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Aachen: Zahlreiche Gäste auf der Kunstroute unterwegs

Kunstroute 2018 : Zwischen Aachener Kunstgeschichte, Identitätsfragen und Polit-Aktivismus

Zwischen Aachener Kunstgeschichte, Identitätsfragen und Polit-Aktivismus: 52 Stationen bei der 21. Aachener Kunstroute

52 Stationen gibt es am Wochenende bei der 21. Aachener Kunstroute zu erleben. Und viele Kunstinteressierte machen sich auf den Weg. „Splitter von Seherfahrungen, die sich verdichten“, nennt der Aachener Maler Rainer Bauer seine Landschaftsbilder, die großformatig das Café in der Halle 1 an der Bachstraße beleben und in einen üppigen Dschungel verwandeln. Um Natur geht es auch Kathrin Plitzer, die lange Jahre schon auf die Inspirationskraft des alten Industriebaus schwört und kleine Bilder, gemalt nach Fotomotiven, auf Baumscheiben aus dem Hambacher Forst zeigt. „Die Baumscheiben stammen von Baumbarrikaden“, erzählt sie, „die Arbeiten sind ganz frisch“.

Nur wenige Schritte weiter im „Raum für Gäste“ an der Warmweiherstraße 32 gibt es Malerei pur von 17 Künstlern. Ein Sfumato über Bohrlöchern stammt von Vera Hilger, ein mit Wachs überzogener Spiegel von Michael Krupp. „Subtil mit Deutungsspielraum“ bezeichnet der aus Düren stammende Kurator Michael Schneider die Arbeiten, die meist aus Köln und zum Teil aus den USA kommen. Zu sehen ist die beeindruckende Bilderschau noch bis zum 7. Oktober. Sinnlich geht es zu in der Galerie il quadro, Theaterstraße 80, wo der Heinsberger Fotograf Burkhard Schmidt „Palermo Shooting – Poesie des Alltags“ in Schwarz-Weiß noch bis zum 20. Oktober ausstellt. zeigt. Momente des Straßenlebens in Städten wie Palermo, Neapel und Venedig, hält er in ihrer einzigartigen Lebendigkeit mit seiner Kamera fest. Gleich gegenüber im Deutsch-Französischen Kulturinstitut zeigen rund 30 Studierende der Handwerksakademie Gut Rosenberg Arbeiten, die nach zwei Paris-Reisen entstanden und sich mit den Strukturen der französischen Metropole auseinandersetzen. Ob Bouquinisten an der Seine oder der Friedhof Père Lachaise - die Arbeiten sind frisch, jung, kreativ und finden ihre nächste Ausstellung in den Räumen der Signal Iduna Versicherung an der Hotmannspief ab Anfang Oktober.

Reiner van Tijeb (rechts) inszeniert sein Werk auf dem Skulpturenhügel. Foto: rr/Ralf Roeger

Kunst, Kaffee und Shoppen

Mit einem Eis in der Hand bummelt die Alsdorferin Maria Meier mit Tochter Laura durch die Innenstadt Richtung Elisenbrunnen. „Wenn die Sonne so schön scheint und die Blumen im Elisengarten blühen, nehmen wir uns Zeit für Kunst, Kaffee trinken und Shoppen “, sagt sie. Durch das Schaufenster der Galerie Am Elisengarten hat sie Bilder des verstorbenen Aachener Künstlers Peter Lacroix gesehen und freut sich, dass zur Kunstroute mit ihm ein Stück moderner Aachener Kunstgeschichte aufgerollt wird, die noch bis zum 6. Oktober hängt.

Karl von Monschau stellt im Rahmen der Kunstroute an der Promenadenstraße aus. Foto: rr/Ralf Roeger

Nachhaltige Werke gibt es auch bei Karl von Monschau an der Promenadenstr. 27 noch bis zum 14. Oktober zu erleben, zum Beispiel Arbeiten aus den blau-grauen Meerbüro-Serien und das wandfüllende Gemälde „El Pais“, das der gleichnamigen spanischen Tageszeitung gewidmet ist und temperamentvoll den Raum dynamisiert. In der Vielfalt seiner Werke setzt sich der Künstler mit seiner Identität, seinen Wandlungen und immer neuen Ideen auseinander, die sein Leben und seine Arbeit untrennbar miteinander verschmelzen. Auch Theo Ramrath, Galerist und Restaurator von der Pontstr. 22, erfindet sich zu jeder Kunstroute neu und zeigt in diesem Jahr „Zustände – Anmerkungen – Gegensätze“ in der Malerei, die zunächst mit ihrer schier unglaublichen Oberflächengestaltung begeistert, bis zum 24. November hängt und in seltsame Zwischen- und Parallelwelten entführt.

„Schattenjäger“

Ein Star der afrikanischen Kunstszene ist der Fotograf Saidou Dicko, der mittlerweile in Paris lebt und als „Schattenjäger“ bekannt ist. Von Kind an beschäftigt er sich mit Schatten und beweist mit seinen Dokumentationen und Fotokunstwerken, dass der Schatten alle Menschen gleich welcher Hautfarbe gleich macht. Politisch wird Saidou Dicko, wenn er Müllhalden und Skylines, Luxus und Armut, Flüchtlingstrauma und Gelassenheit zusammenbringt und die Menschen in den Fotos schwärzt – die Herkunft spielt keine Rolle. Die Ausstellung „The Shadowed People“ ist ein Highlight über die Kunstroute hinaus und hängt bis zum 17.11. in der Artco Galerie, Seilgraben 31.

Internationalität bringt auch die junge, aus Düren stammende Künstlerin Birgit Wolfram in die Kunstroute, indem sie aus ihrem neuen Wohnort New York anreiste und an der Ausstellung bei CourtArt Aachen, Stromgasse 28, teilnimmt. Ideale des „Sturm und Drang“ kennzeichnen auch die einzigartigen Skulpturen, Filme und Gemälde von Akos Sziraki, Leon Landsberg, George Pavel und Sabrina Schelker.

Mehr als 100 Gäste verzeichneten die 22 ausstellenden Künstlerinnen des euregionalen Vereins dreieck.triangle.driehoek, die in der Maschinenhalle im Tuchwerk in der Soers ausstellen, bis Samstagnachmittag. Vor allem mit dem Fahrrad kamen die Besucher in die nahe Natur vor der Stadt, während der ebenfalls grüne Skulpturenhügel in Lemiers, Senserbachweg 210, etwas mehr Anfahrtzeit forderte. Hier behauptet sich politische Kunst pur, plakativ gestaltet von internationalen Aktivisten und bis in die Niederlande hinein sichtbar, als Ausdruck von Widerstand gegen Umweltzerstörung. Die Bagger von Hambach, Baumhäuser und andere typische Ansichten macht Ilka Habrich in der Produzentengalerie bb, Oberforstbacher Str. 7a, als Hinterglasmalerei zu Kunstobjekten, die noch bis zum 7. Oktober bleiben.

Geteilter Meinung sind Künstler und Besucher über die 21. Kunstroute mit mehr als 50 Ausstellungsteilnehmern. Leo Brenner, Aachener Künstler mit jahrzehntelanger Erfahrung, meint kritisch: „Die Qualitätsunterschiede sind sehr groß. Man müsste eine unabhängige Jury haben, die auswählt. Wenn jeder, der zahlt, sich einkaufen kann, sichert das keine Qualität“. Die Malerin Susanna Soro-Weigand hingegen freut sich über die Vielfalt, die reichlich verschiedenen Zugang zur Kunst bietet. Kein Problem mit dem Umfang des Angebots hat Holger Westrup, der von Lemiers über die Innenstadt bis nach Kornelimünster fuhr und ein geübter Kunstrouten-Besucher ist: „Man muss wissen, was man sehen möchte und eine Vorauswahl treffen.“