Aachen: Pfarrer Hans-Georg Schornstein ist im Extrablatt „ansprechbar"

2019 ... Nur Mut! : Pfarrer Hans-Georg Schornstein ist wieder „ansprechbar“

„Da, wo gelebt wird, hören wir zu.“ Unter diesem Motto steht das Angebot der ökumenischen Cityseelsorge. Pfarrer Hans-Georg Schornstein ist jeden Freitag in einem Café in der Innenstadt „ansprechbar“.

Am Freitag sitzt er wieder im Café Extrablatt am Markt. Wahrscheinlich unübersehbar mitten im Lokal, mit einem kleinen Schild auf dem Tisch: „Offenes Gesprächsangebot“. Pfarrer Hans-Georg Schornstein ist verlässlich da, jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr. Er ist dann im wahrsten Sinne des Wortes „ansprechbar“. Wer mag, kann sich zu ihm setzen und von dem sprechen, was ihm auf dem Herzen liegt. „Ich biete Zeit an“, sagt Schornstein, „ich habe Zeit.“

Ein wenig wie auf dem Präsentierteller sitzt der 62-Jährige da. Als habe ihn einer bei einer Verabredung versetzt. Daran habe er sich auch selbst gewöhnen müssen, gesteht Schornstein. Er blättert in diesen zwei Stunden in keiner Zeitung, er liest kein Buch. Er will den Leuten signalisieren: Ich bin bereit zum Gespräch. „Ich gehe nicht offensiv auf die Leute zu. Aber ich bin da“, sagt Schornstein.

Die Leute stehen nicht Schlange, um sich zu ihm an den Tisch zu setzen. Es gibt auch Freitage, da nimmt überhaupt niemand Platz. „Aber manchmal kommt einer vorbei, manchmal kommen zwei“, sagt Schornstein. Er sieht seinen kleinen „Stammtisch“ ohnehin vor allem als Türöffner. Denn die Leute, die im Extrablatt ein- und ausgehen, nehmen das seelsorgerische Angebot sehr wohl wahr.

Von den Nebentischen gibt es immer wieder verstohlen-interessierte Blicke. Und manche, die ihn da sitzen sehen, melden sich später telefonisch und vereinbaren ein persönliches Gespräch. Nicht halb öffentlich im Lokal, sondern in einem geschützten Raum. „Das Angebot ‚ansprechbar‘ ist so bekannt geworden, weil ich regelmäßig hier sitze.“ Davon ist Hans-Georg Schornstein fest überzeugt. Vor den Fußball-Heimspielen der Alemannia ist er immer im Klömpchensklub am Tivoli anzutreffen und auch dort ansprechbar. Anderer Ort, gleiches Prinzip.

Persönliche Bilanzen

Nach Konfession oder Religion wird nicht gefragt, wenn man sich zu Schornstein an den Tisch setzt. Und worüber sprechen die Leute? „Man kann mit mir über alles reden“, sagt Schornstein. Seine Gesprächspartner sprechen zum Beispiel von Einsamkeit und Mutlosigkeit, von (fehlenden) Beziehungen oder von ihrem Wunsch nach Neuorientierung. Sie erzählen vielleicht auch von Zwist in der Familie. Gerade in der Zeit um Weihnachten und den Jahreswechsel ziehen viele eine persönliche Bilanz und fragen sich, wie es im neuen Jahr weitergehen soll. Sie erleben eine Welt in Unruhe, auch das macht vielen Angst.

„Zeit voller Gegensätze“

Hans-Georg Schornstein weiß: „Gerade der Jahreswechsel ist für viele schwierig. Das ist ja auch eine Zeit voller Gegensätze. Auf der einen Seite gibt es Familienfeste und Harmonie, auf der anderen Seite spüren viele dann Einsamkeit und Streit umso bitterer.“ Für den Theologen ist die Weihnachtsgeschichte ohnehin eine Botschaft voller Zündstoff, „eine Herausforderung“. „Man kann nicht an Weihnachten Friede, Freude Eierkuchen machen, wo Gott besudelt wird, auch in der Misshandlung von Menschen. Da darf man nicht schweigen!“

Seine eigene Zuversicht bezieht der Priester „aus dem Glauben, dass über allem Gott steht“. Der Mensch als Maß aller Dinge, das fände er eine furchtbare Vorstellung. In seelsorgerischen Gesprächen argumentiere er nicht ausdrücklich religiös, betont Schornstein. „Aber aus meiner Haltung spricht der Glaube.“

Der Pfarrer ist überzeugt: „Jeder von uns braucht irgendwann im Leben Menschen, die Mut machen und sagen: Guck nach vorne!“ Er versucht, seine Gesprächspartner zu Tatkraft zu ermuntern. „Aber manche haben so viele Enttäuschungen erlebt, da kann man oft nur miteinander schweigen.“

Menschen, die die Hilfe eines Therapeuten oder einer Beratungsstelle brauchen, verweist Schornstein indes an andere Hilfsangebote. „Ich kann keine Therapie anbieten“, sagt Schornstein. „Ich mache keine Erziehungsberatung und berate nicht zu Suchtfragen.“ Überzeugt ist er aber: Ein Gespräch kann helfen, die Dinge zu sortieren. „Oft hat man den Kopf ja so voll.“ Eine Portion Zuversicht möchte er den Menschen auch 2019 mit auf den Weg geben.

Ihn persönlich würde es freuen, wenn das Gesprächsangebot, das er über die Jahre aufgebaut hat, auch einen neuen Blick auf Kirche erlaubt: „Kirche ist ansprechbar.“

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