Aachen: „Aachen Ultras“ wenden sich vom Tivoli ab

Aachen : „Aachen Ultras“ wenden sich vom Tivoli ab

Zum Abschied gibt es noch einmal eine politische Demonstration. Am Samstag läuft die 60. Minute des Mittelrhein-Pokalspiels der Aachener Alemannia bei Viktoria Köln, als die antifaschistisch und antirassistisch ausgerichteten „Aachen Ultras“ (ACU) ihr letztes Lied anstimmen und danach nur noch Spruchbänder hochhalten. „Nazis am Tivoli? Nie gesehen“ steht da zum Beispiel drauf. Oder „Diskriminierende Gesänge? Nie gehört“.

Dass die Verantwortlichen des ums Überleben kämpfenden Aachener Traditionsklubs auf dem rechten Auge blind seien oder zumindest zu wenig gegen Neonazis unter den schwarz-gelben Fans unternähmen, prangern die „Aachen Ultras“ einmal mehr an. Und deshalb wollen sie nun nicht mehr und kündigen an, als Gruppe vorerst keine Spiele der Alemannia mehr zu besuchen. Man fühle sich vom Verein im Stich gelassen und sei zudem „bitter enttäuscht, dass die Mehrheit der Alemannia-Fanszene das Problem der Präsenz von Rechten auf dem Tivoli bis heute nicht begreifen kann oder will“, erklärt ein Sprecher der Gruppe nach dem Spiel.

Während des Elfmeterschießens im FVM-Pokalspiel gegen Viktoria Köln kam es erneut zu Auseinandersetzungen innerhalb der Aachener Fanszene - dieses Bild zeigt eine friedliche Szene während des Spiels. Foto: alba

Vorher halten die ACU-Mitglieder auch das Banner „Alemanniafans gegen Alemanniafans“ in die Höhe — eine treffendere Bezeichnung der Zustände in der Aachener Fans-Szene gibt wohl kaum. Denn seit die „Aachen Ultras“ offen gegen Neonazis im Stadion Position beziehen, sind sie gewaltsamen Übergriffen der teils rechtsradikal unterwanderten „Karlsbande Ultras“ (KBU) ausgesetzt — zuletzt im November nach dem Spiel in Stuttgart, als auf dem Rastplatz Pforzheim die Insassen eines Pkw attackiert wurden. Die Polizei, die die Täterschaft in der weit überwiegenden Zahl der Fälle der KBU zuweist, sprach damals 46 befristete Stadionverbote aus.

Knallkörper und Stangen fliegen

Dass das Banner einen traurigen Ist-Zustand beschreibt, zeigt sich auch beim Spiel in Köln. Weil sie sich offenbar von der Aktion provoziert fühlen, stürmen während des Elfmeterschießens aus dem KBU-Block etwa 30 Leute hinüber zum ACU-Block. Einige klettern auf den Trennzaun, es fliegen Knallkörper, Feuerzeuge und Becher in Richtung ACU. Aus deren Reihen laufen einige Vermummte in Richtung Zaun und werfen mit Fahnenstangen aus Kunststoff. Nach kurzer Zeit unterbindet die Kölner Polizei den Konflikt, indem sie in den ACU-Block eindringt — eine „einseitige“ Aktion gegen diejenigen, die reagiert haben, wie das der Aachener Politikwissenschaftler Richard Gebhard empfindet, der selbst im Stadion ist.

Der Alemannia-Anhänger und Experte für Rechtsextremismus in Fußballstadien sieht den Ausstieg der ACU als „Resultat einer Entfremdung vom Verein und der restlichen Fanszene“. Doch auch wenn er manche Kritik der „Aachen Ultras“ am Verhalten des Vereins nicht teilen könne, sagt der Politikwissenschaftler: „Ihr Anliegen, im Stadion offensiv gegen sämtliche Formen der Diskriminierung zu kämpfen, war auf dem Tivoli eine kleine Kulturrevolution.“ Er hoffe, dass diese wichtigen Impulse „in geeigneter Form aufgenommen und weiterentwickelt werden“.

Sanktionen oder nicht?

Wie dies geschieht, ist indes noch unklar. Der Fanbeauftragte der Alemannia, Lutz von Hasselt, will beispielsweise nicht sagen, wie die „Karlsbande“ dafür sanktioniert worden ist, dass sie am 27. Oktober gegen Wehen wieder ihre verbotene Fahne aufgehängt hatte. Zuvor hatte es geheißen, in einem solchen Fall würden die Täter per Videoüberwachung identifiziert und erhielten Stadionverbote.

Nun sagt von Hasselt, man habe eine Strafe gegen die „Karlsbande“ als Gruppe verhängt, will diese aber partout nicht nennen. Holger Voskuhl, dem Sprecher der Interimsgeschäftsführung des Klubs, ist derweil das Entsetzen darüber, dass Alemannias Fan-Zwist auch in den schwärzesten Stunden des Vereins andauert, deutlich anzumerken. Der Mann weiß, dass der Klub positive Nachrichten braucht, solche nämlich, die Sponsoren anlocken. Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt hätten am Tivoli keinen Platz, betont er. „Wer dagegen verstößt, kann kein Alemannia-Fan sein.“

Bei diesem Begriff hat Voskuhl ohnehin eher andere Bilder im Kopf. Zum Beispiel die von Schülern, die ihr Taschengeld spenden, um ihre Alemannia zu retten. „Das sind für mich die wahren Fans.“

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