Aachen: Aachener Feuerwehr testet ein 60 Meter breites Tuch gegen Gaffer

Aachen : Aachener Feuerwehr testet ein 60 Meter breites Tuch gegen Gaffer

Eigentlich würde Philipp Schroeder gerne auf das zusätzliche Gepäck im Rüstfahrzeug, das den Kranwagen der Feuerwehr zu Unfallstellen begleitet, verzichten. Die Stangen, Planen und Spanngurte, mit denen die Aachener Wehrleute arbeiten, sollten im Idealfall ausschließlich dazu verwendet werden, Verletzte aus einer Gefahrenlage zu befreien, damit sie medizinisch versorgt werden können.

Und nicht, um zu verhindern, dass sich die hilflose Lage der Opfer in Form von Fotos oder Videos blitzschnell über die Sozialen Netzwerke im Internet verbreitet. Doch der Idealfall herrscht schon lange nicht mehr. Auf Autobahnen und Bundesstraßen gehören Gaffer zum traurigen Alltag. Sie behindern die Arbeit der Einsatzkräfte, verursachen unnötigen Stau, gefährden damit Menschenleben und filmen oder fotografieren die Verletzten. Und genau deshalb hat die Feuerwehr Aachen auf Initiative von Schroeder, Leiter der technischen Abteilung, ab kommender Woche nun doch ein paar Stangen und Planen mehr im Gepäck.

Erste Feuerwehr in NRW

Mit dem „Gaffer Stop“ geht ein neuartiges und mobiles Sichtschutzsystem in den Alltagsbetrieb, das speziell für Leitplanken auf Autobahnen und Bundesstraßen entwickelt wurde. Menschliche „Schutzschilde“ oder Decken, mit denen Einsatzkräfte Verletzte vor neugierigen Blicken schützen, dürften dann ein Ende haben. „Wir können jetzt effizienter arbeiten“, ist Jürgen Wolff, Leiter der Feuerwehr Aachen, überzeugt. Der Praxistest wird zeigen, ob das Schutzsystem auch in anderen Städten Schule macht. Bislang ist die Aachener Feuerwehr die erste in Nordrhein-Westfalen, die das System nutzt.

Entwickelt wurde der „Gaffer Stop“ von Jürgen Duesmann, Metallbaumeister aus Gronau, und einem befreundeten Handwerkermeister Dieter Dankbar. Das Sichtschutzsystem besteht aus mehreren patentierten Halterungen, die sich mit wenigen Handgriffen an Leitplanken und Betonleitwänden montieren lassen. An Rohren werden dann strapazierfähige Sichtschutztücher angebracht. „Zwei Leute können das innerhalb von zehn bis 15 Minuten aufbauen“, sagt Duesmann. Drei Jahre lang haben er und Dankbar an dem System getüftelt.

Ganz so lange war Philipp Schroeder zwar nicht involviert. Doch auch er war zumindest seit Jahresbeginn an der Weiterentwicklung des Sichtschutzsystems beteiligt. Um den „Gaffer Stop“ auf die individuellen Bedürfnisse der Feuerwehr anzupassen, hat er mit Duesmann zusammengearbeitet. Die Halterungen wurden zum Beispiel so konstruiert, dass sie auch mit dicken Feuerwehrhandschuhen gepackt werden können. Zudem verzichten die Aachener auf den handlichen Koffer, in dem Duesmanns Stahlbaufirma eigentlich den „Gaffer Stop“ für 16 Meter Sichtschutz samt Zubehör zum Preis von rund 1900 Euro liefert.

Die Aachener nehmen stattdessen 5500 Euro in die Hand, für insgesamt 60 Meter Sichtschutz, die dann im Rüstfahrzeug der Feuerwehr zu Unfallorten transportiert werden, wenn womöglich Menschen aus Autos befreit werden müssen. Etwa zwei bis drei Mal die Woche gehe solch eine Meldung bei der Leitstelle ein. Zum Glück sei die Lage vor Ort aber häufig weniger dramatisch als ursprünglich angenommen, so Schroeder.

Sichtschutzwände habe die Feuerwehr zwar vorher schon eingesetzt, sagt Schroeder, etwa in Form von zwei Meter hohen und fünf Meter breiten Messewänden. „Für den innerstädtischen Bereich sind die praktikabel, aber auf der Autobahn nicht ausreichend.“ Denn je höher die Geschwindigkeit beim Aufprall, desto größer auch die Unfallstelle.

Dass Schaulustige sich beim Filmen oder Fotografieren strafbar machen, dürfte vielen indes immer noch nicht bewusst sein. Dabei gehe es nicht mehr nur um das Recht am eigenen Bild, wie Petra Wienen von der Pressestelle der Polizei betont. Der Vorwurf der Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs ist in Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs festgeschrieben.

Demnach wird unter anderem bestraft, wer „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“. Eine Geldstrafe oder sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren können die Folge sein. Das Gaffen hat also nicht nur schwerwiegende Folgen für die Einsatzkräfte.

Mehr von Aachener Zeitung