Aachen: Streit um Katzen spitzt sich zu

Tierheim in der Kritik : Wieder Katze an Fremde verkauft

Wo beißt sich die Katze in den Schwanz? Der abstruse Streit um fremdvermittelte Katzen geht in die nächste Runde. Erneut kassiert das Aachener Tierheim am Feldchen Kritik – und wehrt sich.

Diesmal geht es um „Lazy“. Das Kätzchen wurde – angeblich wohlgenährt – im Oktober in der Nähe der Wohnadresse von „Katzenmutter“ Natalie Zischke eingesammelt und dann als „Findelkind“ im Tierheim abgegeben. Obwohl „Lazy“ von Zischke 2013 im selben Tierheim erworben wurde, haben die Verantwortlichen damals nicht für einen entsprechenden Eigentumsübertrag in der identitätsstiftenden Tiervermittlungsdatenbank Tasso gesorgt. Deshalb erfuhr Zischke nach eigenen Angaben Ende des vergangenen Jahres erst verspätet vom Aufenthaltsort ihrer vermissten Katze. Als sie dann im Tierheim vorstellig wurde, verlangte man erst 697,20 Euro, dann 450 Euro von Zischke – quasi als Gebühr für die Behandlung, Aufbewahrung und Fütterung der Katze.

„Ich habe mich natürlich geweigert, diesen überhohen Betrag zu zahlen – zumal das Versäumnis des fehlerhaften Tasso-Eintrags klar beim Tierheim liegt und die Katze, eine gesunde Freigängerin, ohnehin nicht im Tierheim hätte abgegeben werden dürfen“, erklärt Ziscke. Das Tierheim verkaufte die Katze daraufhin – nach 24 Tagen – an eine dritte Person. Zischke, selbst Polizeibeamtin, erstattete Anzeige wegen Unterschlagung. Die Rede ist allerdings auch von einer möglichen Erpressung. Denn: „Ein Tierhalter hat eine ganz besondere Bindung zu seinem Tier, und das wird hier ganz klar ausgenutzt“, betont Zischke. „Es wird damit gedroht, dass das Tier veräußert bleibt, wenn man den Preis von mehreren hundert Euro nicht entrichtet, obwohl es zuvor keinen Anlass gab, das Tier überhaupt zum Tierheim zu verbringen.“

Tierheimbeauftragter David Scholz zeichnet ein völlig anderes Bild: Für die Übermittlung der tierischen Identitätsdaten (ID) an ein Tierregister sei man erst ab 2014 verantwortlich. Der entsprechende ID-Chip der Katze habe die Tierheim-Mitarbeiter trotzdem zu dem eigenen Verkauf an Natalie Zischke geführt. Bloß: Man habe die Halterin weder telefonisch, per E-Mail noch postalisch erreichen können. Erst einen Tag nach der Weitervermittlung des Tieres habe sich die eigentliche Eigentümerin beim Tierheim gemeldet – und die Kostenübernahme verweigert.

Dabei habe es sich auch um Tierarztkosten für notwendige Behandlungen gehandelt. „Wir sind verpflichtet, solche entstandenen Kosten auch wieder einzufordern“, sagt Scholz. Er räumt aber auch ein, dass es offenbar erhebliche Informationsdefizite in Sachen Identifizierung von Katzen im Zusammenhang mit dem Eintrag in Tierregister wie Tasso gibt. „Wir werden deshalb den Mitbürgern und zum Beispiel den Besuchern der Euregio Wirtschaftsschau mit Flyern und Infomaterial unter dem Motto ,Registriere dein Tier’ diverse Anleitungen und Handlungsanweisungen an die Hand geben“, sagt er. Hier gelte es, Informationslücken zu füllen, um künftige „Weitervermittlungsdramen“ zu vermeiden.

Eine „neue“ Katze kostet übrigens rund 80 Euro. So viel dürfte auch der neue Besitzer von Zischkes „Lazy“ gezahlt haben. Die verprellte Katzenmutter erwägt nun den Klageweg. „Ich weiß, dass es sich bei dieser doch sehr fragwürdigen Vorgehensweise des Aachener Tierheims nicht um einen Einzelfall handelt“, sagt Zischke. Und verweist auf die Orsbacher Katzenfreundin Manuela Blum-Thies. Ihr Kater „Aaron“ kehrte erst vor wenigen Tagen nach mehr als zweijähriger Odyssee ins traute Heim zurück.

An Fremde weitervermittelt: Das Aachener Tierheim hat „Lazy“ für rund 80 Euro verkauft, weil die eigentliche Eigentümerin die Unterbringungs- und Tierarztkosten von fast 700 Euro nicht zahlen wollte. Foto: Natalie Zischke

Der Streit um das – ebenfalls vom Aachener Tierheim fremdvermittelte – Tier, Streitwert 50 Euro, war letztlich vor dem Jülicher Amtsgericht gelandet und machte entsprechend Schlagzeilen. Tierheim und Tierschutzverein der Städteregion machten dabei nicht die beste Figur. Im Namen des Volkes urteilte der Richter: „Die Klägerin hat einen Anspruch auf Herausgabe der Katze mit der im Tenor genannten Tätowierungsnummer gegen die Beklagte aus Paragraf 985 BGB.“ Dazu gab es vom Amtsgericht für Blum-Thies eine „Ausfertigung zum Zwecke der Zwangsvollstreckung“. Bloß: Angeblich war Aaron just zu jenem Zeitpunkt, Ostern 2018, seiner „Interimsfamilie“ in Inden wieder entlaufen – wodurch das Urteil zunächst für die Katz’ war. Was damals niemand so recht glauben mochte – nicht einmal die Anwältin der Beklagten.

Dann das „Wunder“: Am 8. Januar erhielt Blum-Thies einen Anruf von einem Tierarzt in Köln-Worringen. Es sei ein Kater namens „Aaron“ anonym abgegeben und dank Tasso-Registrierung der Eigentümerin Blum-Thies zugeordnet worden. Am nächsten Tag holte die überglückliche Katzenmutter das Tier in Köln ab. „Ich halte es für nahezu unmöglich, dass der Kater so viele Kilometer in mehreren Monaten zurücklegt und danach top genährt und gepflegt aussieht. Ich vermute, auch hier ging es nicht mit rechten Dingen zu“, sagt sie. „Egal, Hauptsache, mein Aaron ist wieder zu Hause.“ Happyend nach gut zwei Jahren.

Nach über zwei Jahren wieder zu Hause: Kater Aaron kehrte jetzt endlich heim nach Aachen-Orsbach – nach einem absurden Rechtsstreit. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Nur Natalie Zischke ist noch in Katerstimmung. Sie hat als Kompromisslösung vorgeschlagen, ihren „Lazy“ noch einmal zu kaufen: gegen eine Schutzgebühr von 80 Euro. Noch ist sie auf Samtpfoten unterwegs, die Krallen könnten aber auch nochmal ausgefahren werden.

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