Wiederbelebung der Innenstadt: Aachen muss sein Potenzial viel besser nutzen

Wiederbelebung der Innenstadt : Aachen muss sein Potenzial viel besser nutzen

Wer durch Aachen flaniert, schlägt an vielen Ecken vor Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammen. Die allgemeine Misere zeigt sich krass: Funktionsfähigkeit, Gestalt und Attraktivität der Innenstädte stehen auf dem Spiel. Der Handel steckt in dramatischen Veränderungen.

„Innenstadt + Handel: Wie kann eine Reaktivierung der Innenstadt gelingen?“ hieß denn auch das Generalthema des Städtebaulichen Kolloquiums, zu dem das RWTH-Institut für Städtebau unter Leitung von Universitäts-Professorin Christa Reicher eingeladen hatte.

Die dritte und letzte Veranstaltung des Frühjahr-Sommer-Semesters fragte: „Welche Zukunft hat das Erdgeschoss in der Innenstadt?“ Raumplaner Martin Hesik aus Wien entführte dazu in einer spannenden Reise in die „Seestadt Aspern Wien“, am nordöstlichen Rand der österreichischen Hauptstadt gelegen, eines der größten und ambitioniertesten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Ein seit zehn Jahren und auf weitere zehn Jahre angelegtes Modell zur „Stadt der Zukunft“ für 30.000 Bewohner.

„Wir spielen Shopping-Center umgelegt auf eine Einkaufsstraße“, beschrieb Hesik die Arbeit der „Entwicklungsagentur Wien“. Als Generalmieter steuere sie ein „Erdgeschoss-Management“ mit funktionaler Durchmischung. Dem Handel biete die städtische Agentur gestaffelte Mieten bis hin zu mietfreien „sozial-kulturellen Impulsräumen“. Auf dem „Shopping-Boulevard“ in der Fußgängerzone werde – „wichtig für eine urbane Dynamik“ – ein Mix aus Handel und Entertainment angeboten, Stichwort: „Handel als Teil der Freizeitindustrie“. Gegenüber den Bauherren/Investoren würden für diese „Einkaufsstraße der Zukunft“ die geeigneten baulichen Rahmenbedingungen streng festgelegt.

In diesem wunderbaren Laborcharakter Einkaufsstraßen „so rigide zu managen“, sei zwar hochspannend, doch werde das „in realen Städten nicht gehen“, kommentierte der aus Köln angereiste Jörg Beste, Geschäftsführer des Architekturforums Rheinland. Gleichwohl sprach auch er vom „erlebnisorientierteren Einzelhandel“, der Branchenmix in den Fußgängerzonen sei langweilig. Zu fragen sei ebenfalls, ob Kommunen „Center-Gesellschafen“ gründen sollten, die wie in Wien leerstehende Läden anmieteten. Beste riet zu einem „Einzelhandelskonzept“ und zu einem „Stadtraum-Management“.

Augenoptikermeister Achim Flögel, dessen Fachgeschäft „Brille am Markt“ mit originellen Schaufensterdekorationen auffällt, forderte die Kollegen auf, ihre Läden „ansprechend, einladend“ zu präsentieren. Er mahnte Freundlichkeit an, damit die Kunden sich wohlfühlten, „dieses Bauchgefühl ist entscheidend und das gibt es nicht im Internet“. Aber auch der Kunden könne etwas beitragen, er müsse zum Einkauf nicht etwa nach Düsseldorf. „In Aachen ist alles zu bekommen, das Geld muss in Aachen bleiben“, appellierte Flögel.

Am schwierigsten, so Flögel, sei das Verhältnis des Handels zu Politik und Verwaltung. Dinge würden gerne 20, 30 Jahre vor sich hergeschoben, aber es passiere nichts. Rat und Verwaltung hätten sich um das Wohlergehen der Bürger zu kümmern, doch mit dem „Aquis Plaza“ ein „voraussehbares Desaster“ geplant. Weitere Kritik: Die Stadt sei „manchmal sehr dreckig, nicht ordentlich“, eines der vielen Dinge, die leicht anzupacken und zu lösen seien. Der bekennende „stolze Öcher“ schlug eine „Schönheits-Kommission“ vor, zusammengesetzt aus Architekten, Bürgern, Kaufleuten.

Mit dem Blick von draußen hielt Architekt Hans Hoorn aus Maastricht den Aachener Akteuren diplomatisch liebevoll verpackt den Spiegel vor. „Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum“ gebe es in Aachen „weniger“. Willy Brandt beispielsweise würde sich in seinem Grab rumdrehen, sähe er den nach ihm benannten Platz. „Schrecklich, tote Hose“, schüttelte sich Hoorn. Stehe er vor dem „schönen Elisenbrunnen“ und drehe sich um, blicke er gegen eine phantasielose „geschlossene Fassade mit kleinen Fenstern“.

Mangel an schöner Architektur

Der Stadt, so Hoorn, mangele es an „beeindruckender, wunderschöner Architektur“. „Schrecklich, die ganze Straße ist tot“, schilderte er seinen Eindruck von der Adalbertstraße und setzte unter dem spontan losbrechenden Beifall des Auditoriums hinzu: „Städtebau muss ein Aquis Plaza verhindern. Das hat nichts mehr mit alter Stadt zu tun. Wenn ein Städtebauer so etwas genehmigt, braucht die Stadt einen neuen Städtebauer.“

Zu den vielen Leerständen befragt, führte Hoorn ein niederländisches Beispiel an: Die Regierung habe die Städte zu einer Ortssatzung verpflichtet, wonach Eigentümer eine hohe Strafe zahlen müssten, ließen sie ihre Handelsimmobilie länger als ein Jahr leerstehen.

Architekt Hans Dieter Collinet vom Aachen-Fenster forderte eine „neue Dialog-Qualität“, einen neuen „Sound des Dialogs“, eine „neue Stimmung“ in der Stadt, einen kontinuierlichen Dialog Politik-Verwaltung-Handel-Bürger. Diese neue positive Grundstimmung müsse das städteplanerische Wissen der Aachener Hochschulen einbinden.

Handel nicht alleine lassen

Moderatorin Barbara Thüer vom Netzwerk Innenstadt NRW fasste ihre Eindrücke zusammen: Aachen habe städteplanerisch „ein Riesenpotential, auch in der Verwaltung“. Sie empfahl der Stadt ein „Immobilien-Center-Management“. Professorin Christa Reicher bilanzierte das Semester: Nach den Expertisen sei ein „präventives und integriertes Vorgehen“ ratsam, der Einzelhandel dürfe nicht alleine gelassen werden, Managementplanung und Handel seien „zusammenzudenken“, wobei eine „Synchronisierung“ herzustellen sei, soll heißen: Alle innerstädtischen Akteure müssten „an einem Strang ziehen“, wobei einer die Führung, übernehmen und zeigen müsse, wo es langgehe.

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