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ALI wird 40: Aachener Laienhelfer Initiative löste eine Revolution aus

ALI wird 40 : Aachener Laienhelfer Initiative löste eine Revolution aus

Die Aachener Laienhelfer Initiative (ALI) wird 40 Jahre alt. Am Anfang stand ein Besuchsdienst für psychisch Kranke. Damit hat sich viel geändert. Heute wird therapiert statt verwahrt.

Jack Nicholson hat 1975 in Miloš Formans Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ die Welt der geschlossenen Psychiatrie aus den Angeln gehoben. Ähnliches bescheinigt Hilde Scheidt den Gründern des Vereins Aachener Laienhelfer Initiative, kurz ALI e.V.: „Sie hatten eine revolutionäre Idee, die eine große Veränderung für Aachen brachte.“ Bürgermeisterin Scheidt arbeitet heute im ehrenamtlichen Vorstand von ALI und weiß daher, wie viel anders die psychosoziale Versorgung 40 Jahre nach Vereinsgründung in Aachen mittlerweile ist.

50 Ehrenamtliche schlossen sich 1979 zusammen, „um die katastrophalen Zustände in der Psychiatrie zu verändern“, weiß Geschäftsführer Wolfgang Behrens zu berichten. „Sie starteten zunächst mit einem Besuchsdienst.“ Was heute denkbar unspektakulär klingt, glich damals einer Revolution. „Man kam in die psychiatrischen Anstalten, wie sie damals hießen, gar nicht wirklich hinein. Selbst Angehörige hatten Probleme, zu ihren Verwandten vorzudringen“, so Behrens.

„Elektroschocks und Eisbäder“

Entwürdigende Zustände herrschten dort, wo Menschen mit psychischen Erkrankungen eigentlich geholfen werden sollte. „Es gab Elektroschocks, Eisbäder, Fixierungen. Die Menschen wurden mit dem kalten Wasserschlauch abgespritzt. Die Patienten wurden verwahrt, nicht therapiert – auch weil man kaum Erfahrungen mit anderen Methoden hatte.“ Man habe eher die Allgemeinheit vor Menschen mit psychischen Erkrankungen schützen wollen, als die Gesellschaft so zu entwickeln, dass sie für jeden einen würdigen Platz hat. Entsprechend gering waren die Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen in der Mehrheitsgesellschaft.

Das ist heute gänzlich anders, auch wenn ALI immer noch einen hohen Aufklärungsbedarf in der Gesellschaft sieht, wenn die Erkrankung des Nachbarn nicht gerade eine Depression ist. Den Anfang des Veränderungsprozesses leiteten bürgerlich Engagierte in der Anti-Psychiatriebewegung wie die Gründer von ALI ein. „Und die soziale Arbeit brachte ganz neue Perspektiven in die Psychiatrie“, erklärt Petra Ganß, ALI-Vorstandsvorsitzende und Professorin für Soziale Arbeit an der Aachener KatHo NRW. „Partizipatives Arbeiten, Selbstbestimmung des Klienten, gleichberechtigtes Arbeiten – das sollte heute selbstverständlich sein. ALI hat sich das von Anfang an auf die Fahnen geschrieben.“

Gestartet als Bürgerhilfe-Verein, hat sich ALI längst zu einem professionellen Anbieter in der psychosozialen Versorgung in Aachen gemausert. 60 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt ALI heute: Sie bieten niedrigschwellige Anlaufstellen, Beratung von Erkrankten und Angehörigen, Betreutes Wohnen, Beschäftigung, engagieren sich in der Prävention und fördern die Inklusion. Damit erreichen sie 1200 Menschen.

Neue Bedarfe

Zugleich entdecken sie immer wieder neue Bedarfe. „Menschen mit Migrationshintergrund eröffnen sich noch nicht befriedigend die Wege zu Hilfe und Unterstützung“, findet Scheidt. „Für älter werdende psychisch erkrankte Menschen brauchen wir passende Angebote“, sagt Behrens. „Die Angst vor Stigmatisierung ist weiterhin groß. Öffentlichkeitsarbeit bleibt deshalb sehr wichtig“, meint Ganß. „Trotzdem ist die Bürgerhilfe weiter ein wichtiges Standbein unseres Vereins“, betont Ganß. Und das nicht nur in der Vorstandsarbeit. „Angebote von Ehrenamtlichen in unseren Kontakt- und Beratungsstellen – ein Fotokurs, eine Kochgruppe, ein Gesprächsangebot – treffen immer auf riesigen Zuspruch, denn dabei steht nicht die Diagnose im Vordergrund“, wirbt Behrens. „Ehrenamtliche schlagen eine Brücke zwischen der vermeintlich normalen Welt und der Welt der Erkrankten.“ Und Scheidt ist überzeugt: „Auch Ehrenamtliche bekommen durch ihre Arbeit bei ALI eine andere Sicht auf die Dinge. Manchmal ist es gut, sich selbst ein wenig zu verrücken.“

www.ali-ev-aachen.de