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Aachen: Zwei Flüchtlingsfamilien erzählen aus ihrem Alltag

Aus Syrien geflohen, in Aachen angekommen : Die Kinder sollen in Sicherheit aufwachsen

Der Verlust der Heimat schmerzt, aber vor allem die Kinder haben sich schnell eingelebt: Zwei Flüchtlingsfamilien in Aachen erzählen, wie es ihnen in der neuen Umgebung geht.

Der 16-jährige Abd Alsameeh weiß schon sehr genau, was er einmal werden möchte: „Politiker“, sagt er gelassen. „Ich werde etwas verändern in dieser Welt!“ Zurzeit geht er zusammen mit seinem Bruder Mohamed (15) in die Aachener Hauptschule Aretzstraße, während die kleine Schwester Loujaeen (9) in der Gemeinschaftsgrundschule Schönforst fleißig lernt und Geige übt. „Sie ist gut in Englisch und Mathematik“, sagt Vater Abd Alhafeez, ein Palästinenser, der hier als staatenlos gilt, stolz. Die Familie ist aus Syrien geflohen. In Aachen haben sie, unterstützt von den zuständigen Behörden, ein neues Zuhause gefunden – aber der Verlust der Heimat schmerzt, besonders die Erwachsenen. Die Kinder haben sich dagegen erstaunlich schnell eingelebt.

Ehefrau Khadija hält Söhnchen Team im Arm, vor acht Monaten in Deutschland geboren, ihre Schwiegermutter Wedad ist vor kurzem mit in das kleine Haus gezogen. Für die 74-Jährige ist es schwer. Sie hat Heimweh, weint still, wenn man über Syrien spricht, kümmert sich aber nach Kräften um die Familie und ist glücklich über das Baby. Der Zusammenhalt der syrischen Flüchtlinge ist wichtig, das verbliebene Stückchen Heimat in Fotos und Andenken an den Wänden, zusammen mit einigen Suren aus dem Koran, schön in Gold auf schwarzem Grund geschrieben, gibt ihnen Kraft.

Zweimal geflüchtet

Kraft braucht auch Anas Abou Ghazaleh. „Als staatenlose Palästinenser waren auch wir bereits in Syrien Flüchtlinge“, erzählt er. „Nun mussten wir ein zweites Mal ein Land verlassen.“ Seit kurzem ist Ehefrau Ola wieder an seiner Seite. Sie ist noch sehr schüchtern, muss sich erst orientieren und beobachtet ihr Umfeld mit Vorsicht. Früher hat sie als Buchhalterin gearbeitet. Ob sie damit in Deutschland eine Chance hat? Das liegt noch in weiter Ferne. Die drei Kinder des Paares sind vier, zehn und 14 Jahre alt. Sie alle sollen in Sicherheit aufwachsen, zur Schule gehen, eine Ausbildung erhalten.

Beiden Familien ist bewusst: Auf die Sprache kommt es an, sie müssen Deutsch lernen, es stetig verbessern. Was den Kindern bereits gut gelingt, ist bei den Müttern noch ein längerer Weg. Die Väter haben einen Vorteil: Abd Alhafeez arbeitet im technischen Bereich. Abou Ghazaleh in der IT-Branche – da ist die englische Sprache üblich und in der Kommunikation akzeptiert. Und dennoch: Deutsch muss man bei den Behörden sprechen, mit den Kollegen, selbst im Supermarkt. Alhafeez blickt zurück. Vor 20 Jahren hat er beim Goethe-Institut in Damaskus einen Deutschkurs belegt, seine Firma pflegte Kontakt zu Deutschland. Heute ist er froh darüber, kann darauf aufbauen. Inzwischen atmet er tief durch. Seine unbefristete Anstellung bei einer Aachener Firma ist sicher, vom Elektriker ist er zum Ingenieur aufgestiegen.

Anas Abou Ghazaleh freut sich, dass seine Frau Ola jetzt bei ihm in Aachen ist. Foto: Stadt Aachen/Andreas Herrmann/Andreas Herrmann

Abou Ghazaleh hat in den USA Englisch studiert, war in Syrien und den Emiraten als Dolmetscher unterwegs sowie IT-Trainer. In Deutschland setzt er sich als Integrationshelfer für Landsleute ein und absolviert ein Fernstudium im Bereich Informatik. Drei Jahre lang musste er auf seine Familie warten. Mit ihrer ersehnten Ankunft begann erneut der Behörden-Marathon.

Sie alle fühlen sich zwar gut begleitet, aber ihr Weg ist unendlich mühsam: „Wenn wir uns nicht in Deutsch ausdrücken können, brauchen wir Dolmetscher“, sagen die beiden Väter. „Und die Dolmetscher sind überfordert oder haben viel zu wenig Zeit.“ Da nützt es nichts, wenn ein Asylbewerber gut Englisch oder Französisch spricht – selbst dann nicht, wenn die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter des jeweiligen Amtes die Sprachen gleichfalls beherrschen. „Sie dürfen es nicht“, betont Abou Ghazaleh. „Sie müssen mit uns auf Deutsch sprechen.“ Das führt zu entnervenden Situationen, denn die Dolmetscher verstehen das regional je nach Herkunft geprägte Arabisch der Klienten häufig nur mit Mühe. „Meine Frau hatte einen Dolmetscher aus dem Irak, das ging gar nicht“, erinnert sich Abd Alhafeez. Sie alle geben sich Mühe, nicht zuletzt die Ämter, wie die städtischen Sozialarbeiterinnen Lisa Höhne und Reinhild Abd Isa versichern. „Wir versuchen ja, uns Zeit zu nehmen, alles zu erklären, aber das ist manchmal schwer“, gestehen die beiden.

Heimweh haben besonders ältere Menschen wie Mutter Wedad. Sie strickt ihrer Enkelin kunstvoll ein Kleidchen, versucht sich abzulenken. Daheim trägt sie am liebsten ihr schön besticktes Gewand, das sie an Syrien erinnert, und ihr Kopftuch – Heimat eben. Eine kleine Wohnung in der Nähe wäre großartig. „Ich habe Arthrose im Knie“, sagt sie. „Das Treppensteigen ist mühsam, die Kinder brauchen den Platz.“

Deutsche Lebensart und syrische Traditionen sind für beide Familien keine Gegensätze. Ja, der Fastenmonat Ramadan wird eingehalten, sogar von den Jugendlichen. Zum Frühstück vor Sonnenaufgang hat Abd Alhafeez deutsche Gäste eingeladen. Kontakt zum Umfeld gibt es auch. Der verwilderte Garten hat Alhafeez zusammen mit seinem Nachbarn zum Schwitzen gebracht. Gemeinsam besiegte man Wurzeln und Unkraut. „Wir dürfen nicht nach hinten schauen, nur nach vorn“, betonen beide. Deutsch lernen, noch besser werden, ganz schnell. Sie suchen die Unabhängigkeit von Ämtern und fremder Hilfe durch gute Bildung. Das ist die Devise.

Dennoch: „Wir sprechen, schreiben und lesen Arabisch, das können nicht alle“, betonen Mohamed und sein Bruder. „Das ist weiterhin für uns wichtig.“ Die beiden finden den Schulunterricht prima, wollen lernen und gute Zeugnisse haben. Sie spielen Fußball und sind ganz normale Jungs. Die neunjährige Loujaeen jongliert geschickt mit beiden Sprachen. Mal spricht sie Deutsch, dann wieder Arabisch, erklärt der Omi etwas und plaudert locker weiter, indem sie die Vokabeln mischt.

In seinem Betrieb fühlt sich Abd Alhafeez nicht nur wohl, er wird als Muslim mit einer gewissen Selbstverständlichkeit respektiert. „In der Kantine gibt es an den Gerichten kleine Schilder, da weiß ich immer, wo Schweinefleisch drin ist, das wir nicht essen dürfen“, erzählt er. Und vor der Weihnachtsfeier wurde er gefragt, was er statt Glühwein trinken möchte. „Ich freue mich darüber, es soll alles so normal wie möglich laufen“, meint er. Und Loujaeen hatte zur Weihnachtszeit wie alle Kinder einen Adventskalender, den sie Türchen für Türchen öffnete, das machte Spaß.

Wie war das damals in Syrien? „Ganz entspannt, wir sind ja sogar mit unseren christlichen Freunden in die Kirche gegangen“, erinnert sich Abou Ghazaleh. „Freitags haben sie uns dann in die Moschee begleitet.“ Gastfreundschaft ist oberstes Gebot, in Syrien wie in Deutschland. Leckerer Fruchtsaft, eine Pyramide aus feinstem Gebäck – traditionellem Baklavah, von den Frauen nach heimischem Rezept mit Datteln, Sesam und vielen anderen guten Zutaten kunstvoll hergestellt – und Obst werden herumgereicht. Wer mit ihnen auf der Couch sitzt, wird verwöhnt, keine Frage.

In Aachen fühlen sie sich wohl. Die Stadt sei nicht zu groß, die Wege nicht so weit, sogar Arbeit hat sich gefunden und das „komplizierte System Deutschland“ mit Sozialamt, Jobcenter, Jugendamt, Schule bis hin zur Aseag begreift man nach und nach. Es dauert aber noch ein Weilchen. Die Nähe zu den Niederlanden und Belgien gebe dem Ort Internationalität. Dann spielt Loujaeen etwas auf ihrer kleinen Geige vor. Sie übt gern. Bei den nächsten Kurpark Classix wird sie wieder in der Gruppe der „Geigenkinder“ der GGS Schönforst stehen, die dort regelmäßig als „Vorgruppe“ für die Stars auftreten und viel Applaus erhalten.