigen gut 30 Prozent Luftfeuchtigkeit – wie das sogenannte Hygrometer anzeigte.

Dombaumeister Helmut Maintz erklärt, warum gerade bei schwüler Hitze zusätzlich die Heizung im Aachener Dom angeworfen wird. „Sobald die Luftfeuchtigkeit im Dom von verschiedenen Sensoren über 70 Prozent gemessen werden, springt automatisch die Heizung an, um die Luftfeuchtigkeit durch Umwälzung der Luftmassen zu senken.“ Holz, Tafelbilder, Skulpturen können schon ab 65 Prozent Luftfeuchtigkeit aufquellen – oder verziehen sich. „Außerdem ist Schimmelbildung eine große Gefahr“, warnt Maintz.

Als besonders gefährdet gelten Ausstattungsgegenstände aus Pergament, Textilien, Elfenbein, Knochen und Leder. Im Aachener Dom bereitet besonders die wertvolle Orgel Sorgen. Alleine hier war 2017 eine Summe von 220.000 Euro in die Sanierung geflossen. Hinzu kommen noch Gemälde und Schreine.

Darum gilt es, die – auch durch schwitzende Besuchermassen in den Dom transportierte Feuchtigkeit – aus der Luft zu nehmen. Und Feuchtigkeitsübertragungen aufs Interieur zu minimieren. Das funktioniert nicht etwa durch herkömmliche Heizkörper oder gar eine Bodenheizung – solch ein System würde in Sachen Kapazität an der Dimension des Doms scheitern. Vielmehr wird Luft über Fernwärme-Einleitung unter dem Dom durch Ventilatoren und Bodengitter sanft in den Innenraum geblasen. „Dabei reicht es oft, das System nur wenige Minuten laufen zu lassen, um die Luftbewegung und den Austausch auszulösen, die dann letztlich Feuchtigkeitswerte senken lässt“, erläutert Maintz.

Für das perfekte Klima im Aachener Münster zeichnet die kaiserstädtische Firma Mahr verantwortlich. Fast die Hälfte der 21.000 deutschen Kirchengebäude sind mit Mahr-Heizungen ausgestattet.

Übrigens: Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchte kann sie aufnehmen. Ein Kubikmeter Luft, der 10 Grad Celsius kühl ist, kann bis zu 9,6 Gramm Wasserdampf aufnehmen – bei 20 Grad sind es 17,5 Gramm. Diese in der Luft quasi gebundenen Feuchtigkeit muss dann über das Heiz- und Lüftungssystem rechtzeitig abtransportiert werden. Alles andere würde Dombaumeister Maintz ins Schwitzen bringen. Aber die Technik funktioniert. Sodass – auch durch Zusatzheizung bei rekordverdächtigen Außentemperaturen – fürs Interieur ein himmlisches Raumklima entsteht.

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