Aachen: Aachener Krimitage: Telefonische Mord(s)beratung im „Franz“

Aachen: Aachener Krimitage: Telefonische Mord(s)beratung im „Franz“

In wenigen Tage jährt sich der amerikanische Brauch der Geistervertreibung an Halloween mit zahllosen erschreckenden Fratzen von Gespenstern und Untoten, die Schauer der Angst über den Rücken laufen lassen. Und dass es in Aachen ebenfalls eine große Fangemeinde des Nervenkitzels zu geben scheint, ist spätestens seit Beginn der Krimitage bekannt — allerdings handelt sich dabei eher um literarischen Grusel bei der Verbrecherjagd.

Dank des großen Zuspruchs der letzten Jahre, werde die Aachener Volkshochschule auch in diesem Jahr „mit Freuden zum Wiederholungstäter“, so Beate Franzen, die für die Organisation verantwortlich ist.

Und so wurden die Krimitage am vergangenen Samstag auf ganz besondere Weise eröffnet: Die „Telefonische Mord(s)beratung“ — eine Gesprächsrunde des WDR 5 wurde live aus dem „Franz“ an der Franzstraße ins Radio übertragen und lockte zahlreiche begeisterte Krimiliebhaber. Mit Witz und Charme führte der bekannte Moderator Thomas Hackenberg durch das rund zweistündige Programm.

Als Experten des kriminologischen Genres hatte er ein Literatur-Kritik-Dreigespann eingeladen: Reinhard Jahn betreibt im Internet das Deutsche Kriminalarchiv — eine Datenbank dieses besonderen Unterhaltungsgenres. Ingrid Müller-Münch steuerte ihre Erfahrungen als Autorin und Gerichtsreporterin bei und Radio-Journalist Ulrich Noller komplettierte die abendliche Gesprächsrunde.

Hackenberg und seine Gäste widmeten sich am Samstag nicht nur Neuerscheinungen aus der Verbrecherszene sondern auch einem besonders brisantem Thema für Leser, Autoren und Buchhändler: der Bedeutung und Entwicklung des Buchs 2.0. So diskutierten sie auf technischer Ebene die Vor- und Nachteile der E-Books, und verwiesen zusätzlich auf interessante inhaltliche Entwicklungen.

Dabei blieb vor allem die Beschreibung Reinhard Jahns einer Neuerscheinung im Gedächtnis: Das „Deathbook“ von Autor Andreas Winkelmann, ist eine multimediale Mischung, die sich vom gewöhnlichen Buch wegbewegt: Zunächst ist es eine sogenannte App für das Handy, die kapitelweise Lesestoff zur Verfügung stellt. Unerwartet jedoch ist, dass dem Leser außerdem Videos zur Geschichte gezeigt und Kurznachrichten von Buch-Charakteren zugeschickt werden, und dadurch die Grenze zwischen Fiktion und Realität merklich verschwimmt.

Genauso kontrovers wie dieses außergewöhnliche Leseerlebnis besprochen wurde, diskutierten die Experten auch die Leseempfehlungen der jeweils anderen. Dabei wurden schnell die besonderen Vorlieben der Experten deutlich: Während die Einen analytisch komplexe Werke mit philosophischem Hintergrund bevorzugen, haben andere eher einen Hang zu skurrilen Charakteren.

Und während sich die Drei nicht immer einig waren, was Handlung, Figuren oder sprachliche Finesse betraf, so scheinen doch alle drei die besondere Passion für Krimis zu teilen. Im interaktiven Wechselspiel mit Zuschauern und Hörern gab es damit einen regen und spannenden Austausch aller Krimiliebhaber.

Auch Beate Franzen von der Volkshochschule zeigte sich begeistert von der Literatur-Debatte des Abends, und machte in einem Ausblick auf die diesjährigen Krimitage Lust auf mehr: Denn die Oecher Fans von Mankell, Christie und Co. können wieder bei einer Mischung aus Lesungen, Bühnenspiel, Film und Vorträgen auf ihre Kosten kommen. Und Franzen versprach für den kommenden Monat vor allem eines: „Hochspannung und wunderbare Autoren“. Besonders freue sie sich, mit Massimo Carlotto einen hochkarätigen italienischen Schriftsteller für eine Lesung gewonnen zu haben.

Dem pflichteten die Experten der „Mord(s)beratung“ anerkennend bei: Carlotto sei einer der wichtigsten Vertreter der großen Blüte italienischer Kriminalliteratur, so Ulrich Noller. Ein besonderes Schmankerl sei außerdem die Lesung und der Dokumentarfilm von Merle Krögers „Grenzfall“ am 11. und 12. November. Und dass die Krimitage auch in diesem Jahr Erfolg versprechen, dessen ist sich Franzen eigentlich sicher. Denn in Aachen, so scheint es, sei die „Lust am Verbrechen ungetrübt“, lacht sie verschmitzt.

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