Aachen: Aachen stöhnt unter der „Schweinegrippe“

Aachen: Aachen stöhnt unter der „Schweinegrippe“

Aachen hustet. Aachen schnieft. Und Aachen stöhnt unter heftigen Gliederschmerzen. Hört man sich im Bekannten-, Verwandten- und Freundeskreis um, so könnte man vermuten: Die halbe Stadt ist von verschiedenen Erregern flachgelegt worden. Erhärtet wird diese Vermutung noch durch einen Blick in die Arztpraxen. In vielen von ihnen stehen die Kranken Schlange.

„Das ist ziemlich heftig, deutlich mehr als im vergangenen Jahr“, sagt beispielsweise Dr. Karl Frenzel. Seit vier Wochen sei die Zahl der Erkrankungen stark angestiegen. Wobei diese Erkrankungen nicht einheitlich daher kämen. Zum einen gebe es eine große Anzahl „grippaler Infekte“. Das ist allerdings nur ein Sammelbegriff für eine ganze Reihe jener Krankheiten, die der Volksmund „Erkältung“ nennt.

Husten, Schnupfen, Halsschmerzen, möglicherweise auch Fieber können dazugehören. Im Schnitt erkrankt jeder Erwachsene drei Mal pro Jahr an einer Erkältung, bei Kindern kann es noch deutlich häufiger sein. „Die Erkrankungen sind dieses Jahr zudem recht langwierig“, so Frenzel. Zwei, drei Wochen seien keine Seltenheit, sondern eher die Regel.

Nicht zu verwechseln ist der „grippale Infekt“ indes mit der echten Grippe, der Influenza. Auch wenn es durchaus ähnliche Symptome gibt, so ist die Grippe doch bei weitem heftiger und gefährlicher als der „grippale Infekt“. „Erkennungszeichen einer Grippe ist beispielsweise, dass sich der Gesundheitszustand sehr schnell verschlechtert“, beschreibt Karl Frenzel die Erkennungszeichen der Influenza.

Dabei gehe es weniger um Husten und Schnupfen als vielmehr um starke Kopf- und Gliederschmerzen und hohes Fieber. Auch die Influenzazahlen haben in Aachen steigende Tendenz. Verbunden ist das Ganze laut Frenzel nicht selten mit Kreislaufproblemen: „Ich hatte sogar junge Leute hier, die beim Aufstehen fast umgekippt wären.“ Betroffen sind alle Altersgruppen.

Auch beim städteregionalen Gesundheitsamt hat man die steigenden Zahlen registriert. Vor allem die als „Schweinegrippe“ vor einigen Jahren bekanntgewordene Influenza — ausgelöst durch den Erreger H1N1 — grassiere. Seinerzeit sorgte diese Grippe für fast panikartige Impfaktionen und einen Streit darüber, wie sinnvoll diese Aktionen überhaupt waren. Letztlich ebbte die Aufregung wieder ab. Gegen H1N1 ist man geimpft, wenn man sich grundsätzlich hat impfen lassen. Der Schutz gegen H1N1 ist heutzutage Bestandteil der jährlich neu zusammengestellten Influenza-Impfstoffe.

Ob es denn aber tatsächlich die „Schweinegrippe“ ist, da sind sich die Mediziner offenbar noch nicht so ganz einig. Dr. Alfred Nachtsheim geht davon aus, dass es sich um ein Virus handelt, das mit dem Schweinegrippeerreger verwand ist. „Man muss da vorsichtig sein, bisher konnte das noch keiner genau nachweisen“, sagt Nachtsheim. Näheres könne das Robert-Koch-Institut in einigen Wochen sagen.

Doch dass mehr Leute als gewöhnlich flach liegen, kann auch Nachtsheim bestätigen. „Die Grippewelle hat Aachen voll erwischt. Viele sind richtig krank und fallen auch länger aus“, sagt er. Der Mediziner schätzt, dass aktuell 30 bis 40 Prozent mehr Patienten mit Grippe und grippalem Infekt in seine Praxis kommen als sonst üblich.

Unter den Virus-Grippe-Kranken seien auch viele Kinder. „Die darf man auf keinen Fall in die Schule schicken“, sagt Nachtsheim. Denn die Grippe sei über Tröpfcheninfektion übertragbar.

Doch so rasant, wie derzeit verbreiten sich Krankheiten sonst nicht mal durch Bützen und enges Schunkeln an den Karnevalstagen. „Nach Karneval steigt die Zahl der Kranken immer leicht. Da geht es aber meistens um leichte Halsschmerzen oder einen Schnupfen“, sagt Nachtsheim. Doch wen die Virusgrippe gepackt hat, den plagen starke Halsschmerzen, Husten und eventuell eine Bronchitis oder Lungenentzündung.

Solch schwere Krankheitsverkäule hat Dr. Gerhard Jacobs bisher nicht beobachtet. „Der Verlauf ist meistens gutartig. Aber die Menge ist schon beeindruckend“, sagt er. 15 bis 20 zusätzliche Grippe- und Erkältungspatienten behandelt er derzeit täglich. Ältere Menschen seien bisher weniger betroffen: „Es trifft eher die berufstätige Generation, die wahrscheinlich auch Karneval gefeiert hat“, sagt Jacobs.

Eins ist jedenfalls klar: Viele Kranke müssen lange warten, um einen Arzt zu sprechen. In der Praxis von Karl Brandt und Dr. Rainer Kluge an der Pontstraße muss man am Mittwoch drei Stunden warten, bis man ins Behandlungszimmer kommt. „So einen Tag habe ich in 20 Jahren in dieser Praxis noch nicht erlebt“, sagt Brandt. Bei einigen Ärzten ist indes weniger Betrieb. Die Walheimer Allgemeinmedizinerin Margit Dunker hat nur ein paar typische Influenza-Kranke behandelt. Eine ausgemachte Grippeepidemie kann sie nicht feststellen.

Aktuelle Zahlen, wie viele Aachener krank gemeldet sind, kann die AOK noch nicht nennen. Der Barmer GEK liegt auch noch keine Statistik vor. Nur so viel: „Es sind mehr Leute krank als normalerweise“, sagt Dirk Stockhausen, Sachgebietsleiter bei der Barmer GEK in Aachen. Die Techniker Krankenkasse spricht davon, dass die Zahl der Influenza-Erkrankungen im Großraum Aachen stark erhöht sei. Also doch eine Grippewelle.

Wen es — ob mit Influenza oder „grippalem Infekt“ — erwischt hat, der soll laut Karl Frenzel auf jeden Fall zu Hause bleiben. Und zwar so lange, bis die Krankheit wirklich auskuriert ist. Zumal ansonsten der Dominoeffekt durch die fortwährende Ansteckung noch verstärkt wird. „Solange man hustet, ist man auch noch ansteckend“, sagt Frenzel, während sich auch in seiner Arztpraxis die Patienten sozusagen die Klinke in die Hand geben. Apropos: Händewaschen ist laut Gesundheitsamt das Gebot der Stunde — und zwar gründlich. Damit Aachen bald wieder aufhört zu husten und zu schniefen.