1. Lokales
  2. Aachen

Arzneimittel fehlen: Aachener Apotheker schlagen Alarm

Arzneimittel fehlen : Aachener Apotheker schlagen Alarm

Laut dem Aachener Apothekerverband erreichen die Engpässe bei Schmerzmitteln, Antidepressiva, Blutdrucksenkern und Antibiotika gravierende Ausmaße. Die Alternativen sind oft nicht empfehlenswert.

Pharma-Großhändler sprechen von einer „mittleren Katastrophe“, die Vorsitzende des Apothekerverbandes Aachen sieht „gravierende, teils extreme Lieferengpässe“. Apothekerin Gabriele Neumann und ihre Kollegen müssen Patienten im Westzipfel Deutschlands auf der Suche nach namhaften Arzneimitteln immer häufiger enttäuschen. Bestimmte Psychopharmaka, Schmerzmittel, Blutdrucksenker und reihenweise Antibiotika sind Mangelware, die Regale teils wochen- und monatelang leer. „Dringend benötigt wird beispielsweise Ibuprofen: 400er, 600er und 800er. Das Mittel wirkt schmerzstillend und entzündungshemmend“, erklärt Neumann.

Vermeintliche Alternativpräparate wie Aspirin hätten indes eine weniger starke schmerzstillende Wirkung, seien zudem blutverdünnend – was die Einnahme für viele Patienten ausschließe. Paracetamol wirke unterdessen eher fiebersenkend – sei also auch nicht bei jedem Krankheitsbild empfehlenswert. Ebenfalls knapp in Aachen: der Blutdrucksenker Losartan und das Psychopharmakon Venlafaxin. Letzteres Medikament beruhigt Patienten, wirkt zudem stimmungsaufhellend. „Wenn enstprechende Patientengruppen, gerade auch in Krankenhäusern, ihre Antidepressiva aufgrund fortschreitender Lieferengpässe nicht erhalten, kann das schlimme Auswirkungen haben. Wir erleben die Verzweiflung mancher Patienten tagtäglich“, sagt Neumann. In dramatischen Fällen versuche man, die Mittel bei befreundeten Apothekern in anderen Städten zu ordern – was in manchen Fällen gelingt, meistens nicht.

Großhändlern, auch in Aachen, sind die Hände gebunden. Sie sind auf den Nachschub der Hersteller angewiesen und sehen kaum Licht am Ende des Tunnels – denn die Hersteller sitzen fast ausnahmslos in Fernost. „Wenn dann eine riesige Charge Blutdrucksenker endlich in Deutschland eintrifft, hier im Labor vorschriftsmäßig bei der Einfuhr geprüft wird und dann wegen unsauberer Produktionsrückstände in dem Arzneimittel wieder zurückgeschickt wird, kommt wochen- und monatelang kein Ersatz bei uns an“, klagt Neumann. Deutsche Arzneimittelhersteller seien hierzulande seit Jahren auf dem Rückzug. So gebe es seit der Schließung eines großen Werks in Frankfurt seit einigen Monaten keinen einzigen Hersteller von Antibiotika in Deutschland mehr.

Erheblicher Aufwand

Hinzu kommt: Die Suche nach möglichen Alternativ-Arzneimitteln für Patienten, die dringend auf Wirkstoffe angewiesen sind, koste die Apotheken erheblichen Aufwand. „Früher wurde ein Rezept durchschnittlich in fünf Minuten abgearbeitet, heute dauert es doppelt so lange  und diese zusätzliche Arbeit, auch die Beratung, bezahlt den Apotheken niemand“, kritisiert die Aachener Verbandsvorsitzende. „Wenn ein bestimmtes Medikament nicht verfügbar ist, ich dann als Apothekerin auf ein teureres zurückgreife, dann muss ich das zusätzlich dokumentieren, damit der Vorgang überhaupt abgerechnet werden kann“, erläutert sie.

Schlimmer noch: Wirtschaftlicher Druck führe zu immer mehr Apotheken-Schließungen. Vor zehn Jahren gab es 80 Apotheken in der Kaiserstadt, aktuell sind es 62 – und in wenigen Jahren laut Neumann wahrscheinlich noch einmal 20 Prozent weniger. Zudem würden Niederländer erfolgreich Pharamazeutisch-technische Assistenten (PTA) mit höheren Löhnen über die Grenze abwerben – was wiederum negative Auswirkungen auf den Fachpersonalschlüssel und verfügbare Beratungszeit in Aachener Apotheken habe. Da drohen die nächsten Engpässe...