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Aachen: Maria im Tann veranstaltet Radtour ans Meer

Maria im Tann : Jugendliche fahren Hunderte Kilometer für einen Tag am Meer

Glubschi und zehn Jugendliche der Einrichtung Maria im Tann haben dieser Tage nur ein Ziel vor Augen: Sie wollen ins Meer. Glubschi, das ist ein kleiner, orangefarbener, plüschiger Fisch. Und er wird netterweise von den Jugendlichen mitgenommen, die schon seit Dienstag auf ihren Rädern sitzen und täglich kräftig in die Pedale treten.

Mal wird er auf einem Gepäckträger eingeklemmt, mal sitzt er mit am Essenstisch. Aber immer wartet er geduldig darauf, endlich Norddeich an der Nordsee zu erreichen.

Schon zum zehnten Mal stellen sich Jugendliche gemeinsam mit fünf Betreuern der Einrichtung Maria im Tann einer riesigen Herausforderung: Sie fahren mit dem Fahrrad von Aachen aus an die deutsche Nordseeküste. Im Jahr 2008 hatte diese Tradition ihren Ursprung. Damals ging es von Aachen nach Berlin. Dieses Jahr sollte das Meer das Ziel sein. Und dort werden alle gemeinsam in einer großen Kette am 26. Oktober ins Wasser gehen – unabhängig vom Wetter. „Das ist der bekloppte Höhepunkt“, sagt Stefan Küpper, Leiter des Zentrums für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe Maria im Tann, und lacht.

Der Weg, den zehn Jugendliche, darunter drei Mädchen und sieben Jungen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren, am Dienstag eingeschlagen haben, führt sie über Düren, Dormagen, Duisburg, Haltern am See, Münster, Rheine, Meppen und Leer. Wer verfolgen möchte, wo sie gerade unterwegs sind, kann das im Netz tun. Denn nebenbei führen sie auch noch ein Onlinetagebuch, in dem sie berichten, wie es ihnen ergeht, wie das Wetter war und ob das Essen schmeckt. Dazu gibt es ein paar lebendige Bilder – immer mit dabei ist natürlich Glubschi. „Er ist das Maskottchen und dementsprechend wichtig“, sagt Küpper weiter. Und er ergänzt: „Wichtig war uns in der Planung für diese Tour, dass sie nur durch Deutschland geht, so dass auch einige der bei uns lebenden Flüchtlinge mitmachen können. So passiert neben dem ungezwungenen und fast beiläufigen Training der deutschen Sprache im Alltag vor allem eine völlig natürliche Integration zwischen Deutschen und hier angekommenen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge.“

Den Protest hautnah erleben

Die erlebnispädagogische Maßnahme dient auch dazu, die Region kennenzulernen und sich mit aktuellen Themen zu beschäftigen. Daher führte der Weg auch nach Merzenich und schließlich zum Hambacher Forst. „Dort wurde es durch die heutige politische Lage immer schwieriger, die richtigen Radwege zu finden“, schreiben die Jugendlichen in ihrem Online-Tagebuch „Ein Tag am Meer“. „Das war für sie sehr emotional. Es ist eben etwas anderes, die Proteste hautnah zu erleben und damit konfrontiert zu werden“, so Küpper. „Im Camp trafen wir auf nette Leute, die uns eine Führung durch das Zeltdorf ermöglichten und uns vieles erklärten. Dies fanden wir sehr interessant und es ließ uns somit deutlicher an der heutigen Situation teilhaben“, steht im Tagebuch. Im Anschluss wurde daher auch in der Gruppe über die Thematik Braunkohle und Hambacher Forst gesprochen.

„Die Tour ist ein Stück weit auch ein Abbild des Lebensweges“, so der Heimleiter weiter. „Alles, was am Wegesrand zu finden ist, nehmen wir mit.“ Denn während es im Alltag oft darum gehe, zu erziehen, korrigieren, erklären und verbessern, stehe nun die positive, gemeinsame Erfahrung im Vordergrund. Dies sei die Zeit für Lob und Zuspruch, für Selbstbewusstsein und auch die Zeit, um an die eigenen Grenzen zu gehen. „Manche Berge sind eben doof. Manchmal schmerzt auch das Gesäß ganz schön und manchmal möchte man das Rad am liebsten nicht mal mehr ansehen. Aber das Gefühl, es dann am Ende des Tages geschafft zu haben, ist das, was zählt“, sagt Küpper. Diese Erfahrung können die Jugendlichen seit 2008 jedes Jahr machen. Unterstützt wird die Aktion von der Familie Babor Cosmetics und dem LionsClub Aachen Aquisgranum. „Ohne die Sponsoren wäre das nicht möglich“, sagt Küpper.

Bis zur Rückkehr am 27. Oktober können alle Bekannten, Verwandten, Freunde und Interessierten den Verlauf der Radtour online verfolgen. Bis zum Ziel müssen Glubschi und die Jugendlichen allerdings erst mal noch einige Male in die Pedale treten, bis sie abgeholt werden. Zurückradeln müssen sie nämlich nicht.