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Aachen: Medizinstudenten lernen mit Schauspielern

Medizinstudium : Diese Simulanten helfen Ärzten weiter

Medizinstudenten können in Aachen mit Schauspielern den Umgang mit Patienten üben. Da werden Diagnosen gestellt und auch schlechte Nachrichten überbracht.

„Tauchen die Schmerzen eher tagsüber oder nachts auf?“, fragt Christian Sobernig. „Eher am Tag“, antwortet seine Patientin Anna Schulik. „Und wie würden Sie den Schmerz beschreiben?“ „Das ist ein dumpfes Gefühl, ich werde ängstlich dabei.“ Schulik deutet mit der Hand auf ihren Oberkörper, versucht angestrengt und schmerzerfüllt zu gucken. Sobernig sitzt ihr gegenüber, in weißem Kittel, und spricht mit besonnener Stimme. Dann erklingt ein lautes „Stopp“.

Anke Adelt, organisatorische Leiterin des Simulationspatienten-Programms im Aachener interdisziplinären Trainingszentrum für medizinische Ausbildung, kurz Aixtra, unterbricht die beiden. „Du müsstest noch mehr zeigen, dass du wirklich Schmerzen hast“, sagt sie zu Anna Schulik. Doch das ist gar nicht so leicht, denn Schulik hat keine Schmerzen und Sobernig ist nicht ihr Arzt.

Die beiden sind Medizinstudenten und simulieren, schauspielern. An diesem Tag tun sie das, um die Arbeit im Simulationspatienten-Programm darzustellen, normalerweise sitzen sie beide auf dem Platz des „Arztes“, ihr Gegenüber ist dann ein Schauspieler, der sehr realistisch Schmerzen und Krankheitssymptome zeigt. Mit allem, was dazu gehört. So, dass man dieser Person die Schmerzen wirklich abnimmt.

„Das Simulationspatienten-Programm ist in den 60er Jahren in den USA entstanden“, sagt Adelt. Irgendwann, so in den 90er Jahren, sei es dann nach Deutschland rüber geschwappt. Mittels Schauspielern können angehende Ärzte die Anamneseerhebung und den Umgang mit Patienten üben, die ihnen Situationen vorspielen, die wahren Patientengeschichten nachempfunden sind. Seit 2005 ist das Programm im Aixtra an der Forckenbeckstraße angesiedelt. Es wurde von Andrea Lenes, stellvertretende organisatorische Leiterin des Aixtra, aufgebaut. Seither wächst und gedeiht es ganz prächtig.

So sehen falsche Wunden beim Simulationspatienten-Programm aus. Die kommen allerdings nicht allzu oft zum Einsatz. Foto: Andreas Steindl

Auf 80 Simulationspatienten verschiedenen Alters und unterschiedlicher Statur können Adelt und Lenes zurückgreifen, darunter Schauspieler und Laiendarsteller, viele von ihnen stehen in lokalen Theatern auf der Bühne. „Es sind größtenteils Personen mit einer Affinität zur Schauspielerei“, sagt Adelt. Und das sei auch wichtig. Schließlich schlüpfen sie nicht nur in Rollen kranker Menschen, die in Gesprächen ihr Leid klagen, sondern sind teils auch Modellpatienten für körperliche Einsätze. So wie zuletzt bei der Großübung der Feuerwehr, Polizei, des Rettungsdienstes und der Deutschen Bahn Anfang November 2018 am Aachener Westbahnhof.

Einsätze dieser Art kommen allerdings nicht allzu häufig vor, doch wenn, dann gibt es künstliche Wunden, Kunstblut und auch dort ist viel schauspielerisches Talent gefordert. „Lachen ist ein Tabu“, sagt Adelt. Schließlich sollen die Einsatzkräfte unter möglichst realen Bedingungen üben können. So wie auch die angehenden Ärzte. Hinzu kommen beim Aixtra noch Trainings im Bereich der Führungskräfte, von Jahresgesprächen, Mitarbeitergesprächen und vielem mehr. Lenes fasst das gesamte Programm so zusammen: „Wir konzentrieren uns auf die Aus- und Weiterbildung im medizinischen Bereich.“

Akribisch vorbereitet

Steht ein solcher Termin an, ganz gleich welcher Art, wird der Schauspieler seine Rolle abrufen. Beim vorherigen Rollentraining wird er darauf vorbereitet – möglichst akribisch –, damit sämtliche Befindlichkeiten glaubhaft wiedergegeben werden können. „Es gibt rund 100 Rollen in unserem Repertoire“, sagt Lenes. Viele haben sich bewährt und werden immer wieder verwendet, andere werden ausgetauscht. In einer Rollenbeschreibung stehen dann beispielsweise Informationen zum Charakter, zur Biografie und natürlich zur Krankheitsgeschichte.

Im vierten Semester beginnt für die Medizinstudenten das Simulations-Training mit einfachen Übungen wie der Anamnese. Im zehnten Semester wird dann unter anderem das Überbringen von Todesnachrichten oder generell schlechter Nachrichten geübt. Kein leichtes Unterfangen, doch für die Studenten eine wichtige Übung.

Was tut man zum Beispiel, wenn sein Gegenüber plötzlich weint? Oder wenn der „Kranke“ seine Diagnose selbst übernimmt und die Symptome falsch deutet. Ein Arzt muss auf solche Szenarien vorbereitet sein, im Thema bleiben. „Gerade im Bereich der Palliativmedizin ist das auch sehr belastend“, sagt Lenes. Daher ist das Simulationspatienten-Programm in Aachen Pflicht für jeden Medizinstudenten. „So werden alle möglichen Szenarien authentisch durchgespielt“, sagt Lenes.

Eine Gesprächsübung dauert rund 10 bis 15 Minuten, hinzu kommt eine ausgiebige Feedback-Runde. Der vermeintliche Patient gibt dem „Arzt“ Feedback – nicht auf fachlicher Ebene, eher auf emotionaler. Und auch der „Arzt“ darf sich selbst beurteilen.

Es gibt zudem verschiedene Settings, mal findet das Gespräch so in einer Praxis statt, mal in häuslichem Umfeld. Und immer haben die Schauspieler ein paar Accessoires an sich, die sie nach dem Gespräch ablegen können, um auch die Rolle wieder abzulegen. „Das ist uns sehr wichtig“, sagt Adelt. Außerdem werde darauf geachtet, dass die Schauspieler keine Rolle erhalten, die persönlichen Erlebnissen nahekommt. „Wir haben auch eine Fürsorgepflicht“, betont Adelt. Und die nehmen sie ernst. Genauso wie ihre Arbeit im Simulationspatienten-Programm, die ein wichtiger Teil der Ausbildung medizinischer Kräfte ist.