Aachen: Suchthilfe informiert über Alkohol am Arbeitsplatz

Aktionswoche Alkohol : „Hätten die Kollegen doch früher was gesagt“

„Hätten meine Kollegen doch viel früher was gesagt“, denkt Emanuel Dunke manchmal, „dann wäre vielleicht alles nicht so schlimm gekommen.“ So aber verlor der heute 57-Jährige seinen Job und seine Unternehmensanteile an einer florierenden Firma. Dunke ist Alkoholiker. Er hat schwer getrunken, zum Schluss auch am Arbeitsplatz. „Und gewusst“, sagt er, „gewusst haben es alle.“

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) ruft zur siebten Aktionswoche Alkohol auf. Sie findet vom 18. bis 26. Mai statt, diesmal mit dem Schwerpunktthema „Alkohol am Arbeitsplatz“. Auch die Suchthilfe Aachen weist anlässlich der Aktionswoche darauf hin, wie gefährlich Alkohol sein kann, und gibt Tipps, wie Betriebe mit dem Thema Sucht am Arbeitsplatz umgehen können.

Laut DHS hat jeder Bundesbürger 2017 im Schnitt eine ganze Badewanne voll alkoholischer Getränke konsumiert: 131 Liter Bier, Wein, Sekt oder Schnaps. Zehn Prozent aller Beschäftigten, von der Geschäftsführung bis zur Aushilfskraft, trinken nach Schätzungen von Fachleuten mehr, als gesund für sie ist. Fünf Prozent von ihnen trinken sogar riskant viel. Und weitere fünf Prozent von ihnen sind alkoholabhängig. So wie Emanuel Dunke.

Über viele Jahre, erzählt der gebürtige Aachener, habe er getrunken. „Zuerst moderat. Der Tag lief gut, und abends habe ich mich belohnt.“ Damals arbeitete er bereits in verantwortlicher Position. Später, als er mit zwei Kollegen einen eigenen Betrieb führte, wurde es schlimmer mit dem Trinken. So schlimm, dass er auch seine Arbeit nicht mehr schaffte. Er versteckte Unterlagen, manipulierte Zahlen, versäumte wichtige Fristen. Seine Kompagnons haben ihn schließlich aus der Firma geklagt, wegen geschäftsschädigenden Verhaltens. Erst nach einem völligen Zusammenbruch und einer Entgiftung erkannte er: Es gibt eine Chance, da rauszukommen. „Ich dachte immer, ich bin kein Alkoholiker“, sagt er heute rückblickend.

Yvonne Michel, Fachkraft für betriebliche Suchtprävention bei der Suchthilfe Aachen, berät Unternehmen zum Thema Sucht. Sie kann verstehen, dass Vorgesetzte und Kollegen Skrupel haben, auf ein Suchtproblem hinzuweisen. Wichtig sei aber, nicht über Betroffene zu reden, sondern mit ihnen, betont Michel. „Ein Suchtproblem sollte möglichst frühzeitig angesprochen werden. Dafür müssen Führungskräfte aber geschult sein.“

Bei Präventionsveranstaltungen der Suchthilfe ist oft auch Werner Barke dabei. Der 67-Jährige erzählt dann, wie elend es ihm immer montags ging, nach einem Wochenende, an dem er durchgesoffen hatte. Natürlich hätten die Kollegen gewusst, was los war, sagt er. „Aber keiner hat sich getraut, was zu sagen.“ Hätten Chefs und Kollegen ihm früher den Spiegel vorgehalten, dann hätte er vielleicht früher verstanden, dass er Hilfe brauchte, um aus der Sucht herauszukommen.

Jeder Abhängige bagatellisiere seine Sucht, erklärt dazu Yvonne Michel. Ein einziger vorsichtiger Hinweis, doch bitte nicht so viel zu trinken, helfe da nicht. Vielmehr müssten Vorgesetzte immer wieder unbequem sein, mit Konsequenzen drohen und auch Taten folgen lassen. „Man redet sich die Sache lange schön“, sagt Tanja Müller, „und wenn man kein Feedback von außen bekommt, dann glaubt man, keiner merkt es.“ Die 44-Jährige, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, nahm Beruhigungsmittel, um den stressigen Alltag zu bewältigen. Sie wurde abhängig von den Tabletten. Abends trank sie Alkohol, um abzuschalten. Selbst die Familie habe lange nichts mitbekommen, erzählt sie. Vor allem ihrer Kinder wegen wollte Tanja Müller ihre Sucht besiegen, vertraute sich ihrem Arbeitgeber an, nahm Entgiftung und Therapie in Angriff.

Vorgesetzte sollten sich einmischen, wenn Kollegen trinken, sagen (von links) Werner Barke, Emanuel Dunke, Yvonne Michel und Tanja Müller. Foto: ZVA/Harald Krömer

Aufklärungsbedarf in Unternehmen sieht Yvonne Michel auch mit Blick auf die Wiedereingliederung nach einem erfolgreichen Entzug. „Sucht ist eine Erkrankung wie jede andere auch“, betont die Beraterin, „bei einer Krebserkrankung würde ein Arbeitgeber ja auch nicht erwarten, dass der Kollege gleich wieder voll einsteigt.“ Bei Tanja Müller ist die Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht gelungen. Ihr wurde gekündigt. „Ich bin nicht so zurückgekehrt, wie man vielleicht gehofft hatte“, beschreibt sie rückblickend ihren Eindruck. In der Therapie habe sie mühsam gelernt, die eigenen Zeichen der Überforderung zu erkennen, auch mal Nein zu sagen und Aufgaben zu delegieren.

Gefährlich und teuer

Alkoholsucht ist nicht nur gefährlich, sie ist auch teuer. Für den Abhängigen, der seine Existenz vertrinkt, aber auch für den Betrieb. Arbeitnehmer, die trinken, können deutlich weniger leisten, sie fehlen häufiger als ihre Kollegen und sind dreimal häufiger krankgeschrieben. „Das alles bedeutet wirtschaftliche Einbußen und deutliche Mehrarbeit für die Kollegen“, sagt Yvonne Michel. „Gesamtgesellschaftlich kostet Alkohol am Arbeitsplatz enorm viel Geld“, rechnet sie vor: „Durch Arbeitsausfälle, Frühberentung oder Rehabilitation entstehen der Volkswirtschaft geschätzte Kosten von rund 30 Milliarden Euro.“

Werner Barke, Tanja Müller und Emanuel Dunke engagieren sich heute ehrenamtlich bei der Suchthilfe Aachen, zum Beispiel als Co-Moderatoren in den Orientierungsgruppen, die Suchtkranken Wege aus der Abhängigkeit aufzeigen sollen. Denn alle drei sind den Weg gegangen, den andere noch vor sich haben.

www.suchthilfe-aachen.de

www.aktionswoche-alkohol.de

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