Aachen: Polizeidirektor Helmut Lennartz geht in den Ruhestand

Bilanz nach über 45 Dienstjahren : Der Chef der Uniformierten legt die Uniform ab

Nach 45 Jahren und sechs Monaten im Dienst der Polizei ist für ihn jetzt Schluss: Der Leitende Polizeidirektor Helmut Lennartz, über viele Jahre Chef aller Uniformierten bei der Aachener Polizei, wird am Freitag verabschiedet. Die Bilanz eines Polizistenlebens.

Dem letzten Arbeitstag sieht er gelassen entgegen. Es hat ja auch etwas für sich, „nicht mehr nachts um halb vier aus dem Bett geklingelt zu werden“, weil es wieder mal einen aktuellen Großeinsatz zu koordinieren gilt. Solche Momente hat Helmut Lennartz viele erlebt. Kein Wunder, gehörte er doch lange zu den ranghöchsten Polizisten im Aachener Präsidium, in dessen Zuständigkeit auch die Städteregion sowie in besonderen Fällen die Kreise Düren und Heinsberg fielen.

Verantwortlich war der Leitende Polizeidirektor grob gesagt für all jene, die eine Polizeiuniform im Dienst tragen – Streifenpolizisten, Hundertschaft, Bezirksdienste, überdies Hundestaffeln, Leitstelle, Gewahrsam. Der Karlspreis gehörte ebenso zu seinen Aufgaben wie Demonstrationen aller Art. Und überhaupt alles, was man im Fachjargon „Einsätze aus besonderem Anlass“ nennt. 45 Jahre und sechs Monate Polizeidienst hat Helmut Lennartz auf den Schultern. Am Freitag wird er in den Ruhestand verabschiedet. Klar, dass der waschechte Aachener, der gleichwohl „kein Wort Öcher Platt spricht oder versteht“, einiges zu erzählen hat.

Die Bilanz eines Polizistenlebens in Auszügen:

Unvergessene Einsätze: Nicht immer war Lennartz bei den „Uniformierten“, sondern früher auch bei der Kripo. Als Mordermittler gehörte er zu dem Team, das in den 1980er Jahren eine Mordserie an Frauen aufzuklären versuchte. Das gelang damals nicht. Und doch kam die späte Genugtuung. 2007 wurden die Morde aufgeklärt, konnte der Täter durch einen DNA-Zufallstreffer überführt werden. „Das war nur durch die akribische Spurensicherung von damals möglich. Die Arbeit hatte sich gelohnt, auch wenn der Fall lange ungelöst blieb. Aber die Akten werden eben nie geschlossen. Da ist man schon ein bisschen stolz“, sagt Lennartz. Nie vergessen hat er auch die Einsätze rund um gewalttätige Kurdenproteste nach der Festnahme ihres politischen Anführers Öcalan 1996. Oder die Geiselnahme in der Aachener Landeszentralbank kurz vor Weihnachten 1999, bei der er für alle Einsätze rund um den Tatort verantwortlich zeichnete.

Karlspreis: Klar, die Auszeichnung für Bill Clinton war eine besondere Nummer: „Beim Karlspreis reichten die Kategorien von Mini über Mittel bis Clinton.“ Der Secret Service, die Sicherheitseinheit des US-Präsidenten, auf der einen und die Aachener Polizei auf der anderen Seite: „Da prallten schon Welten aufeinander“, erinnert sich Lennartz. „Aber nachdem die Fronten geklärt waren, ging das.“ So wollten die US-Beamten zum Beispiel ein leerstehendes Ladenlokal mit Stahlnetzen verbarrikadieren, damit sich dort keine Scharfschützen verbergen konnten, doch das bogen die Aachener noch ab. Eine besondere Herausforderung sei aber auch der Karlspreis für den britischen Ex-Premier Tony Blair gewesen. „Da hatte die Nato unter Beteiligung der Briten gerade Belgrad bombardiert und dabei die chinesische Botschaft getroffen“, erzählt Lennartz. Mit den folgenden Protesten rund um den Karlspreis sei dann die Aachener Polizei konfrontiert gewesen.

Hambacher Forst: „Das ist die Garnierkirsche meiner Laufbahn gewesen. Aber leider eine verfaulte“, ist Lennartz nicht gerade glücklich über diesen Abschluss. Die Einsätze dort seien „herausragend in jeder Beziehung“ gewesen. Ganz offen sagt er: „Ich habe mich schon gefragt: Musste das sein?“ Wochenlang tausende Polizisten im Rahmen der „Amtshilfe“ im Wald im Einsatz — und als die Baumhäuser geräumt waren, verfügten Richter einen Rodungsstopp, wonach jeder den Wald wieder betreten durfte: „Das musste man den Kolleginnen und Kollegen, die dort unter schwierigsten Bedingungen einen guten Job gemacht haben, erstmal verständlich machen.“ Unter dem Strich sei der Hambacher Forst „sogar weltweit zum Symbol geworden, als würde mit ihm über das Weltklima entschieden“. Lennartz sieht das Thema nach wie vor mit Sorge: „Von einer Befriedung sind wir im Hambacher Forst weit entfernt.“

Angsträume: Wenn er das Sagen in Aachen hätte, würde er dann den Bushof abreißen lassen? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ja!“ Allerdings weiß Lennartz auch, dass Angsträume, in denen sich die Kriminalität ballt, nicht nur mit der Abrissbirne beseitigt werden können. „Wenn man den Bushof abreißt, wird es garantiert eine andere Stelle geben, an der so etwas neu entsteht.“ Um Angsträume zu verhindern, habe sich die Polizei auch aktiv in die Debatte um das Altstadtquartier Büchel eingemischt – mit der Forderung nach Auslagerung der Prostitution. „Das war ein außergewöhnlicher Schritt, aber notwendig“, blickt Lennartz zurück. „Wir wollten vorher sagen, wo wir Bedenken haben, damit nicht hinterher das Geschrei groß ist.“ Was sonst taugt gegen Angsträume? „Die Videoüberwachung am Bushof hilft, aber sie ist kein Allheilmittel“, sagt der erfahrene Polizist. Wichtig sei der enge Schulterschluss mit der Stadt, seien zielgerichtete Kontrollen zum Beispiel gegen Shisha-Bars. um Nadelstiche zu setzen. Allerdings: „Das geht heute nicht mehr wie früher mit zwei Mann...“

Veränderte Zeiten: Wer 45 Jahre im Polizeidienst verbringt, erlebt viele Veränderungen. Die gravierendste ist für Lennartz die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Polizisten, aber auch Sanitätern, Feuerwehrleuten, Hilfskräften aller Art. „Widerstand hat es immer gegeben, aber die Dimension, in der sich dies heute durch alle Schichten der Bevölkerung zieht, ist erschreckend.“ Dass bei Einsätzen oft unbeteiligte Umstehende für die Polizisten zum Problem werden, habe es früher nicht gegeben: „Das ist ein Phänomen, das ich nicht für möglich gehalten hätte.“

Die Zeit danach: Mit diesem „gesellschaftlichen Problem“ konfrontiert zu werden, wird ihm genauso wenig fehlen wie die nächtlichen Anrufe. Auch den Nervenkitzel besonderer Einsatzlagen muss er als Pensionär nicht heraufbeschwören, indem er sich etwa mit dem Fallschirm in die Tiefe stürzt. Helmut Lennartz macht den Eindruck, als könne er ganz gut loslassen vom Beruf. „Ich bin völlig tiefenentspannt“, beschreibt er selber seine Gefühlslage vor der morgigen Verabschiedung. Als Dozent bleibt er der Polizeifachhochschule erhalten, seine maritimen Kenntnisse will er erweitern. Eine neue Fremdsprache möchte er auch lernen. Und weil der Italienliebhaber sehr gerne verreist, wird das nicht Öcher Platt sein.