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Aachen plant ein 60 Kilometer langes Radvorrangrouten-Netz

Radverkehr in Aachen : In zwei Jahren soll die erste Radvorrangroute fertig sein

Auf fünf Meter breiten Trassen möglichst kreuzungsfrei und unbedrängt von Autos schnell und sicher aus den Außenbezirken in die Innenstadt – so stellen sich Verkehrsplaner die Zukunft für den Radverkehr in Aachen vor. Vor vier Jahren wurde die Idee für die Radvorrangrouten geboren. Seitdem wurde viel geplant, aber noch nichts verwirklicht. Warum ist das so?

Planung braucht Zeit, Geld und Personal – wer wüsste das besser als Uwe Müller, Leiter der städtischen Abteilung Verkehrsmanagement. Es sind in jeder Hinsicht knappe Ressourcen, mit denen er umgehen muss. Und es erklärt den so schleppend wirkenden Fortgang des Projekts, von dem sich die Planer auch einen bedeutenden Beitrag zur Luftreinhaltung erhoffen. Immerhin: Eigens für die Bearbeitung der Radvorrangrouten wurde im Oktober 2017 Bastian Weiser eingestellt. Und der zeigt sich zuversichtlich, spätestens im neuen Jahr erste Ergebnisse vorweisen zu können.

Die 10,5 Kilometer lange Strecke von Eilendorf in die Innenstadt und weiter bis zum Campus Melaten ist die erste, die im Laufe des neuen Jahres Gestalt annehmen soll, und – wenn alles glatt läuft – soll der Abschnitt von Eilendorf bis zum Elisenbrunnen bis Ende 2021 auf voller Länge befahren werden können. Etwas mehr als eine Million Euro konnten dafür aus dem Fördertopf „Nationale Klimaschutzinitiative“ des Bundesumweltministeriums eingeworben werden.

„Wir hätten gerne zwei Jahre früher angefangen“, sagt Müller. Das aber war unter anderem wegen der umfangreicheren Arbeiten in der Lothringerstraße nicht möglich. Im Abschnitt zwischen Wilhelmstraße und Harscampstraße werden derzeit Leitungen und Kanäle erneuert, bevor dort im kommenden Jahr eine Fahrradstraße nach festgelegten Standards eingerichtet wird. Im selben Jahr soll auch der Umbau des Abschnitts zwischen Oppenhoffallee und Wilhelmstraße zur Fahrradstraße in Angriff genommen werden.

Schneller hofft Weiser auf den Abschnitten in Eilendorf bis zur Vennbahntrasse vorwärts zu kommen. Hansmannstraße, Moritz-Braun-Straße, Marienstraße und Kleebachstraße könnten ohne großen Aufwand zu Fahrradstraßen ummarkiert werden, sagt er. Die dafür nötige Beschilderung sei inzwischen angeliefert worden. Sobald die Witterung es zulasse, könnten die Schilder montiert und die Markierungen aufgebracht werden. Größere Eingriffe sind nur an der Querung der Von-Coels-Straße vorgesehen, auch dieser Umbau ist für nächstes Jahr geplant.

Problemlos dürfte auch die Umgestaltung der Beverstraße und der Schlossstraße im Frankenberger Viertel vonstattengehen. Entlang der Bismarckstraße werden die Radfahrer hingegen noch bis 2021 auf die Umgestaltung zur Fahrradstraße warten müssen. Zurzeit laufen noch die Untersuchungen, wie dort der Durchgangsverkehr aus dem Viertel rausgehalten werden kann. Auch müssen sich die Politiker noch für eine Umbauvariante entscheiden. Denkbar, dass dort das Schrägparken abgeschafft wird, um den Radfahrern mehr Sicherheit zu geben und auch breitere Wege mit größerer Aufenthaltsqualität zu schaffen.

Im weiteren Verlauf sind auch noch Umbauarbeiten an der Harscamp- und Schildstraße erforderlich, die nach Möglichkeit 2021 erfolgen sollen. Das Pflaster in der Wirichsbongardstraße soll hingegen bleiben, wie es ist. Man wolle die Radler in der Fußgängerzone nicht zum Rasen verführen, sagen Weiser und Müller. Man hoffe dort auf die Rücksichtnahme der Radfahrer und auf ein gutes Miteinander.

Eine größere Herausforderung liegt dann wieder am Grabenring vor ihnen, der zum großen Verteilerring für die Radfahrer umgebaut werden soll. Aus zehn verschiedenen Richtungen sollen im Endstadium alle Radvorrangrouten auf den Grabenring treffen und dort miteinander verbunden werden.

Foto: grafik

Wie das gelingen soll? „Schwer zu sagen, wohin die Reise geht“, sagt Müller mit Blick auf die vielen Buslinien und das hohe Verkehrsaufkommen auf dem Grabenring. „Diesem Thema werden wir uns abschnittsweise nähern müssen, das wird noch dauern.“

Weniger Probleme sehen die Planer dann wieder auf den Abschnitten Schinkelstraße, Geschwister-Scholl-Straße und Kopernikusstraße bis zur Hörn und zum Campus Melaten, die allesamt in Arbeit seien. Nach Fertigstellung könnten Radfahrer die gesamte Strecke von Eilendorf bis zum Campus Melaten in rund 35 Minuten zurücklegen, hat Weiser überschlagen. Das dürfte mit dem Auto kaum zu toppen sein.

Die langwierige Arbeit an Aachens erster Radvorrangroute lässt erahnen, dass bis zur Fertigstellung des gesamten gut 60 Kilometer langen Netzes noch viele Jahre vergehen werden. Eine genauere Prognose sei nicht möglich, sagen Müller und Weiser. Vielfach müssten auch erst noch Fördermittel eingeworben werden, um weitere Straßenumbauten planen zu können.

Noch werden Radfahrer an den Rand gedrängt, doch bald geht es für sie auch auf der Lothringerstraße ab durch die Mitte: Als Fahrradstraße kommt dem Abschnitt eine wichtige Bedeutung im rund 60 Kilometer langen Netz der geplanten Radvorrangrouten zu. Foto: ZVA/Harald Krömer

Für die Strecke aus Brand ist dies bereits geschehen, für eine weitere aus Haaren werden die Anträge vorbereitet. Auch soll weiteres Personal eingestellt werden. „Das hilft uns“, sagt Müller. Zuversichtlich meint er: „Es wird jetzt schneller gehen als in den vergangenen Jahren.“ Und das hat auch damit zu tun, dass sich das Denken in der Politik gewandelt hat. „Es gibt mehr Rückenwind für den Radverkehr. Das merken wir.“

Das ändert allerdings nichts an den vielen Interessenkonflikten, die mit dem Bau dieser Strecken eben auch verbunden sind. An vielen Stellen verschwinden Parkplätze, Autofahrer müssen Platz abgeben, langsamer fahren und auf Vorfahrt verzichten. Nicht überall stößt das auf Verständnis. Auch der Baumschutz ist ein heikles Thema. Obwohl an der Lothringerstraße im Zuge des Umbaus mehr neue Bäume gepflanzt werden sollen, gibt es Proteste gegen geplante Baumfällungen. Mit solchen Widerständen sei noch an anderen Stellen zu rechnen. Die Lochnerstraße – ein Abschnitt der geplanten Radvorrangroute aus Richtung Vaals – sei etwa ein ebenso heikler Fall. Wann das große Netz der Radvorrangrouten in Aachen fertig geknüpft sein wird, steht auch deshalb noch in den Sternen.