Aachen: Wenn Eltern von Kita-Kindern kaum Deutsch sprechen

Kindertagesstätte Rokoko : „Verständigung (fast nicht) möglich“

Das war ein Weihnachtsgruß der besonderen Art. „Verständigung (fast nicht) möglich“ schreibt das Team der Kindertagesstätte Rokoko an der Robert-Koch-Straße in seinem jüngsten Infobrief. Es geht um die Schwierigkeit, sich verständlich zu machen – im Gespräch mit kleinen Kindern, vor allem aber mit deren Eltern.

Ein paar Mal im Jahr gibt die Kita Rokoko ein Faltblatt mit Neuigkeiten heraus. Auch kurz vor Weihnachten erhielten mehr als 500 Unterstützer, Freunde und Interessierte solch einen Brief. Es gab Weihnachtsgrüße in zwölf Sprachen. Aber das Team redete auch Klartext: „Problematisch ist häufig die Nicht-Verständigung mit den Eltern“, heißt es unter anderem. Und: „Elternbildungsarbeit ist so oft nicht möglich.“

Die Robert-Koch-Straße liegt in Rothe Erde. Das Viertel gilt als sozialer Brennpunkt, viele sind hier auf staatliche Unterstützung angewiesen. „Robert Kochs Kinder-Oase“, die Kita Rokoko, arbeitet dort seit über 50 Jahren. Träger ist heute der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). 75 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren werden derzeit betreut. Die Zahl der Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist, kann man allerdings an einer Hand abzählen. „Aktuell kommen unsere Kinder aus 25 verschiedenen Nationen“, sagt Kita-Leiter Michael Fegers. 25 Nationen, das bedeutet 25 Sprachen. Mindestens. Und was das im Kita-Alltag bedeutet, das hat das Team in mehreren Beiträgen beleuchtet.

Die ungewöhnliche Weihnachtsbotschaft hat für einiges Aufsehen gesorgt und wirkt immer noch nach, auch im Rokoko-Team. „Wir haben intensiv diskutiert, ob man das so schreiben kann“, berichtet Fegers. Schließlich solle niemand bloßgestellt werden. Die Erzieherinnen und Erzieher wollten aber auch einmal offen darstellen, was für ein Knochenjob das Bemühen um Verständigung und Integration sein kann. Und sie haben viel positive Resonanz erhalten.

Manche Kinder, berichtet Fegers, sprechen kein Wort Deutsch, wenn sie zum ersten Mal in die Kita kommen. „Aber Kinder verständigen sich irgendwie untereinander. Und sie lernen schnell.“ In den Betreuungsgruppen wird mit den Kindern konsequent Deutsch gesprochen. Schwierig, sagt Fegers, sei aber häufig die Kommunikation mit den Eltern: „Smalltalk ist kein Problem.“ Aber manchmal sind durchaus komplexe Sachen zu bereden. Wie sagt man Eltern, die so gut wie kein Deutsch können, dass das Kind Frühförderung braucht? Was im jüngsten Elternbrief steht? Wie das später in der Schule abläuft? „Wir reden dann mit Händen und Füßen“, sagt Erzieher Dominik Gaspers. Manchmal helfen auch andere Eltern und übersetzen. Oder die Kinder müssen dolmetschen. „Wenn ich nicht verstanden habe, frage ich meinen Sohn. Er übersetzt dann in meine Sprache“, wird eine Mutter zitiert.

Auf externe Dolmetscher dagegen verzichtet die Kita bewusst. „Für Elterngespräche ist Vertrauen nötig“, betont Michael Fegers. „Sind Fremde dabei, erzählen Eltern nun mal nicht alles.“ Und selbst Vertrauen muss wachsen. Dominik Gaspers arbeitet schon seit zehn Jahren an der Robert-Koch-Straße. „Aber es hat anfangs fast vier Jahre gedauert, bis die Eltern Vertrauen gefasst hatten.“ Eine Mutter, erzählt der Kita-Leiter, habe lange Zeit nicht erzählt, dass ihr Kind nicht krankenversichert sei. „Aus Scham, weil sie nicht gut Deutsch sprach.“

Schwierige Behördenbriefe

Und das Kita-Personal wird ja nicht nur bei Kita-Angelegenheiten um Rat gefragt. Die Eltern kommen mit Briefen vom Jobcenter, von der Wohnungsgesellschaft oder brauchen Hilfe beim Kontakt mit dem Vermieter. „Wir versuchen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben“, sagt Fegers, „aber das wird immer schwieriger. Und erklären Sie mal den Eltern, dass sie demnächst an Karneval die Kinder in der Kita nicht mehr filmen dürfen – wegen der EU-Datenschutz-Richtlinie.“

Noch ein Beispiel: die Anmeldung für den Kindergarten. Die erledigen die Eltern gerne in der Kita, weil das städtische Kita-Portal im Internet ihnen zu kompliziert ist. „Wir füllen dann eine Voranmeldung aus“, erzählt Michael Fegers. „Die Eltern unterschreiben und gehen davon aus, dass ihr Kind einen Platz bekommt, sobald es zwei wird.“ Dass es fürs nächste Kita-Jahr rund 100 Anmeldungen, aber nur ein Dutzend freie Plätze gibt, ist im Gespräch oft nicht rübergekommen.

Den Weihnachtsbrief aus der Kita Rokoko wollen Michael Fegers und sein Team gar nicht als Hilferuf verstanden wissen. „Aber wir suchen den offenen Austausch. Verständigung ist ein Thema, das uns seit Jahren sehr beschäftigt.“ Natürlich gibt es auch viele positive Erfahrungen: Mütter, die sich unglaubliche Mühe geben, die fremde Sprache zu lernen, und sogar nachmittags im Elterncafé der Kita sitzen, um die Hausaufgaben aus dem Sprachkurs möglichst fehlerfrei hinzukriegen.

Immer wieder eine Herausforderung bleibt die Verständigung trotzdem. Ein ehemaliges Kita-Kind haben Erzieherinnen und Erzieher sogar über Jahre auf dem Gymnasium als „Paten“ begleitet, sind zu Elternabenden und Sprechtagen gegangen. „Die Mutter traute sich nicht in die Schule, weil sie nicht gut genug Deutsch sprach“, erzählt Michael Fegers. Heute hat der junge Mann sein Abitur in der Tasche.

Den leichtesten Job in der Kita Rokoko haben vielleicht die beiden, die überhaupt keine menschliche Sprache beherrschen: Die Kita-Hunde Paul und Jussi kommunizieren auf ihre ganz eigene Weise mit den Kindern. Und manchmal auch mit den Eltern.