Aachener Bauern wollen Kühe nicht wegen Rinderherpes töten lassen

Tötungsanordnung der Städteregion : Familie Giesen kämpft um ihre Tiere

Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Und der Blick erfasst, so weit er reicht, nur saftige Wiesen und grasende Kühe. Es könnte die perfekte Idylle sein. Doch der Eindruck täuscht. „Im Laufe des Tages hat jeder von uns mal ein Tief. Wir halten die Situation nur aus, weil wir eine starke Familie sind“, stellt Petra Giesen traurig fest. Es sind harte Zeiten, die die Landwirtin auf ihrem Hof im Aachener Stadtteil Nütheim gerade erlebt.

Weil in der vergangenen Woche bei einem Teil der Herde das Rinderherpes-Virus BHV I entdeckt worden ist, soll der gesamte Bestand mit 530 Milchkühen und Jungtieren getötet werden.

Das hat die Städteregion angeordnet, weil es die deutsche Gesetzgebung so vorsieht, um eine Ausbreitung der Krankheit zu unterbinden. Doch die Giesens wollen das nicht hinnehmen. Sie wollen sich wehren, mit allen juristischen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Deshalb haben sie einen Fachanwalt aus Viersen mit der Angelegenheit betraut und zudem einen landwirtschaftlichen Sachverständigen eingeschaltet.

„Wir sind schließlich keine Juristen und auch keine Veterinäre“, sagt Lambert Giesen. 1991 hat der 56-Jährige den Hof von seinen Eltern übernommen, 16 Jahre später ließ er wenige Meter vom Altbau entfernt einen komplett neuen Betrieb inklusive Wohnhaus bauen. Es war eine Investition in die Zukunft – in die eigene und in die seines Sohnes Markus, der ebenfalls auf dem Hof arbeitet und in ein paar Jahren in die Fußstapfen seines Vaters treten will.

Hoher wirtschaftlicher Schaden

Doch diese Zukunft sieht Lambert Giesen nun akut gefährdet. „Wenn unsere Tiere tatsächlich alle geschlachtet werden müssten, wäre der wirtschaftliche Schaden enorm“, warnt Giesen, der von einem Verlust von rund 1000 Euro pro Tier ausgeht: „500 Euro zahlt uns der Schlachthof, weitere 500 Euro vielleicht die Tierseuchenkasse, die wir mit unseren Beiträgen aber selber finanzieren.“ Für eine „neue“ Kuh hingegen müsse man mindestens 2000 Euro zahlen. „Und wer garantiert mir, dass die nicht auch irgendeine Krankheit haben wird?“

Jedes Tier hat einen Namen

Wobei das mit der Krankheit im vorliegenden Fall relativiert werden muss. „Bei keinem einzigen unserer Tiere ist Rinderherpes ausgebrochen. Die Tiere sind alle klinisch gesund, ihnen geht es bestens“, betont Anja Giesen. „Weil aber Antikörper in ihrem Blut festgestellt worden sind, sollen sie gekeult werden. Das können wir doch nicht zulassen.“ Die Steuerfachgehilfin ist nebenberuflich im elterlichen Betrieb tätig und kümmert sich um die Aufzucht der Kälber. Jedem Jungtier gibt sie einen Namen, der auf der Ohrmarke verewigt wird.

Lambert Giesen braucht eine solche Gedankenstütze nicht. „Ich kenne meine Tiere, schließlich leben wir jeden Tag mit ihnen zusammen.“ Wie es zu dem positiven Befund des Veterinäramtes kommen konnte, ist ihm ein Rätsel. „Wir haben seit mehr als drei Jahren nichts mehr zugekauft, unsere Jungtiere kommen ausnahmslos aus der eigenen Nachzucht“, erklärt er. Eine Vermutung hat Giesen allerdings angesichts der nur wenige hundert Meter vom Hof entfernten Grenze. „In Belgien gilt das BHV 1-Virus nicht als Krankheit oder Seuche. Deswegen wird dort auch nichts dagegen unternommen.“

Fürchten um ihren Viehbestand und ihre Zukunft: Lambert Giesen (v.l.) mit seiner Frau Petra und den Kindern Anja und Markus. Foto: Heike Lachmann

Solche Zustände wünscht sich Lambert Giesen für Deutschland nicht. Aber er fordert, dass die Impfung von Milchkühen, die im Juli 2015 verboten worden ist, wieder erlaubt wird. „Das wäre eine praktikable Lösung“, findet der 56-Jährige. Auch noch nach einem positiven Test. „Wir sind schließlich ein reiner Milchbetrieb und leben nicht davon, dass unsere Tiere oder ihr Fleisch verkauft werden.“

„Bis in die höchste Instanz“

Das Gesetz sieht eine solche Möglichkeit derzeit nicht vor. Das weiß auch Giesen. Aber er ist gewillt, dafür zu kämpfen, dass sich das ändert. „Notfalls gehen wir bis in die höchste Instanz“, kündigt der Landwirt an. „Wir“, das sind neben den Giesens zwei weitere Familien aus dem Aachener Süden, die ihren Milchviehbestand ebenfalls vernichten sollen, weil das BHV 1-Virus bei ihren Tieren festgestellt worden ist. Während Lambert Giesen auf die schriftliche Anordnung der Städteregion noch wartet, ist sie den Kollegen schon zugestellt worden.

Beide haben daraufhin einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht Aachen gestellt, wie Dr. Frank Schafranek auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt. „Die Stellungnahme der gegnerischen Partei, also der Städteregion, steht noch aus“, berichtet der Pressereferent. „Erst wenn diese vorliegt, kann über den Antrag und über eine mögliche Klage entschieden werden.“ Lambert Giesen wird dem Beispiel seiner Kollegen folgen, sobald auch er Post vom Veterinäramt erhalten hat. Und sollte das Verwaltungsgericht seinem Antrag nicht stattgeben, will er, wie die Kollegen auch, das Oberverwaltungsgericht anrufen.

Die Richter in Münster haben sich bereits im Oktober 2016 mit einem ähnlichen Fall beschäftigt. Auch damals hatte die Städteregion die Tötung von Kühen aufgrund von Rinderherpes angeordnet und der betroffene Landwirt aus Aachen dagegen geklagt. Allerdings ohne Erfolg: Die Tiere mussten letztlich wie angeordnet geschlachtet werden.

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