Aachen: Thomas Auchter referiert über Fremdenhass

Vortrag zum Gedenken an die Pogromnacht : Die Angst vor dem Fremden bewältigen

Einmal mehr blickten die Veranstalter auf der Burg Frankenberg aus einem anderen Blickwinkel auf Fremdenhass, Rassismus und Judenverfolgung, die mit den Pogromen vor 80 Jahren und dem von Nazischergen gelegten Synagogenbrand am 10. November 1938 einen ersten Höhepunkt auch in Aachen erreichten.Der Psychoanalytiker Thomas Auchter beleuchtet individuelle und politische Phänomene der Flüchtlingsdebatte.

Jener Hass auf Fremde und anscheinend andersartige Menschen war infolge der Rassenideologie der Nazis treibende Kraft für Verfolgung, Folterung und millionenfachen Mord. Auch heute verdichtet sich alte Nazi-Ideologie wieder mit neuen Formen des Fremdenhasses, wie der Aachener Publizist und Psychoanalytiker Thomas Auchter in einem Vortrag auf einer gemeinsamen Veranstaltung der Bürgerstiftung Lebensraum mit dem Verein Die Frankenbu(e)rger schilderte.

Bereits die Protagonisten der Frankfurter Schule, die Philosophen und Sozialwissenschaftler Adorno und Horkheimer, verfolgten in den 1960er Jahren mit ihren Studien zum sogenannten Ethnozentrismus einen neuen Erklärungsansatz, der die Angstprojektionen einer Gruppe unter anderem auch auf psychosoziale Phänomene zurückführte.

Eine Massenerscheinung

Mit dem Vortragsthema „Das Fremde zwischen Angst und Faszination – Psychoanalytische und psychosoziale Aspekte“ ging Auchter vor knapp 100 Zuhörern in seiner Analyse noch weiter, skizzierte das Angstphänomen vor „dem Fremden“, „den Anderen“ und „dem Bösen“, das von außen kommt, als eine Ängste schürende Massenerscheinung, die sich jetzt in den politischen Zusammenschlüssen von „AfD, Pegida, NPD und der CSU“ manifestiere.

Aus einer oftmals aus dem Inneren Erleben stammenden „Fremdenangst“ entstehe aus den Äußerungen jener politischen Zusammenschlüsse ein „Fremdenhass“, der soweit gehe, ultimativ den Tod der Fremden einzufordern, etwa verbal so weit zu entgleisen, sie, die Flüchtlinge „doch einfach im Mittelmeer absaufen zu lassen“, schilderte Auchter verbreitete menschenverachtende Äußerungen jener Klientel.

Dabei hielten sich in der menschlichen Psyche die Bedürfnisse nach „Sicherheit, Anerkennung, Abgrenzung und Bindung“ eine „gesunde Balance“. Gepaart mit parallelen Bedürfnissen nach Sexualität, einem gesunden Narzissmus (also Selbstbeschau) und einer steuernden Aggression trete der Mensch dem Fremden im Unbewussten mit „einer tiefen Ambivalenz“ entgegen.

So streite eine „faszinierte Neugier“, so Auchter, mit der Angst vor den Fremden, gegen die man sich abgrenzen wolle oder innerlich müsse. Auchter nun macht den blinden und bis zur Gewalt reichenden Fremdenhass an einer sogenannten „narzisstischen Störung“ von Individuen fest, bei denen wegen der im persönlichen Lebenslauf ihrer Seele zugefügten Verletzung aus einem notwendigen gesunden Narzissmus ein „pathologischer Narzissmus“, also eine Krankheit, geworden sei.

„Völlige Entwertung“

Man sehe solche Verhaltensstrukturen im politischen Feld deutlich bei Mächtigen wie Trump, auch Putin oder Erdogan wie ebenso bei den führenden Figuren mancher Parteien in Deutschland, bei ihnen heiße es programmatisch „me first“ oder „me only“, sie betrieben einen „absoluten Egozentrismus“, der mit einer völligen „Entwertung anderer Menschen“ einhergehe. Nach dem Trump-Motto „ich bin großartig, alles was ich mache, ist erfolgreich und noch nie dagewesen“ sei es aus ihrer Logik einleuchtend, dass niemand neben ihnen bestehen könne.

Dabei diene der Hass nach außen oftmals etwa in Familien dazu, die Festigkeit der Gruppe nach innen zu gewährleisten. Eine absolute Liebe nach innen könne die Projektion von Hass und Missgunst nach außen bedeuten, erläuterte Auchter die innere Struktur autoritär strukturierter Personen. Das Modell lasse sich auf politische Gruppierungen übertragen.

Dem abhelfen könne im Prinzip nur der Dialog mit diesen Menschen, ein Dialog, der „viel Geduld und Ausdauer sowie Sachkenntnis“ erfordere. „Ich bin allerdings nicht so vermessen, einer ganzen Gruppe von Nazis alleine gegenübertreten und mit ihnen diskutieren zu wollen“, erklärte Auchter in der anschließenden Diskussionsrunde wiederum seine Angst vor dem braunen Mob.

Ein Weg aus dem seelischen Dilemma sei auch die Heilung durch die „Selbstannahme des fremden, eigenen Bösen“. Auchter warnte weiterhin vor Tendenzen, die Ausgrenzungen des Fremden auf der Seite der rechtsradikalen mit gleichen Argumenten zu kontern: „Es ist nicht richtig, wie etwa Martin Schulz das letztens im Bundestag machte“, kritisierte Auchter das massive Auftreten des SPD-Mannes gegen die AfD, er selber setze auf den Dialog der Bürger mit Sachargumenten. „68,9 Prozent der Menschen haben nach Erhebungen in unserem Land nichts gegen Fremde“, sagte Auchter mit einem Blick in die Runde, der Hoffnung versprach.

Moderiert wurde die lebhafte Diskussion von Norbert Greuel (Bürgerstiftung Lebensraum), der ebenso wie das Auditorium die Frage nach dem „Was tun?“ angesichts der rechten Bedrohung stellte. Man müsse sich unermüdlich und massiv „für unsere Demokratie und das Grundgesetz“ verwenden, überall dort, wo Menschen zusammenkommen, forderte Greuel die Anwesenden auf.