Aachen: Studentenstadt verliert immer mehr Biertheken

Gastro-Szene : 80 Kneipen um die Ecke gebracht

„Prost Mahlzeit!“ Viele Wirte haben in den vergangenen Jahren endgültig den Zapfhahn hochgedreht. Das Thekengeschäft leidet. Seit dem Jahr 2007 zählt Aachen 80 Kneipen weniger.

Die Zahl der sogenannten Schankwirtschaften fiel von 428 auf 348 im Jahr 2018, wie das städtische Presseamt am Dienstag auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Die Gesamtzahl der gastronomischen Betriebe – also Restaurants, Hotelbars, Eisdielen, Cafés, Imbissstuben etc. – sank im gleichen Zeitraum von 841 auf 806. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt ausdrücklich vor einem weiteren Kneipensterben und beruft sich dabei auch auf Zahlen des Statistischen Landesamtes IT.NRW.

Demnach sank die Gesamtzahl der gastronomischen Betriebe in der Städteregion Aachen zwischen 2007 und 2017 um acht Prozent. „Vom Fußballabend in der Bar bis zum Grünkohlessen mit dem Sportverein – die Gastronomie steht für ein Stück Lebensqualität“, sagt NGG-Geschäftsführerin Diana Hafke. Mit den Betriebsschließungen stehe nicht nur ein wichtiger Teil der Alltagskultur auf dem Spiel. Es seien auch etliche Arbeitsplätze in der Region in Gefahr.

Harte Arbeitsbedingungen

Hafke macht für den Trend unter anderem die harten Arbeitsbedingungen in der Branche verantwortlich. „Nachts und am Wochenende hinterm Tresen zu stehen, das wollen viele nicht mehr. Deshalb hat die Branche schon heute mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen“, so die Gewerkschafterin. Ein entscheidendes Mittel gegen das „Gastro-Sterben“ sei deshalb, die Branche bei Löhnen und Arbeitsbedingungen attraktiver zu machen. Mit einem Tarifvertrag, der NRW-weit für alle Restaurants und Gaststätten gilt, habe man hier „einen wichtigen Schritt“ gemacht. Allerdings müssten sich noch viel mehr Gastronomen daran halten. Eine Aushilfe startet laut Tarif mit 9,53 Euro pro Stunde, Restaurantkaufleute bekommen bei einem Vollzeitjob gerade mal 1964 Euro brutto.

Aber auch den Wirten selbst fehle oft ein Nachfolger, um den Betrieb weiterzuführen, so Hafke. „Außerdem müssen sich die Gastronomen gegen Pleiten absichern. Dazu gehört das nötige betriebswirtschaftliche Know-how. Genauso aber originelle Ideen, wie man eine Gaststätte zum Treffpunkt für junge Leute macht.“ Die Gewerkschaft NGG sieht dabei auch die Verbraucher in der Verantwortung. „Statt das Feierabendbier zu Hause zu trinken, kann man einfach mal wieder in die Kneipe gehen. Das macht Spaß und ist geselliger“, sagt Hafke.

Dieter Becker sieht als stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Aachen noch weitere Gründe für die Abwärtsspirale. „Das Ausgehverhalten der Menschen hat sich völlig geändert, es gibt so viele Freizeitangebote. Da hat die klassische Eckkneipe das Nachsehen. Für viele war zudem das Rauchverbot ab dem Jahr 2013 der letzte Sargnagel“, sagt er.

Zu schaffen mache der Gastronomiebranche aber auch der Preiskampf. „Im Einzelhandel ist der Liter Bier unter einem Euro zu haben. Wirte zahlen im Einkauf für den Liter Fassbier mittlerweile rund 2,30 Euro – also mehr als das Doppelte“, rechnet Becker vor. Gerade die kleinen Familienbetriebe hätten es zunehmend schwer – auch wegen wachsender Dokumentationspflichten im Betriebsablauf. „Die Bürokratie erschlägt viele.“ Die Folge: Auch in Aachen ist die sogenannte Systemgastronomie weiter auf dem Vormarsch, Ketten machen sich breit, die kleine individuelle Kneipe an der Ecke nebenan wird verdrängt.

Krise in den 90er Jahren

Das Kneipensterben begann allerdings schon lange vor dem Rauchverbot und den Boomzeiten Sozialer Netzwerke im Internet. Statistische Analysen des Landesamtes zeigen, dass die Zahl der Schankwirtschaften in ganz NRW zwischen 1997 und 2017 um 59 Prozent von 21.165 auf 8665 sank. Höhepunkte des Kneipensterbens waren die späten 90er Jahre. Gleichzeitig stieg die Zahl der Imbissbetriebe und Fastfood-Restaurants explosionsartig.

Das gilt auch für die Studentenstadt Aachen, bestes Beispiel ist die ehemalige Kneipenmeile Pontstraße. Auch hier gibt es mehr Pizza-, Döner-, Fritten- und Sushi-Küchen als reine Biertheken, Prost Mahlzeit eben.

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