Aachener Guerilla-Gärtner legt kleine Gemüsebeete für jedermann an

Guerilla-Gärtner in Aachen : Zur Ernte geht’s zum Straßenrand

Blumen sind zwar hübsch, Möhrchen, Tomaten, Kohlrabi oder Salate aber sinnvoller. Nach diesem Grundsatz bepflanzt ein sogenannter Guerilla-Gärtner seit einigen Wochen kleinere öffentliche Flächen im Bereich Haaren mit den unterschiedlichsten Gemüsesorten, die jeder ernten darf, der möchte.

Zunächst waren es Kürbisse, Mangold und Zucchini, die er unter anderem auch in Pflanzkübeln am Haarener Markt ausgesät hatte. Die aber waren schnell wieder verschwunden und durch Blumen ersetzt. Inzwischen hat er drei weitere Flächen am Berliner Ring, an der Wurm und an der Jülicher Straße von wildem und dornigem Gestrüpp befreit, umgegraben und bepflanzt. „Garten Eden Projekt“ hat er die Aktion benannt, die nach dem Prinzip des „Guerilla Gardenings“ essbares Grün in die Stadt bringen soll.

Die Idee hatte der Mann, der nur Stephan genannt werden möchte und seinen Nachnamen lieber nicht preisgeben will, nach einem Fernsehbericht über Nahrungsmittel, die oftmals über viele tausend Kilometer herbei transportiert werden. Muss doch nicht sein, hat sich der 47-Jährige gedacht. Vieles davon kann doch auch hier wachsen. „Ich habe ein bisschen recherchiert, mir einen Spaten besorgt und angefangen.“

Am Berliner Ring hat er sich eine Fläche ausgesucht, die er bis heute „mein kleiner Dreckhaufen“ nennt und auf dem inzwischen Rotkohl, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Tomaten, Lollo rosso, Zucchini und allerlei Essbares mehr wächst. Auch ein paar Blümchen hat er gesetzt. „Sieht schöner aus und die Bienen sollen ja auch was finden.“

Jedermann dürfe sich in seinem „öffentlichen Nutzgarten“ bedienen und Tomaten pflücken, Salatblätter zupfen oder Möhren ausbuddeln, wirbt er für seine Idee auch auf Facebook. „Nachhaltig und klimaschützend“ sei das, „lange Transportwege entfallen und Plastikverpackungsmaterial gibt es nicht“, sagt er.

Einfache Mittel, wenig Geld

„Im Moment freue ich mich, dass überhaupt was wächst“, fügt er hinzu. Denn vom Gärtnern hatte er bis vor kurzem gar keine Ahnung. Er mache das alles mit ganz wenig Geld und primitiven Mitteln. Teure Werkzeuge kann er sich von Hartz IV nicht leisten. Und nicht alles läuft nach Wunsch. Manches verschrumpelt, anderes haben offenbar Wühlmäuse kaputt gemacht. Und zunehmend ärgert er sich auch über Vandalismus. Ohne Sinn würden ihm ungebetene Besucher Pflanzen rausrupfen oder platttreten.

Die „Guerilla Gardening“-Bewegung gibt es in vielen westlichen Städten bereits seit mehreren Jahrzehnten. Vielfach sind es Umweltaktivisten und Globalisierungskritiker, die sich mit Spaten und Setzlingen „bewaffnen“ und auf diese Weise „die Straße zurückerobern“ und Städte „lebenswerter“ machen wollen. Für ihre Form des grünen und im Grunde völlig friedlichen „Guerilla-Kampfes“ nutzen sie zuweilen „Samenbomben“, die sie irgendwo fallenlassen, oder sie verüben „Attensaaten“.

Rein rechtlich müssen Guerilla-Gärtner darauf gefasst sein, als Straftäter belangt zu werden. Denn Pflanzaktionen gegen den Willen des Grundstückseigentümers können als Sachbeschädigung verfolgt werden. In der Praxis komme dies jedoch selten vor. Stephan rätselt noch, was die Stadt wohl von seiner Aktion hält. „Im Moment lässt man mich in Ruhe. Eigentlich finde ich auch, dass ich der Stadt einen Gefallen tue.“

Angst vor dem Laubbock

Auf Nachfrage teilt das Presseamt jedoch mit, dass die Stadt die Aktivitäten der „Guerilla-Gärtner“ grundsätzlich ablehne. Dies vor allem, weil Laien in aller Regel die Qualität der Saatmischungen nicht beurteilen könnten. Gebietsfremde oder verunreinigte Saatgutmischungen könnten in öffentlichen Flächen „ erhebliche Folgen für die Pflanzen- und Tierwelt“ haben, heißt es seitens der Stadt. So gebe es auf dem Markt preiswertes Saatgut, das mit Ambrosia verunreinigt oder vom Asiatischen Laubbock befallen sei. Ersteres ist für Allergiker gefährlich, letzterer ist als gefährlicher Baumschädling gefürchtet.

Die Stadt verwende ausschließlich geprüftes Saatgut aus Fachbetrieben, teilt das Presseamt mit. Wer Flächen finden und „ökologisch sinnvoll bewirtschaften will“, sollte daher unbedingt Kontakt mit dem Stadtbetrieb oder dem Umweltamt aufnehmen. Seit längerem wirbt die Stadt bei ihren Bürgern für Baum- und Grünflächenpatenschaften.

Derweil hat Stephan ohne weitere Absprache ganz in der Nähe seines „kleinen Dreckhaufens“ zwei „Außenbeete“ angelegt. Vor allem eines an der Jülicher Straße war ihm wichtig, weil er dort mehr Aufmerksamkeit für sein Projekt finde. Von den Passanten komme viel Zustimmung, sagt er, einige habe er schon mit ein paar verschenkten Salatköpfen beglücken können. Manche zeigen sich jedoch auch skeptisch, weil das Gemüse zu dicht an einer stark befahrenen Straße wachse. Auch wisse man ja nicht, ob der Boden überhaupt geeignet oder womöglich schadstoffbelastet ist.

Von solchen Bedenken will sich Stephan vorerst nicht bremsen lassen. „In diesem Jahr probiere ich erst mal aus, wie es geht, nächstes Jahr lege ich dann richtig los.“ Viele weitere „Außenbeete“ schweben ihm vor. Kleine Flächen am Straßenrand, die unbemerkt in einer Nacht mit kostenlosem Gemüse für jedermann bepflanzt werden können.

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