Aachen: Motivia hilft Jugendlichen, die nicht zur Schule gehen

Hilfe für Jugendliche, die massiv die Schule schwänzen : Die kleinste Schule Aachens

Im Projekt Motivia in Aachen werden Mädchen und Jungen betreut, die aus unterschiedlichen Gründen lange nicht mehr zur Schule gegangen sind. Zwölf Plätze stehen zur Verfügung.

Die kleinste Schule Aachens arbeitet in einem Häuschen an der Krefelder Straße. Zwölf junge Leute lernen dort. Zwölf nur. „Eine Schule im Miniformat“, sagt Heiko Bodonge. Der Sozialpädagoge ist Koordinator des Projekts Motivia für schulmüde Mädchen und Jungen. Denn das haben die jungen Leute dieser Mini-Schule gemeinsam: Sie alle haben Zeiten hinter sich, in denen sie nicht zur Schule gegangen sind. Schulabsentismus nennen Fachleute das massive Schwänzen. Motivia ist für die jungen Leute ein neuer Anfang mit intensiver sozialpädagogischer Begleitung. In diesem Jahr wird das Projekt, das in seiner Ausgestaltung einzigartig in Aachen ist, 25 Jahre alt.

Motivia startete 1998 als Modellprojekt. Träger der Maßnahme ist IN VIA, Verband Katholischer Mädchensozialarbeit in Aachen. „Es gab damals acht solcher Projekte für Schulverweigerer in ganz Deutschland“, erinnert sich die zuständige Fachbereichsleiterin bei IN VIA, Hildegard Kaufmann. Ganz unterschiedliche Rezepte im Umgang mit Schulverweigerern wurden ausprobiert. Seit 2002 wird das Projekt in Kooperation mit dem städtischen Jugendamt und der Bischöflichen Marienschule, Förderschule des Bistums mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, fortgeführt. Zwölf Plätze gibt es in der sozialpädagogischen Tagesgruppe, und die sind so gut wie immer belegt. Auch aktuell stehen mehrere Jugendliche auf der Warteliste.

Max Jülich geht seit einem Jahr bei Motivia zur Schule. In seiner früheren Schule, einer Gesamtschule, sei er mehr als anderthalb Jahre nicht mehr regelmäßig gewesen, erzählt er. „Ich kam mit den Lehrern nicht so klar.“ Bei Motivia schätzt er die individuelle Förderung und die intensive Betreuung. Lehrerinnen und Lehrer der Marienschule kommen für den Unterricht zu IN VIA an die Krefelder Straße. Sie gestalten für jeden Schüler ein passgenaues Unterrichtspensum. Denn die Jugendlichen bringen ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Lernstände mit.

Auf die Bedürfnisse zugeschnitten

Nina Knöpel ist noch recht neu in der Klasse. Sie wechselte im Sommer zu Motivia. Auch für sie ist es vorher nicht rundgelaufen in der Schule. Nach langer Krankheit hatte sie am Gymnasium auch viel Stoff versäumt. Die 15-Jährige lobt den Unterricht, der ganz auf die Bedürfnisse jedes Schülers zugeschnitten sei. Und das soziale Lernen ist ihr wichtig: „Hier hat jeder sein Päckchen zu tragen. Aber wenn’s hart auf hart kommt, ist jeder für jeden da.“

Sozialpädagoge Heiko Bodonge koordiniert das Projekt Motivia. Foto: ZVA/Michael Jaspers

In 20 Jahren haben auch die Macher bei Motivia viel gelernt. In den ersten Jahren habe man versucht, die Jugendlichen durch die Betreuung in Kleinstgruppen zu stabilisieren und dann zügig wieder an das normale Schulsystem heranzuführen, erinnert sich Heiko Bodonge. „Das hat nicht funktioniert.“ Wenige junge Leute nahmen den Weg zurück an die Regelschule. „Wir sind kein Feuerwehrprojekt“, haben Bodonge und sein Team über die Jahre feststellen müssen. Viele der jungen Leute haben offenbar derart gelitten im Regelschulsystem, dass ein Weg zurück für sie unvorstellbar bleibt. „Manche der Jugendlichen haben sogar bewusst Krisen produziert, weil sie nicht an ihre alte Schule zurückwollten“, sagt Bodonge. Heute bleiben Jugendliche im Schnitt zwei Jahre bei Motivia, in der Regel machen sie dort auch ihren Schulabschluss, oder sie wechseln in eine weiterführende Maßnahme oder in eine Ausbildung.

Max Jülich und Nina Knöpel arbeiten derzeit auf den Hauptschulabschluss nach Klasse 9 hin. Wenn sie den im nächsten Sommer in der Tasche haben, wollen sie den Hauptschulabschluss nach Klasse 10A in Angriff nehmen. Diese Möglichkeit gibt es bei Motivia erst seit dem vergangenen Jahr.

Es gibt viele Gründe

Es kann viele Gründe geben, warum junge Leute nicht mehr zur Schule gehen. Lernschwierigkeiten oder psychische Erkrankungen können Auslöser sein. Sind Vater oder Mutter psychisch krank oder suchtkrank, dann übernehmen die Kinder manchmal viel Verantwortung in der Familie und kümmern sich zum Beispiel um jüngere Geschwister. Auch Mobbing spielt zunehmend eine Rolle beim Thema Schulabsentismus. „Das hat in den letzten Jahren sehr zugenommen“, sagt Bodonge.

Neben sehr individuellem Unterricht in der kleinen Zwölferklasse bietet Motivia auch eine intensive Begleitung in allen lebenspraktischen Dingen, etwa wenn es um die Berufsfindung geht oder um Termine bei der Bank, bei potenziellen Arbeitgebern oder bei der Arbeitsagentur.

An drei Tagen gibt es nachmittags spezielle Angebote wie die Technikwerkstatt oder das Musikprojekt. Manche Schüler holen sich am Nachmittag Hilfe, um Unterrichtsstoff nachzuholen. Denn wer lange nicht in der Schule war, hat große Lücken. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten auch in der Hauswirtschaftsgruppe mit, die das Mittagessen plant, dafür einkauft und fürs gemeinsame Essen kocht. Max Jülich macht da gerne mit. „Miteinander kochen ist für alle was Gutes“, findet er. Und seine alte Schule? „Dahin will ich auf keinen Fall zurück“, sagt er.

Nina Knöpel möchte mittelfristig einen möglichst hohen Schulabschluss erreichen, damit ihr viele Berufswege offenstehen. „Ich habe vor, viel zu schaffen.“ Grundsätzlich sage es nichts über einen Menschen aus, auf welche Schule er geht, betont sie. „Nicht jeder muss aufs Gymnasium. Man muss sich selbst einen Weg schaffen.“ Dann gehen beide zurück in den Unterricht. Mathe steht auf dem Stundenplan.

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