Aachen: Neue Schulleiterin an der 4. Gesamtschule

4. Gesamtschule : Hanno Bennemann verabschiedet sich in den Ruhestand

Selten scheint die Entwicklung einer Schule so eng mit einem einzigen Mann verzahnt zu sein, wie das bei der 4. Gesamtschule der Fall ist. Hanno Bennemann hat um sie gekämpft, über Jahre hinweg mit der Schulaufsicht gerungen. Ende des Monats geht der Schulleiter in den Ruhestand.

Eine Konstante steht schon fest: Der Wecker wird weiter um 5.45 Uhr klingeln. Auch wenn Hanno Bennemann nicht mehr in aller Frühe an der Sandkaulstraße sein muss, um die Geschicke einer Schule mit rund 750 Schülern und einem Kollegium von 70 Männern und Frauen zu lenken. Doch wenn er sich schon altersbedingt von der 4. Gesamtschule verabschieden muss, so will er sich doch die morgendliche Routine bewahren, sagt er. Allein schon, um den Tag mit seiner Frau, ebenfalls Schulleiterin, zu beginnen. Gemütlich in den Tag hineinleben, sich ausruhen und die Dinge auf sich zukommen lassen, das scheint nicht wirklich zu dem 66-Jährigen zu passen, der nach eigenen Angaben kein großer Freund von Urlaubsreisen ist. Ruhiger wird es naturgemäß trotzdem nach dem 31. Januar für ihn werden, seinem offiziell letzten Arbeitstag als Schulleiter. Ein Tag später wird er feierlich verabschiedet.

Selten scheint die Entwicklung einer Schule so eng mit einem einzigen Mann verzahnt zu sein, wie das bei der 4. Gesamtschule der Fall ist. Bennemann hat um sie gekämpft, über Jahre hinweg mit der Schulaufsicht gerungen. Und musste in der Zeit auch ordentlich einstecken. Als vermeintlicher „Feind der Realschule“ sei er Anfeindungen ausgesetzt gewesen, als die David-Hansemann-Realschule geschlossen wurde, um den Weg für die neue Gesamtschule frei zu machen – und zwar mit ausdrücklicher Zustimmung der Realschule selbst durch einen Beschluss der Schulkonferenz. „Das hat viel Kraft gekostet“, sagt Bennemann, damals Schulleiter der David-Hansemann-Realschule. „Phasenweise hätte ich alles gerne rückgängig gemacht. Es war schwer, das wegzustecken.“ Mittlerweile kann er mit Überzeugung sagen: Es hat sich gelohnt.

Denn das, was ihn und seine Kollegen bei allem Respekt für die Schulform an der Realschule gestört habe, hätten sie mit der Gründung der neuen Gesamtschule versucht, bewusst anders zu machen: „Wenn Kinder Probleme bereitet haben, wurden sie an andere Schulformen abgegeben. Doch an der Gesamtschule gibt es bis Klasse 9 kein Sitzenbleiben. Da ist man gezwungen, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen.“ Das Stichwort lautet individuelles Lernen. Und es bestimmt das besondere Profil der 4. Gesamtschule, das Bennemann maßgeblich mitgeprägt hat. So entscheiden die Schüler in sogenannten Lernbüros selbst, in welchem Fach sie arbeiten wollen – jeder in seinem Tempo und nach seinen Interessen. In Werkstätten lernen sie ganz praktisch und handlungsorientiert, finanzieren ihre Tätigkeit zum Teil sogar schon selbst, etwa durch den Verkauf von Honig in der Imkerwerkstatt. Besonders heftig sei der Widerstand der Schulaufsicht gegen die Arbeit in den Lernbüros gewesen, berichtet Bennemann. „Das wurde eher geduldet als erlaubt.“ Erst als die erste Lernstandserhebung überdurchschnittlich gute Ergebnisse zutage gebracht habe, sei man ihm gegenüber wieder freundlicher gesonnen gewesen.

Auch wegen der „Herausforderung“ – einem Projekt, durch das die 4. Gesamtschule überregional bekannt wurde – musste Bennemann nicht nur einmal mit der Schulaufsicht diskutieren. Drei Wochen lang sind die Schüler der 9. Klasse auf eigene Faust, mit 150 Euro im Gepäck und einem studentischen Begleiter unterwegs und stellen sich ihrer ganz persönlichen Herausforderung. Unter Bennemanns Leitung wurde das Projekt erstmals an einer staatlichen Schule ins Leben gerufen. Im September 2018 fand bereits die dritte Aktion statt. Und Bennemann trägt bis heute die Verantwortung dafür. Oder besser: trug.

Leitet in Zukunft die Geschicke der Schule an der Sandkaulstraße: Michaela Winz freut sich auf die neue Herausforderung. Foto: Annika Kasties

Im Sommer wird diese wohl seine Nachfolgerin Michaela Winz übernehmen. Offiziell ist die Aktion nicht von der Schulaufsicht genehmigt. Für Winz steht dennoch außer Frage, dass das Projekt auch unter ihrer Leitung weitergehen wird. „Die Herausforderung gehört zu unserer Schule“, bekräftigt die 58-jährige Lehrerin für Deutsch und Mathematik, die vor sechs Jahren von der Maria-Montessori-Gesamtschule an die Sandkaulstraße wechselte und damit am Aufbau der Schule beteiligt war. „Ich habe mir immer gewünscht, so arbeiten zu können.“ Ihre Herausforderung sei es jetzt unter anderem, die drei Unterrichtsformate – Lernbüro, Werkstatt und Projektzeiten – besser zu verzahnen. Und die Arbeit im Netzwerk „Schulen im Aufbruch“ auszubauen.

Hanno Bennemann wird diese Entwicklung aus der Distanz beobachten. Denn auch, wenn er nur „ungern“ gehe, wolle er seiner Nachfolgerin – die „Wunschkandidatin aller Kollegen“ – die Arbeit nicht dadurch erschweren, dass er täglich in der Schule aufkreuze. Zumal er die Schule bei ihr in den besten Händen wisse. Etwas Nostalgie bleibt: „Ich habe noch nie so viel gearbeitet, aber auch noch nie so gern gearbeitet“, lässt Bennemann die vergangenen sieben Jahre Revue passieren. Doch er freue sich auch, mehr Zeit mit seinen zwei Enkelkindern zu verbringen. Wenn der Wecker weiterhin um 5.45 Uhr klingelt, dürfte dafür mehr als genug Zeit sein.

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