Aachen: Müllabfuhr weigert sich, Tonne neben Hortensien zu schieben

Arbeitsschutz oder Arbeitsvermeidung? : Wegen „gefährlicher“ Hortensie will Müllabfuhr die Tonne nicht mehr leeren

Der Aachener Stadtbetrieb traut sich aus Sicherheitsgründen zuweilen nicht an Sträuchern und Büschen vorbei. Da wachse buchstäblich die Verletzungsgefahr, heißt es. Der Arbeitsschutz verhindert den Vollservice.

Das Blättern im Regelwerk für Arbeitsschutz treibt bei Müllwerkern inzwischen seltsame Blüten. Buchstäblich Anstoß nehmen die Experten für Abfallentsorgung der Aachener Stadtverwaltung aktuell an einer „gefährlichen“ Hortensie und einem Flieder, die einen Fußweg vor einem Haus an der Lütticher Straße angeblich so sehr verengen, dass Müllwerkern die Bewältigung der wenige Meter langen Strecke aus Sicherheitsgründen nicht mehr zuzumuten ist.

Weil Blüten, Blätter und Blümchen den städtischen Entsorgern quasi ein Dorn im Auge sein könnten. So der so. Genauer hinschauen will die Stadt gerade bei den nach Auskunft des Presseamts auffällig häufig krankgeschriebenen Müllwerkern schon länger. Deshalb gibt es seit einem halben Jahr Debatten über zu schwere Mülltonnen, Kellerstufen und andere Widrigkeiten – die allerdings in früheren Jahren problemlos überwunden werden konnten.

Ortstermin im Vorgarten

Beim Ortstermin im Vorgarten von Thomas Bürgerhausen stellt sich indes am Montag heraus, dass die rote Tonne berührungslos – und damit auch verletzungsfrei – an der Hortensie vorbeigezogen werden kann. Obwohl die lila-weißen Blüten über einen Teil des Weges ragen. Bürgerhausen hat etliche Telefonate und auch eine Stellprobe mit vier Bediensteten der Stadtverwaltung hinter sich. „Man hat mir unmissverständlich gesagt, dass ich die Pflanzen radikal zurückschneiden muss – sonst würden die Tonnen nicht mehr geleert, so ich sie nicht selbst an die Straße stelle.“

Im Vollservice zahlt er für die Dienstleistung, dass die Stadt die Tonnen donnerstags zwischen Straße und Heckenplatz vor dem Haus transportiert, rund 130 Euro extra. „Ich werde die wunderschönen Pflanzen nicht zurückschneiden, weil das einfach nicht nötig ist. Ich finde die Reaktion der Stadt lächerlich. Wir bestellen den Vollservice ab und besorgen den so gemeingefährlichen Tonnentransport nun eben selbst“, sagt er. So amüsant er die Argumentation der Stadt findet, so sehr ärgert er sich aber auch über ausufernde Regelkunde und -auslegung in Sachen Arbeitsschutz. Da liege doch die Vermutung nahe, dass es eher um Arbeitsvermeidung als um Arbeitsschutz gehe, mutmaßen Anwohner.

Die Müllwerker sowie die eigens angereiste Sachbearbeiterin des Stadtbetriebs sahen keinerlei Spielraum. „Man hat mir erläutert, dass es aus Sicherheitsgründen schlicht und ergreifend für die Bediensteten gar nicht erlaubt sei, diesen Weg zu gehen.“ Und auch das Presseamt weist auf Nachfrage unserer Zeitung darauf hin, dass an besagter Engstelle neben der Hortensie bereits ein Müllwerker mit dem Fuß umgeknickt sei. Man habe eine Frist gesetzt, die Pflanzen in dem auffällig akkurat gepflegten Vorgarten zurückzutrimmen, heißt es. Bürgerhausen lehnt das ab.

Er wundert sich vielmehr, dass Kommunalpolitik und Stadtverwaltung in diesen Wochen einen vehementen Vorstoß in Sachen „mehr Grün für die Vorgärten“ gestartet hätten. Sogar eine große Kampagne soll fürs kommende Jahr von der Aachener Stadtverwaltung finanziert werden, um mehr blühende Inseln mit Blumen, Sträuchern und Kräutern statt „nacktes Grau(en)“ in Stein und Schotter in Vorgärten zu erreichen. Selbst von möglichen Fördergeldern für die Begrünung von Vorgärten war schon die Rede. „Hier gibt es nun bereits einen wunderschönen grünen Vorgarten, und der soll nun gestutzt werden?“, fragt Bürgerhausen eher rhetorisch.

Gemeingefährlich? Aus Sicherheitsgründen dürfen städtische Müllwerker nicht an dieser Hortensie vorbeilaufen – was Thomas Bürgerhausen für reichlich übertrieben hält. Foto: ZVA/Harald Krömer

Tatsache ist, dass die Stadt seit einiger Zeit gerade im Müllfragen alles unter die Lupe nimmt – spätestens seitdem sie im Jahr 2017 rund 90.000 neue Restmülltonnen verteilte. Durch eine Systemumstellung bei der Leerung fielen danach viele Leerungen weg. Ziel war es, die Müllwagentouren beim Restmüll um rund ein Viertel, beim Biomüll um 46 Prozent zu senken. Der Hintergrund: Die insgesamt rund 150 städtischen Mitarbeiter der Abfallwirtschaft dürfen pro Woche nur eine bestimmte Anzahl an Tonnen leeren.

Die Anzahl ist abhängig vom körperlich anstrengenderen Vollservice-Anteil und den Tonnen-Volumen zwischen 90 und 240 Litern. Auch überfüllte oder falsch gefüllte Mülleimer will die Stadt nicht mehr hinnehmen. Mehr als 50 Kilogramm werden nicht akzeptiert – es sei denn, die Strecke zum Müllwagen ist ohne Stufen und Rampen zu bewerkstelligen. Sonst bleibt die Tonne ungeleert zurück. Zudem wurde die inzwischen kostenpflichtige Sperrgutabfuhr – auch zum Schutz der Mitarbeiter – auf drei Kubikmeter beschränkt.

Übrigens: Nach offiziellen Angaben kommen in Aachen pro Einwohner und Jahr durchschnittlich 136,2 Kilogramm zusammen. Das durchschnittliche Gewicht einer Restmülltonne lag bei der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2017 übrigens bei 17 Kilogramm. Bürgerhausen schiebt die nun selbst an Hecke, Flieder und Hortensie vorbei – was künftig bei penibler Regelauslegung noch mehr Vollservice-Kunden des Abfallbetriebs blühen dürfte.

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