1. Lokales
  2. Aachen

Aachener Friedenspreis 2022 für NGO „Mwatana“ aus dem Jemen

Auszeichnung für NGO aus Jemen : Friedenspreis erinnert an einen „vergessenen Konflikt“

Die Organisation „Mwatana for Human Rights“ rettet Leben im Jemen und führt dort Familien zusammen. Weiterer Preisträger ist der Anwalt und Anti-Waffen-Lobbyist Holger Rothbauer.

Beim Aachener Friedenspreis ist sozusagen wieder Ordnung eingekehrt. Friedenspreis-Sprecherin Lea Heuser zeigte sich am Donnerstag sehr erleichtert, nach Corona-Beschränkungen nun wieder punktgenau am Antikriegstag (dem 1. September als Mahnung an den Überfall Hitlers auf Polen 1939 und den Beginn des 2. Weltkrieges) die Preisträger empfangen und auszeichnen zu können. Dies geschieht traditionell am Abend des Antikriegstages in der Aachener Aula Carolina.

Angesichts der inzwischen politisch kaum umstrittenen deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine und des Krieges dort muss sich ein Friedenspreis besonderes Gehör verschaffen, was dem seit 1988 tätigen Verein mit den diesjährigen Preisträgern „Mwatana for Human Rights“ aus dem Jemen und dem Tübinger Rechtsanwalt und streitbarem Anti-Waffen-Lobbyisten Holger Rothbauer (erfolgreiche Prozesse gegen die deutschen Waffenlieferanten Heckler & Koch und SIG Sauer) zweifelsfrei gelungen ist.

Besonders der „vergessene und komplizierte Konflikt im Jemen“, wie Lea Heuser es am Morgen vor der Presse formulierte, sorge immer wieder für Aufklärung über die dortigen Menschenrechtsverletzungen. Seit 2015 kämpfen in dem mal schwelenden, mal offen ausgetragenen Stellvertreterkrieg die vom Iran finanzierten Huthi-Rebellen gegen eine Allianz von Staaten unter der Führung Saudi-Arabiens im Schulterschluss mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

Die beiden Mwatana-Vertreter einer seit 2007 im Jemen bestehenden NGO mit aktuell um die 100 aktiven Mitarbeitern und Sympathisanten berichteten über zahlreiche Menschenrechtsverletzungen an Zivilisten und Tötungen oder Verschleppungen gerade auch von Journalisten. Die Zahl der Opfer bezifferte Sprecher Osamah Al-Fakih auf rund 700 in den Jahren 2017 bis 2020. Al-Fakih schilderte vor der Presse, wie trotz eines labilen Waffenstillstandes (seit Anfang August um zwei Monate verlängert) Menschen verschwinden und Kriegsopfer nach wie vor von ihren Angehörigen gesucht werden. Aber auch, wie überlebende Folteropfer betreut und Familien unter Mithilfe von Mwatana aktuell wieder zusammengeführt werden.

Auch Mwatana-Aktivistin Noria Al-Hossini, die am Abend mit Al-Fakih den Preis entgegennimmt, schilderte, man könne ihre Aktivitäten in zwei Bereiche aufteilen. Der eine seien Berichte und Dokumentationen über die Kriegsgräuel, der andere Hilfe für Kriegs- und Folteropfer und vertriebene Familien.

Anwalt Holger Rothbauer, der Mitglied der Tübinger Anwaltskanzlei DEHR und damit Sozius der ehemaligen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin ist, sagte zur Auszeichnung: „Ich bin fast beschämt, dass ich hier unmittelbar neben den Mwatana-Vertretern sitze. Denn auch im Jemen, das weiß ich, werden wieder deutsche Waffen unter anderem von Haenel eingesetzt.“ So könne es sein, dass mit dem Scharfschützengewehr G29 etwa in Sanaa auf Mwatana-Kollegen geschossen werde.

Anwalt Rothbauer gewann 2018 aufsehenerregende und langwierige Prozesse wegen der Lieferung von Sturmgewehren von Heckler & Koch nach Mexiko und von SIG-Sauer-Pistolen nach Kolumbien. Rothbauer ist Mitglied der „Aktion Aufschrei – stoppt Waffenhandel“ und wirbt für ein neues und scharfes Waffen- und Rüstungskontrollgesetz. Die Laudatio auf die Preisträger hält am Abend der Berliner Anwalt Wolfgang Kaleck. Er ist Gründer und Direktor des ECCHR (European Center for Constitutional und Human Rights).