Aachen: Vatikan-Kenner Andreas Englisch über Papst Franziskus

Vortrag im Saalbau Rothe Erde : Wie der „seltsame Mann aus Argentinien“ zum Papst gewählt wurde

Drei Päpste hat er schon erlebt: Im ausverkauften Saalbau Rothe Erde hat der Journalist Andreas Englisch am Samstag über seine Erlebnisse im und mit dem Vatikan berichtet.

Über Fußball hat Papst Johannes Paul II. nur ungern gesprochen. Abgesehen davon, dass man von einem Papst so etwas auch nicht unbedingt erwartet, hat dies tiefere Gründe. Einen Sommer lang musste der kleine Karol in seiner Heimatstadt Wadowice einen Torpfosten ersetzen. So sausten dem Jungen die Lederbälle um die Ohren, wenn die Älteren aufs Tor zielten, und hinterließen bei dem späteren Papst eine Art Fußballtrauma. Dies hatte der Papst dem Journalisten Andreas Englisch anvertraut, als das Gespräch darauf kam, was der Vatikankorrespondent bislang so gemacht habe. Nicht viel, erwiderte dieser, ab und zu über Fußball berichtet.

Es ist eine von vielen Anekdoten, die Andreas Englisch am Samstagabend im ausverkauften Saalbau Rothe Erde erzählte. Seit 1987 lebt er in Italien, das er eigentlich nur besuchte, um Italienisch zu lernen. Weil sein Reisebudget schnell aufgebraucht war, meldete er sich auf eine Ausschreibung einer Agentur, die einen Korrespondenten für den Vatikan suchte. Englisch, der zu der Zeit weder viel mit Kirche am Hut hatte noch über profunde theologische Kenntnisse verfügte, bekam den Job. Drei Päpste hat er seitdem erlebt, die er seit 1995 auch auf ihren Auslandsreisen begleitet. Er schreibt Bücher, kommentiert für das Fernsehen, hält Vorträge.

In Aachen verspricht Englisch, etwas zu versuchen, was er eigentlich schlecht kann: langsam sprechen. Doch das hat er schnell vergessen, das Publikum stört es nicht. Das liegt an seiner Gabe, zu Geschichten erzählen. „Stellen Sie sich die Päpste nicht zu heilig vor, das sind ganz normale Menschen“, schließt er eine Erzählung über Johannes Paul II., der, wenn er vom Angelus-Fenster aus Schnee auf dem Apennin sah, immer schnell seine Pflichten hinter sich brachte, um dann Skifahren zu gehen – ganz ohne Polizeischutz.Viel erzählt er über Johannes Paul II. und Franziskus, weniger über Benedikt XVI. Was wohl auch daran liegt, dass Letzterem das Talent fehlte, auf Menschen zugehen und mit großen Menschenmassen umgehen zu können, schätzt Englisch.

Gerne erzählt er vom „Rebellen“ Papst Franziskus. Wie es möglich war, dass dieser „seltsame Mann aus Argentinien“ zum Papst gewählt werden konnte, erklärt er so: In Rom gebe es die Kurien- und die Wahlkardinäle, also jene, die im Vatikan lebten, und jene, die zu Hause ihre Bistümer verwalteten. Weil sich die Wahlkardinäle darüber geärgert hatten, wie die Kurienkardinäle mit Papst Benedikt XVI. umgesprungen waren, hätten sie ihnen diesmal einen vor die Nase setzen wollen, mit dem sie nicht so leichtes Spiel hätten.

Die Römer hingegen erzählten sich die Geschichte anders, so Englisch. Diesmal sei es beim Konklave nicht gelungen, wie sonst den heiligen Geist auszusperren. So sei es einmal der Richtige geworden. Franziskus habe die Chance, der Kirche noch einmal eine Chance zu geben, unterstreicht Englisch. Deutlich sei dies auch bei der jüngsten Afrika-Reise gewesen. Die Aussage, dass Kirche nicht mehr gebraucht würde, stimme in Afrika nicht, betonte er und berichtete über Besuche in Mosambik, wo mit der Vermittlung des Vatikans ein jahrelanger Bürgerkrieg beendet wurde. Oder über Madagaskar, wo der Papst mit dem Schicksal Tausender ausgesetzter Kinder konfrontiert wurde. Es ist einer der wenigen Momente an diesem Abend, an denen Andreas Englisch ernst wird.

Zum Abschluss hat er noch eine Botschaft, die so auch von Franziskus hätte stammen können: Völlig sinnlos sei es in diesen Zeiten, wenn sich im Mutterland von Martin Luther Katholiken und Protestanten immer noch in die Suppe spuckten. „Ihr seid Schwestern und Brüder im Glauben. Christen werden in diesen Zeiten dringend gebraucht.“

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